„Die Ausbildung hinkt den neuesten Entwicklungen der Digitalisierung häufig hinterher“

Stephan Weichert ist Professor und Studiengangsleiter an der Hamburg Media School
Stephan Weichert ist Professor und Studiengangsleiter an der Hamburg Media School

Publishing Stephan Weichert, Leiter des Studiengangs Digital Journalism an der Hamburg Media School, vermisst einen Diskurs über die Digitalisierung der journalistischen Ausbildung. Im Interview mit MEEDIA schlägt er vor, dass Hoch- und Journalistenschulen zu digitalen Innovationsstätten werden. Denn: "Wenn wir so weiter machen wie bisher, wird irgendwann ein Nachfrageproblem auftreten."

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Herr Weichert, Sie haben mit der Journalistenausbildung in Deutschland ein Problem. Wieso?
Nicht ich persönlich habe ein Problem, sondern die Journalistenausbildung hat möglicherweise eines. Zumindest sehe ich eines in den kommenden Jahren auf sie zukommen. Die Ausbildung hinkt den neuesten Entwicklungen der Digitalisierung häufig hinterher. Viele Ausbildungsstätten begehen den Fehler, jungen Leuten überholte Vorstellungen und Qualifikationen zu vermitteln, so dass sie später nur schwer am Berufsmarkt vermittelbar sind Das ist nicht nur meine Einzelmeinung, sondern das hat kürzlich auch eine empirische Studie der TU Ilmenau herausgefunden. Mein dringender Appell lautet daher: Auch die Ausbildungseinrichtungen müssen darauf eingestellt sein, sich ab sofort ständig zu verändern.

Das klingt dramatisch. Was läuft falsch?
Man kann berufliche Erfolge schwer vorhersagen, aber viele Einrichtungen machen nach meinem Eindruck noch immer den Fehler, die klassischen Modelle, Rollen und Standards eins zu eins in die digitale Welt zu replizieren. Es gibt noch immer eine Scheu davor, sich von den alten Denkmustern zu lösen und noch radikaler auszuprobieren. Für viele sind Experimente mit Listicles, GIFs oder Quizzes ein absolutes Nogo, die wollen lieber die reine Lehre, auch wenn ihre publizistischen Ergüsse womöglich am Zielpublikum vollkommen vorbeigehen. Die Frage, wie der Journalismus freizügiger mit sich selbst umgehen und zur „real digital experience“ werden kann, wird in der journalistischen Aus- und Weiterbildung verschleppt.

Was sind die Gründe dafür?
Das hat zum einen etwas mit der Bewahrung von Traditionen zu tun, zum anderen mit der Innovationsresistenz von Mitgliedern einzelner Institutionen. Es hat, drittens, auch mit der Arroganz jener zu tun, die den Journalismus bisher immer dominiert haben und schon immer wussten, wie er funktioniert, während sich die Welt um sie herum weitergedreht hat. Das Geheimnis liegt darin, dass die Ausbildung selbst zur lernenden Organisation wird. Digitaler Journalismus ist ein einziger Innovationsprozess, der nur Hand in Hand mit der Branche weiterentwickelt werden kann. Und dieser Gedanke beginnt gerade erst, sich in einigen Köpfen zu verfestigen.

Was müssen denn digitaler Journalismus oder eine digitale Ausbildung leisten?
Digitale Ausbildung und Lehre müssen zur Speerspitze des journalistischen Innovationsgeschehens werden, indem sie Grenzen austesten und mit neuen Plattformen experimentieren. Für die Auszubildenden bedeutet es zum Beispiel, sich mit einem neuen Selbst- und Rollenverständnis anzufreunden. In der digitalen Welt sind Journalisten eher als Moderatoren und Kuratoren gefragt, die in einen engen Kontakt mit ihren Nutzern treten. Das eigene Sendungsbewusstsein nimmt ab, während die Entwicklung neuer Storytelling-Formen aus den Bedürfnissen der Zielgruppe heraus immer wichtiger wird. Weitere Themen sind Kollaborationen mit anderen Gewerken und Berufsfeldern, etwa mit Entwicklern, Designern oder Statistikern. Die Ausbildung ist so etwas wie der Kanarienvogel in der Kohlemine, der herausfindet, was in der Medienbranche als nächstes funktioniert und was scheitern wird.

Sie sind unter anderem Studiengangleiter des berufsbegleitenden Masterprogramms Digital Journalism an der Hamburg Media School, einer halb staatlich, halb privat finanzierten Hochschule. Sitzen Sie nicht auf dem richtigen Stuhl, um etwas zu ändern?
Ich nehme mich von dieser Entwicklung natürlich nicht aus, niemand kann das. Aber wir versuchen seit drei Jahren, durch unser digitales Weiterbildungsangebot einen Gegenentwurf zu den gängigen Curricula anzubieten, indem wir sehr konkret mit namhaften Praktikern und Medienunternehmen zusammenarbeiten und letzteren auch bei der Digitalisierung unter die Arme greifen. Meine Mission ist es, unseren Studenten ein Mindset zu vermitteln, das sie früher oder später in die Lage versetzt, den Journalismus neu zu erfinden. Ich glaube, dass in der richtigen journalistischen Ausbildung, die zum Beispiel Unternehmergeist und eine Start-up-Kultur vermittelt, letztlich der Schlüssel für den wirtschaftlichen Erfolg des Journalismus liegt. Wenn wir so weiter machen wie bisher, wird irgendwann ein Nachfrageproblem auftreten. Ich befürchte, dass niemand mehr Journalist werden möchte, wenn sich das Berufsbild nicht an den Bedürfnissen, Ängsten und Hoffnungen der Menschen orientiert – auch weil die Aspiranten in anderen Branchen größere Karriereperspektiven wittern, in denen sie mehr verdienen, vielleicht sogar mehr Ansehen genießen und sich eher selbst verwirklichen können

Was können Sie als Ausbilder oder Institution zur Verhinderung Ihrer Befürchtungen  beitragen?
In den USA gibt es schon seit Jahren so genannte Innovationszentren oder Teaching Hospitals. Den Begriff hat sich die Medienbranche aus der Medizin geklaut. In gewöhnlichen Teaching Hospitals werden medizinische Novizen ausgebildet, die konventionelle Behandlungs- und Heilmethoden erlernen. Der Vergleich hinkt etwas, weil dort gerade nicht mit neuen Methoden experimentiert wird. Übertragen auf den Journalismus könnte das aber bedeuten, dass die Aus- und Weiterbildung direkt in die reale Redaktionsarbeit einfließt und mit echten Nutzern getestet wird. Unserer berufstätigen Studierenden haben diesen Praxistest bereits in mehreren Projekten mit etablierten Redaktionen erprobt, manche Ergebnisse wurden veröffentlicht, andere verworfen. Wichtig ist, dass die Aus- und Weiterbildungeinen starken experimentellen Charakter erhält und vor allem Feedbackschleifen zulässt. Studierende arbeiten also wie in einem Entwicklungslabor und prägen so die Innovationen des digitalen Journalismus von morgen. Auch in einigen Journalistenschulen ist so etwas schon gang und gäbe, inzwischen unterhalten manche Verlage hauseigene Innovationsabteilungen. Trotzdem müssen wir uns eines vor Augen halten: Redakteure haben im redaktionellen Alltag oft keine Zeit, sich mit solchen Fragen eingehend zu befassen. Und eigene kleine Medienlabore, wie jetzt der Spiegel eines ausgegründet hat, gibt es noch nicht so viele – und muss es auch gar nicht, wenn die Hochschulen und Journalistenschulen diese Funktion übernehmen

In der Branche tut sich etwas. Erst in der vergangenen Woche wurde bekannt, dass die Hamburger HAW einen Studiengang mit Teaching Hospital gründet. Aber: Ist es überhaupt die Aufgabe von Ausbildungseinrichtungen, Entwicklungslabor zu sein? Journalistenschulen beispielsweise bilden doch auch nach eigenem Bedarf aus.
Letztlich ist vermutlich das ein Teil des Problems der Journalistenschulen. Während man vielleicht von ihnen die meisten Innovationen erwarten würde, weil sie so praxisnah sind, bilden sie in der Regel so aus, wie sie immer ausgebildet haben. Es gibt natürlich Ausnahmen, wo die Ausbildung des Nachwuchses längst digital ausgerichtet ist. Aus- und Weiterbildungseinrichtungen werden vielleicht nicht gleich die Rollen von Acceleratoren übernehmen, aber eine Vorstufe zur Förderung und Entwicklung von unternehmerischen Ideen. Ich betrachte es als unsere Kernaufgabe, dafür eine fundierte Basis zu liefern, die über tagesaktuelle Bedarfe hinausgeht und dazu befähigt, neue Lösungswege zu entwickeln.

Gibt es ein Vorbild nach dem Sie handeln würden?
Auch im Bereich der Ausbildung sind uns die Amerikaner um einiges voraus. Sie investieren mehr, sie sind mutiger und haben eine starke Verschränkung mit der Medienpraxis. In New York oder an der Westküste der USA gibt es einige fantastische Ausbildungsstätten, die eigentlich nur noch wie Testlabore arbeiten. Wir sind gerade dabei, ein solches Modell zu adaptieren: Wir starten in Kürze das „Millennial Lab“, das die Nutzungsvorlieben der Millennial-Generation gezielt und praxisnah untersucht und in Zusammenarbeit mit der Branche neue Tools und Produkte entwickelt.

Sie haben mal in einem Beitrag für das Fachmagazin Journalist geschrieben, dass es zu früh sei, um von einer “Ausbildungskrise” zu sprechen – und haben gerade diese dadurch thematisiert. Stehen wir vor einer Krise?
Ich will sie nicht heraufbeschwören, aber viele meiner Kollegen wissen, dass das, was sie anbieten, nicht wirklich cutting edge ist. Es muss zu unserem Selbstverständnis gehören, dass wir als Trainer und Ausbilder bestenfalls ständig in Bewegung bleiben, indem wir nicht nur den Kontakt zur Praxis pflegen, sondern uns auch nicht zu schade sind, einmal in einem Newsroom zu hospitieren. Leider gibt es viele Kollegen, die noch nicht verstanden haben, dass journalistische Ausbildung neu gedacht werden muss. Oft fehlt es aber nicht nur am Reformwillen, sondern auch am Willen zur systematischen Investition – sowohl in den Verlagen und Rundfunkhäusern als auch in den Ausbildungsstätten selbst. Wir stehen damit langfristig vor einem Dilemma, das viele einfach aussitzen wollen, doch irgendwann ist es zu spät. Meine Intention war und ist es, den Elefanten im Raum zu benennen und darüber eine offene Debatte anzustoßen – idealerweise mit einem langfristigen Gewinn für alle, die sich an der Debatte beteiligen möchten.

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Alle Kommentare

  1. Wenn sich ein Instruktor (i.w.S.) mit dem Wesentlichen auseinandersetzt, braucht er dem Gestrigen nicht hinterherjapsen. (Was jetzt uptodate scheint, ist am Abend hilflos überholt.)

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