„Das Ende von personalisierter Werbung“: Wie Burda mit Cliqz die Websuche revolutionieren will 

Anonym durchs Netz: Damit wollen Cliqz-Macher Jost Schwaner, Jean-Paul-Schmetz und Marc al-Hames überzeugen
Anonym durchs Netz: Damit wollen Cliqz-Macher Jost Schwaner, Jean-Paul-Schmetz und Marc al-Hames überzeugen

Tech Hubert Burda Media will Datenkraken die Tentakeln kappen und macht selbst den Schritt in den Browsermarkt. Beim Nutzer überzeugen will Cliqz mit Wahrung der Anonymität, u.a. durch eine eigene integrierte Suchmaschine. Das Vorhaben ist ambitioniert – und es ist eine weitere Schlacht gegen Web-Gigant Google. Einblick in ein ungewöhnliches Startup, bei dem ein klassisches Medienhaus Pate ist:

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Die Einladung zur Vorstellung der „jüngsten Internetinnovation aus dem Hause Burda“ warf erst einmal die Frage auf, ob die E-Mail zehn Jahre zu spät verschickt worden ist. Doch das Datum, der 08. März 2016, ließ keinen Zweifel: Burda verkündete an diesem Dienstag seinen Einstieg ins Geschäft mit Internetbrowsern und betritt damit einen Markt, der in den vergangenen Jahren nicht nur stark umkämpft war, sondern derzeit mit Google und seinem Browser Chrome einen international eindeutigen Marktführer hat (in Deutschland ist Mozillas Firefox das beliebteste Produkt). Doch damit nicht genug: Cliqz, so der Name des Produkts wie auch des dahinterstehenden Startups, will auch die Websuche bzw. Navigation im Netz „revolutionieren“. Es ist kein kleines Vorhaben.

Doch das Führungstrio der 80-prozentigen Burda-Tochter – neben Gründer-CEO und Burdas Chief Scientist Jean-Paul Schmetz sind das  Ex-ToFo-Manager Marc Al-Hames und Ex-Parship-COO Jost Schwaner – signalisiert vor allem Selbstbewusstsein. Das gründet sich  einerseits auf einem eigenen Web-Index, der die eigens programmierte Suchmaschine unabhängig von etablierten Anbietern wie Google funktionieren lassen soll. Zum anderen hat das Team eine Anti-Tracking-Technologie entwickelt, mit der es Nutzern ein kontrolliertes Surfen garantieren will, das zwar nicht komplett auf die Weitergabe von Daten verzichtet, den Nutzer aber anonym halten soll.

„Niemand muss uns blind vertrauen. Wir sind transparent“

Dass das Netz den Mensch gläsern gemacht hat, ist längst kein Geheimnis mehr. Um deutlich zu machen, welchen Weg Daten, die man vermeintlich nur dem Seitenbetreiber überlässt, aber tatsächlich gehen, hat Cliqz zum Launch noch die eigene Studie „Tracking the Trackers“ veröffentlicht. Und die besagt: In 73,6 Prozent aller *untersuchten Fälle erheben Tracker „unsichere Daten“, also Daten, die den Nutzer identifizierbar machen. Größter Empfänger der digitalen DNS: Google (42 Prozent), gefolgt von Facebook und AppNexus.

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Den Transport dieser Daten will Cliqz unterbinden. Was als unsicher gilt? Das hängt davon ab, wie einfach diese Daten zurückverfolgt werden können. Je mehr Nutzer den Browser nutzen, desto mehr Daten dürften als sicher gelten, weil der Heuhaufen um die Nadel immer größer wird. „Als unsicher eingestuft werden Datenelemente, die von einer so kleinen Zahl von Nutzern gesendet werden, dass Rückschlüsse auf Personen möglich sind“, heißt es. Das könnten beispielsweise Programme sein, die im Hintergrund laufen aber auch etwa eine Bildschirmauflösung, die nicht viele der Cliqz-Nutzer haben. Die Vermittlung dieser Information wird dann blockiert oder auch verfälscht.

Zwar wüssten auch die Macher von Cliqz nicht, was genau Facebook, Google, Amazon und Co. am Ende mit den zahlreichen Daten anfingen. Allerdings warnen sie vor Ausspähung, auch durch Behörden. „Wir zerstören die Verkettung aller Datenpunkte“, erklärte Al-Hames bei der Produktpräsentation am gestrigen Dienstag. Übrig bleiben sollen nur noch „sichere“, nicht auf den Nutzer zurückzuverfolgende Daten. Dabei solle der Nutzer immer die Übersicht behalten, so Al-Hames weiter. „Niemand muss uns blind vertrauen. Wir sind transparent.“ Über ein Infofenster können Nutzer in Echtzeit überprüfen, wie viele sichere Daten versendet worden sind und wie viele unsichere den Tracker nicht erreicht haben. Darüber hinaus lassen sich im Java-Skript auch die einzelnen Anfragen nachlesen – sofern der Nutzer das technische Know-how mitbringt.

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Burda-CEO Kallen: „Es bedeutet das Ende von personalisierter Werbung“

Obwohl durch Cliqz weniger Daten übermittelt würden, ließen sich aus Sicht der Publisher und Vermarkter beispielsweise noch immer Erfolge wie auch Zielgruppen messen wie auch werben. Cliqz zeige, dass Big Data und Datenschutz kein Widerspruch seien, so Burda-CEO Paul-Bernhard Kallen, der ebenfalls zur Präsentation erschienen war. Cliqz bedeute nicht das Ende von Werbung. Aber, und hier dürften Marketingverantwortliche die Ohren spitzen: „Es bedeutet das Ende von personalisierter Werbung.“ Aus Nutzersicht wäre das aufgrund der derzeit minderwertigen Umsetzung vermutlich kein Verlust. Aus Werbersicht wäre das die Einschränkung einer vielversprechenden Entwicklung. Dadurch, dass Cliqz keine Rückschlüsse auf einzelne Nutzer zulässt, sondern nur anonymisierte Daten erhebt, können keine personifizierten Inhalte zurückgespielt werden. Unklar ist, welche Konsequenzen das beispielsweise für Google-Ads haben könnte. Im Gegenzug dürfte für eine möglichst gezielte Werbung das Umfeld wieder mehr an Bedeutung gewinnen – ein potentieller Vorteil für Medien-Sites, die nach Angaben von Cliqz weiterhin ihre Zielgruppen definieren können.

Cliqz und das Leistungsschutzrecht: keine Snippets, kein Ärger

Auf der anderen Seite soll der Nutzer auf die Personalisierung des Browsers nicht verzichten. Zweiter wichtiger Bestandteil des Cliqz-Produktes ist die eigene in die Adresszeile integrierte Suchmaschine, die mit der von Cliqz benannten Human-Web-Technologie arbeitet. Was Cliqz für andere bestimmt, daran will sich das Unternehmen auch selbst halten: Eigenen Angaben zufolge erhält auch das Startup keine unsicheren Daten und sichere würden ebenso anonymisiert. Auf eine intelligente Suchmaschine soll der Nutzer von Cliqz trotzdem nicht verzichten. „Durch die Kombination der Ergebnisse seiner Suchmaschine mit Browser-Daten (Chronik, Lesezeichen) liefert Cliqz individuelle Webseiten-Vorschläge“, so das Unternehmen. Die Verarbeitung der Browser-Daten erfolge nicht auf Servern, sondern lokal. „Das heißt, sie bleiben auf dem Gerät, im Besitz und unter der Kontrolle der Nutzer“. Aus den eigens erhobenen Statistiken errechne Cliqz dann die Relevanz einzelner Suchergebnisse. Bedeutet: Zu Beginn sind die Suchergebnisse vermutlich nicht immer zufriedenstellend. Cliqz braucht mehr User und Erfahrungen, um möglichst gezielt zu funktionieren.

Die Besonderheit der Maschine wird bei der Eingabe der Suche deutlich. Ähnlich wie bei anderen Browsern denkt die Maschine bereits während des Tippens des Suchbegriffs. Anders als Google macht Burdas Browser aber keine Vorschläge zur Vervollständigung der Suche, sondern liefert direkt – derzeit drei – Ergebnisse. Nach Ansicht der Gründer ist das ausreichend. Von anderen Suchmaschinen habe man nämlich gelernt: „In über 80 Prozent der Fälle möchten die Nutzer einfach nur so schnell wie möglich zu einem bestimmten Ziel kommen“, erklärt al-Hames. Wollen Nutzer mit Cliqz explorativ, also tiefgründiger suchen, zeigt das Produkt schwächen auf. Ein entsprechendes Angebot wird nämlich nicht gemacht. Schickt der Nutzer seine Suche per Enter-Taste ab, verlässt Cliqz den eigenen Index und leitet zur etablierten (Google-)Suche weiter – wo dann wieder mehr Daten gelassen werden.

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Wie von einem Medienhaus wie Burda erwartet wird, spuckt Cliqz auch Verweise auf Newssites aus. In diesem Zusammenhang darf nicht vergessen werden, dass Burda und CEO Kallen neben Springer zu den größten Verfechtern des Leistungsschutzrechtes im Streit mit Google News sind. Ob die Ausweisung der Linkvorschläge LSR-konform seien, hätte man nicht überprüft, so al-Hames auf Nachfrage. Nötig wäre das vermutlich auch nicht: Denn Cliqz verzichtet auf die umstrittenen Snippets und zeigt lediglich Headline und Link an.

„Weg der Kommerzialisierung ist völlig unklar“

Unklar lassen Cliqz wie auch Burda, wie sie das Produkt in Zukunft monetarisieren wollen. In einem Absatz der Pressemitteilung heißt es, man werde in Zukunft „mit Werbung auf der Grundlage innovativer Targeting-Möglichkeiten“ Geld verdienen. Ausgeführt wird das nicht. Auch bei der Präsentation hielt sich Holding-Manager Kallen bedeckt. „Der Weg der Kommerzialisierung ist völlig unklar.“ An erster Stelle stehe das Produkt, nicht die Frage nach der Refinanzierung. „Bei WhatsApp hat man auch nicht vor Jahr sechs an eine Kommerzialisierung gedacht.“

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Dass Investoren ihr Kapital aber gewinnbringend einsetzen möchten, ist unbestritten. Günstig ist die Programmierung eines eigenen Browsers samt Suchmaschine gewiss nicht. Eine Summe wollte Kallen nicht einmal ansatzweise nennen. Bei einer Entwicklungszeit von knapp drei Jahren sowie einer Unternehmensgrösse von mehr als 90 Mitarbeitern ist das vielleicht sogar verständlich.
Um Cliqz an den Mann beziehungsweise auf das Endgerät zu bringen, hoffen die Manager derzeit offenbar noch auf Medien und Nutzerempfehlungen. Über Marketingmaßnahmen habe man sich bisher noch keine Gedanken gemacht, so Schwaner. Ein erstes Tool für die direkte Suchmaschine im Browser brachte Cliqz 2014 als Erweiterung des Firefox-Browsers im Sommer 2014 auf den Markt. Auf der Technologie des Open-Source-Angebots Firefox basiert Cliqz als ebenfalls Open-Source-Produkt.

Laut Schmetz sei man mit der Verbreitung des Tools zufrieden gewesen. Innerhalb weniger Monate sei die Zahl aktiver Nutzer auf über eine Million gestiegen. Welche Vorstellungen Kallen und die Startup-Manager vom Marktanteil des eigenen Browserproduktes haben, wollten sie sich nicht sagen. Man wolle sich zunächst auf den deutschen Markt konzentrieren, eine Internationalisierung sei zumindest technisch kein Problem, so al-Hames. Und Kallen: Der Ehrgeiz sei „nicht wahnsinnig limitiert.“

Cliqz gibt es für Windows- wie auch Mac-Betriebssysteme und können auch für mobile Endgeräte per App für Android und iOS geladen werden. Weitere Informationen sind hier zu finden.

*Informationen zur „Track the Trackers“-Studie:

Cliqz hat im September 2015 eine deutschlandweite Studie unter 200.000 Nutzern durchgeführt. Analysiert wurden eigenen Angaben zufolge 21 Millionen Page Loads von insgesamt fünf Millionen Websites auf 350.000 verschiedenen Domains.

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Alle Kommentare

  1. Das gibt es doch schon alles, nämlich Ixquick als Suchmaschine und Ghostery als Trackingblocker. Und die aus dem Burda-Suchdingens erzeugte „Werbung auf der Grundlage innovativer Targeting-Möglichkeiten“ ist das k.o.-Kriterium, überhaupt nur anzudenken, es als Alternative zu oben genanntem verwenden zu wollen.

  2. Als ob ein deutscher Verlag, Hort des Stillstandes und der Pfründeverteidigung, in der Lage wäre US-Techfirmen die Stirn zu bieten, lachhaft.
    Der Laden ist mir so unsympathisch das ich schon aus Prinzip nix von denen auf meinem Rechenr dulden werde. Genauso halte ich es mit Springer.

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