Von Schweinshaxen bis AfD-Verdruss: Willkommen in der Meinungsrepublik Deutschland

Umfragen, überall Umfragen
Umfragen, überall Umfragen

Meinungsumfragen haben Konjunktur in Deutschland. Die vermeintlichen Gradmesser der Volksstimmung verkommen dabei zusehends zu belanglosem Klick- und Quoten-Treibstoff. Jedes Thema wird per Umfrage zur Pseudo-Nachricht hochgejazzt oder weitergedreht.

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Laut der aktuellen Meinungsumfrage des ARD Deutschlandtrends ist die Zustimmung der Bevölkerung zur Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel also wieder um acht Prozentpunkte auf 54% gestiegen. Na sowas. Vergangenen Monat – wir erinnern uns dunkel: Januar, das war nach den verhängnisvollen Übergriffen in Köln – war der Zustimmungswert auf einem Tiefpunkt angelangt. Im Januar gaben 81% der Befragten im Deutschlandtrend zu Protokoll, dass die Regierung die Flüchtlingskrise „nicht im Griff“ habe. Das war unter dem frischen Eindruck von Köln nicht verwunderlich und doch geistern die 81% seither ewig aktuell als eine Art Kronzeugen-Zahl für das Regierungsversagen in Sachen Flüchtlinge durch Talkshows und Artikel.

Vergangenen Monat war also Kanzlerinnen-Dämmerung in der Meinungsrepublik Deutschland. Diesen Monat schon wieder Daumen hoch für die Kanzlerin. Es ist eine Achterbahnfahrt, es ist ein Wahnsinn. Monat für Monat, Woche für Woche, Tag für Tag messen Meinungsforscher „den Deutschen“ die Temperatur per Umfrage. Vorzugsweise per Telefon oder online, weil das geht am schnellsten.

Die Meinungen werden dann zu Daten und somit ihrerseits zum Rohstoff für Berichterstattung. Das beschränkt sich längst nicht mehr nur auf die Politik. Alles und jedes Thema ist heute Umfrage-tauglich.

Die CDU in Schleswig-Holstein dachte sich angeblich den absoluten Quatsch-Vorschlag aus, eine „Schweinefleisch-Pflicht“ in Kitas und Schul-Kantinen einzuführen, um der Islamisierung dort entgegenzuwirken. Schon steht das Umfrage-Institut YouGov parat und liefert den Medien mundgerecht ein auf Umfragen basierendes Profil des deutschen Schweinshaxen-Essers als überdrehte Weiterdrehe. Dabei kommt dann heraus, dass einer, der gerne Schweinshaxen isst, auch gerne „Arbeiten rund ums Haus erledigt“, konsequent Müll trennt, gerne bar zahlt, Xing als Soziales Netzwerk nutzt und Bild am Sonntag sowie Welt der Wunder liest. Das ganze basiert auf einer Stichprobe von 849 Personen und ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung zu sehen. Dass die Forderung nach einer Schweinefleisch-Pflicht genau genommen gar keine war, wird im allgemeinen Themen-Tohuwabohu dann schon gar nicht mehr wahrgenommen. Schnell zum nächsten Umfrage-Thema.

Das Institut YouGov macht sich aktuell einen Namen damit, Umfragedaten zu Allem und Jedem wie aus der Maschinenpistole geschossen zu liefern. Ein Drittel der Deutschen würde ins Weltall reisen, englische Werbesprüche verstehen die meisten nicht, finden sie aber trotzdem gut, 24% schreiben noch nach alten Rechtschreiberegeln und das ideale Alter der Deutschen ist 37. Meinen „die Deutschen“ laut einer YouGov-Befragung.

Auch Unternehmen haben die Umfrage als probates Mittel der PR für sich entdeckt. Immer mehr Pressemitteilungen buhlen mit Umfragen um die Aufmerksamkeit der Redaktionen. Eine Umfrage der Singlebörse Bildkontakte.de hat zum Beispiel ergeben, dass jede zweite Frau ihrem Partner nachspioniert. Zum „Tag der Tiefkühlkost“ ließ der Verein „Die Lebensmittelwirtschaft“ per Umfrage ermitteln, dass 90% „der Deutschen“ der Meinung sind, dass Tiefkühlprodukte das Kochen erleichtern (TNS Infratest Dimap). Ja sowas! Und, bitte anschnallen,  24% der deutschen Autofahrer bevorzugen beim Parken einen Parkplatz, bei dem ihr Auto nicht neben einem anderen Auto parkt. Das hat die Versicherung CosmosDirekt per Umfrage von Forsa herausfinden lassen.

A propos Forsa. Der stern-RTL-Wahltrend des Forsa-Instituts sieht die AfD bundesweit schon wieder unter der 10%-Marke. Wobei man dabei im Hinterkopf haben sollte, dass der Forsa-Chef Manfred Güllner eine spezielle Agenda in Sachen AfD-Prognosen zu haben scheint, wie das Medienblog Übermedien.de aufdröselte. Will heißen: Man kann den Eindruck gewinnen, Forsa gestaltet Umfragen so, dass die persönlichen Prognosen des Forsa-Chefs möglichst eintreffen. Eine ganz spezielle Art der sich selbst erfüllenden Prophezeiung wäre das.

In der Medienbranche selbst werden auch immer häufiger Umfragen gemacht. Laut der Zeitschrift Maxi sind „die Deutschen“ Geburtstagsmuffel, da eine aktuelle und natürlich „exklusive“ Umfrage ergab, dass jeder Zehnte keinen Geburtstag feiert. Manchmal frisiert man sich die Umfragen auch so, wie man es gerne hätte. Die Gewerkschaftszeitschrift des Deutschen Journalisten Verbandes, journalist, hat eine Umfrage gemacht, die den Umgang von Zeitungsredaktionen mit so genannten Hass-Kommentaren auf Online-Seiten betrifft. Schlagzeile der Pressemitteilung vom journalist: „Nahezu jede zweite Zeitungsredaktion schränkt Onlinekommentare ein“.

Zunächst einmal wurden vom journalist 119 Redaktionen gefragt. Von diesen haben 66 geantwortet. Und von diesen 66 Redaktionen haben 27 erklärt, ihre Online-Kommentarfunktion eingeschränkt zu haben. „Nahezu jede Zeitungsredaktion“ ist da schon ein bisschen hoch gegriffen, liest sich aber schmissiger als „über ein Drittel der 66 Redaktionen, die uns geantwortet haben.“ In der Weiterverarbeitung von solchen Umfragen wird die Datenbasis gerne weggelassen und man verallgemeinert das Ergebnis auch nicht-repräsentativer Umfragen auf „Deutschland“ oder „die Deutschen“.

So schreibt Stefan Niggemeier in dem oben erwähnten Artikel bei Übermedien, dass die Frankfurter Presse über eine zweifelhafte Forsa-Umfrage zur AfD: „Forsa-Umfrage: Die Deutschen wollen in Medien weniger über die AfD (…) erfahren“. „Die Deutschen wollen“ steht da. Dabei war es in der Umfrage eine Minderheit „der Deutschen“ die sich angeblich weniger AfD-Berichterstattung in den Medien wünschen. Offenbar egal, Hauptsache die Zeile knallt.

Soziale Medien wie Facebook und Twitter ermöglichen es nun auch jedem, selbst einfache Instant-Umfragen zu erstellen. Die sind dann zwar null repräsentativ aber wen juckt’s. Die Balken sehen schick aus und es ist eine Umfrage.

Medien haben es zu gerne, wenn sie „Umfrage:“ vornedran schreiben können. Das entbindet scheinbar automatisch vom Zwang, selbst etwas schlüssig herleiten zu müssen und ist fast so gut wie „Studie:“. Eine Meinungsumfrage hat mittlerweile in der medialen Wahrnehmung den Rang eines objektiven Kriteriums erreicht. Komisch, oder? Dabei ist es doch nur Meinung.

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Alle Kommentare

  1. Das war Helmut Kohl, der Umfragen eingeführt hat. Wahrscheinlich entsprach die öffentliche Wahrnehmung seiner Person nicht seinem Gusto?

    Aus 1005 Befragten auf die politische Stimmung im Land zu schließen, halte ich auch für gewagt. Wir können gar nicht nachvollziehen, was ein „repräsentativer Querschnitt“ sein soll?
    Nach Wahlen erscheinen auch die Hochburgen dieser und jener Partei schön sortiert nach Gemeinden und Stadtteilen. Fragten die Meinungsforscher nun nur die CDU-Hochburgen ab, dann kann man wohl davon ausgehen, daß nicht SPD dabei heraus kommt?

    Etwas anderes macht mich jedoch ebenfalls skeptisch: Am Wahlabend steht Punkt 18 Uhr der Sieger fest plusminus 2%. Um 18 Uhr werden aber erst die Wahllokale geschlossen, erst dann dürfen die Stimmen ausgezählt werden, und weil die Wahlhelfer keine Mathematiker sind, kann das schon die halbe Nacht dauern?

    Na Hauptsache, wir haben was zum Jubeln und bleiben imTrend.

    1. Als ehrenamtlicher Wahlhelfer darf ich verraten, dass es manchmal wirklich recht schnell geht. Kurz vor 18:00 sind alle Helfer der drei Schichten sowie der Wahlleiter vor Ort. Insgesamt 10 Menschen. Dann wird die Urne auf einen großen Tisch ausgeschüttet und jeder nimmt einen Stapel und sortiert. So etwa 50 – 90 Stimmzettel pro Person, je nach Wahlbeteiligung. Das ist nach 5 Minuten erledigt. Nun wird getauscht und nachgezählt, um Zählfehler auszuschließen. Dann werden die Stimmen für jede Partei zusammengezählt und in einen separaten Umschlag verschlossen. Stimmen nun noch die Gesamtzahl der Wahlzettel mit der abgehakten Liste der Wähler überein, kann um 18:15 schon das Ergebnis an die Zentrale telefonisch übermittelt werden. Später zählt diese noch einmal die Stimmen aus den verschlossenen Umschlägen nach. Bei so vielen Helfern quer aus der Bevölkerung sehe ich eigentlich auch keine Möglichkeit der Manipulation. Ich kann am nächsten Tag in der Zeitung die Ergebnisse „meines“ Wahllokals nachlesen. Und ich habe sie ja selber überprüft.

  2. Es gibt ein schon recht betagtes Buch mit dem Titel „How to lie with statistics“, welches aber immer noch so aktuell ist, wie bei seinem Erscheinen vor rund 60 Jahren. Das sollte jeder, der sich mit Statistiken beschäftigt, gelesen haben.
    In den 80-ern hat man sich mit Umfragen noch viel mehr Mühe gegeben. Z. Bsp. alle ungeraden Hausnummern, immer Paterre, jüngster weiblicher Bewohner über 18 etc.
    Heute glauben die Dümmsten, sie könnten eine objektive Meinung („gesundes Volksempfinden“) auch online erzeugen. Auf der Homepage der NPD würde eine Umfrage ergeben, dass 97% der Befragten jeden weiteren Zuzug von Ausländern sofort unterbinden würden, während 96% der Linken sofort eine Vermögensabgabe einführen möchten.
    Die Mühe von Haus zu Haus zu gehen und so in unterschiedlichen Wohngegenden die Menschen persönlich zu befragen , macht man sich nicht mehr. Man ruft einfach Telefonnummern nach dem Zufallsprinzip an. Und Menschen wie ich, die das Gespräch sofort verweigern, tauchen dann in der Statistik nicht auf. Hinterher wird dann die Meinung der Gelangweilten, die Zeit für solche Telefonumfragen haben, als repräsentativ verkauft.

  3. Wir hatten hier bei uns hier in Schönberg (300-400 Seelendorf) vor einigen Jahren schonmal die Afd gewählt, damals noch unter Lucke…
    Wir trafen uns vor der Feuerwehr mit einigen Freunden die ebenfalls Afd wählen wollten…
    Nach der Stimmenauszählugn gabs zu lesen : Schönberg 0 Stimmen Afd…

    Diesesmal werde ich denen beim Zählen genau auf die Finger schauen

    1. Ist doch einfach. Jeder hats gesagt, aber keiner hats getan. Die Wahlhelfer in Ihrem Wahllokal waren Ihnen vermutlich persönlich bekannt. Haben Sie denen schon gesagt dass Sie die für Betrüger halten?
      Und genau, gehen Sie mal hin. Ich hoffe das tun alle AfDler, damit dieses Verschwörungs- und Manipulationsraunen mal aufhört. Sie können sich auch ehrenamtlich als Wahlhelfer engagieren. Aber den ganzen Sonntag wollen Sie für die „gute Sache“ sicher nicht opfern.

      1. Ich darf mal an Bremen erinnern, die Wahlfälschung zum Nachteil der AfD wurde nachgewiesen und korrigiert.

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