Die heimlichen Sieger der Radio-MA: Öffentlich-rechtliche Infosender gewinnen bei den Unter-40-Jährigen

Radio-Optik.jpg

Audio Während insbesondere viele Jugendradios laut neuester Radio-MA-Daten Hörer verloren haben, hat ein anderes Segment fast durchgängig zugelegt: die Infosender. Für Kanäle wie B5 aktuell, hr-Info, mdr Info und NDR Info ging es massiv nach oben. Überraschend dabei vor allem: Die Zuwächse gehen zu einem großen Teil auf das Konto der Unter-40-Jährigen.

Werbeanzeige

Sobald zweimal im Jahr die Daten der Radio-MA veröffentlicht werden, dreht die Hörfunkbranche durch. Für die Sender, die ihr Geld ganz oder zumindest teilweise mit Werbung verdienen, sind die Hörerzahlen das entscheidende Kriterium für den Erfolg im Werbemarkt. Doch auch für werbefreie Kanäle sind die Daten interessant, sind sie doch ein Gradmesser für die Popularität einzelner Sender oder ganzer Segmente.

Eins dieser Segmente ist das der Infosender, das sehr öffentlich-rechtlich geprägt ist. Nachrichten, viele Magazine, Gesprächssendungen zu Politik, Gesellschaft, Kultur – und dazu wenig bis gar keine Musik. Genau dieses Segment, das quasi das Gegenteil des belanglosen Nebenbei-Dudelfunks ist, auf den die Privaten, aber auch viele werberelevante Öffentlich-Rechtliche setzen, ist das Gewinner-Segment der aktuellen MA.

Der Blick auf die neun Infosender, deren Zahlen von der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (agma) ermittelt werden, zeigt, dass sieben der neun ihre Reichweite steigern konnten. Besonders deutlich nach oben ging es für B5 aktuell aus Bayern mit einem Plus von 82.000 Hörern pro Tag. hr-Info und MDR Info wuchsen um 34.000 bzw. 33.000, NDR Info um 24.000. Auch für den Info-Kultur-Mix-Sender Bayern 2, das noch sehr kleine SWRinfo und WDR 5 ging es nach oben. Verloren haben lediglich der Marktführer Deutschlandfunk, der mit 1,537 Mio. Hörern pro Werktag aber weiterhin die klare Nummer 1 ist, sowie das Inforadio des rbb.

ma 2016 Radio I: Infosender
Tagesreichweite 2016 I vs. 2015 II
Platz Sender (Mo-Fr) abs. in %
1 Deutschlandfunk 1.537.000 -11.000 -0,7
2 WDR 5 804.000 9.000 1,1
3 B5 aktuell 709.000 82.000 13,1
4 NDR Info 584.000 24.000 4,3
5 Bayern 2 501.000 19.000 3,9
6 MDR Info 430.000 33.000 8,3
7 Inforadio 284.000 -12.000 -4,1
8 hr-iNFO 257.000 34.000 15,2
9 SWRinfo 40.000 10.000 33,3
Quelle: ma 2016 Radio I / Tabelle: MEEDIA

Noch spannender ist der Blick auf die verschiedenen Altersgruppen der Radiohörer. So zeigt sich hier, dass die Infosender nicht etwa nur bei den älteren Menschen Hörer gewonnen haben, sondern zu einem großen Teil bei den Unter-40-Jährigen. Zählt man die Hörer der neun Sender zusammen, so ergibt sich bei den 30- bis 39-Jährigen ein Brutto-Plus von 8,8% gegenüber der vorigen ma 2015 II, bei den 20- bis 29-Jährigen eins von 9,7% und bei den 10- bis 19-Jährigen sogar eins von 13,7% – auch wenn die Sender hier mit brutto 183.000 Hörern pro Tag natürlich weiterhin das kleinste Publikum haben. Ein deutliches Plus gab es aber auch bei den 50- bis 59-Jährigen (+7,3%), ein ebenfalls starkes bei den 60- bis 69-Jährigen (+4,9%), ein minimales bei den Über-70-Jährigen (+0,4%) und einen Rückgang bei den 40- bis 49-Jährigen (-2,1%).

Überdurchschnittlich stark bei den Unter-30-Jährigen ist der NDR-Sender NDR Info. Bei den 20- bis 29-Jährigen liegt er mit 68.000 Hörern pro Tag direkt hinter dem Deutschlandfunk, der sein Programm aber bundesweit ausstrahlt, bei den 10- bis 19-Jährigen mit 46.000 Hörern sogar auf Platz 1 aller Infosender.

Die Entwicklung des Segments ist um so interessanter, wenn man gleichzeitig sieht, wie sich die Zahlen der eigentlichen Jugendsender entwickeln, die mit viel aktueller Musik und Unterhaltung die Zielgruppe der Unter-30-Jährigen erreichen wollen. Ihre Hörerzahlen liegen natürlich weiterhin meilenweit über denen der Infosender, doch die Entwicklung in der aktuellen ma sieht negativ aus. So büßte N-Joy bei den 20- bis 29-Jährigen z.B. 8,0% bei der werktäglichen Tagesreichweite ein, mdr Jump 7,4%, bigFM Hot Music Radio 9,9%, You FM 9,1% und planet radio sogar 13,4%. NDR Info gewann in dieser Zielgruppe z.B. 15.000 Hörer hinzu, Bruder N-Joy verlor 27.000.

Ob aus der Entwicklung ein Dauer-Trend wird, muss sich erst noch zeigen, die Momentaufnahme zeigt aber, dass insbesondere junge Zielgruppen in den aktuell ernsten Zeiten offenbar mehr Information wollen – und weniger Unterhaltung.

Werbeanzeige

Alle Kommentare

  1. So pauschal würde ich die Zahlen für die jungen Hörer nicht bewerten. Für mich heißt das eher: Wenn junge Leute Radiohören, dann eher etwas infolastiges. Ansonsten hat sich der Wert des Unterhaltungsradios deutlich reduziert. Meine Kinder 19 und 21 nutzen streamingdienste für die Musik, Youtube, Facebook snapchat für die Unterhaltung. … und ich (58) bin mittlerweile ähnlich davor. Ich glaube, dass Radio-Unterhaltung in den nächsten Jahren die Formate deutlich überdenken muss. Das geht schneller als man denkt, denn Smartphones haben den Vorteil des Radios überall verfügbar zu sein schon längst egalisiert. Kostenloses W-Lan in jedem Einkaufszentrum oder in vielen Stadtbereichen frist sogar nicht mehr am Datenvolumen.

  2. Wäre ja auch schlimm, wenn man trotz der abgepressten Milliarden den Kontakt zur Jugend verlöre.
    Man muss schon was tun, wenn die Party weitergehen soll und wenn es nur die Behauptung des Erfolges ist.

  3. Was hat den Bayern 2 in diesem Ranking zu suchen? Das Programm ist doch eine der ARD Kulturwellen.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige