Yahoos Suche nach einem Käufer: der lange Abschied vom Web 1.0-Dino

Yahoo-CEO Marissa Mayer:  Verizon kauft den Internet-Riesen Yahoo
Yahoo-CEO Marissa Mayer: Verizon kauft den Internet-Riesen Yahoo

Digital Economy Der Ernstfall tritt ein: Nach jahrelangem Dümpelkurs beugt sich Marissa Mayer dem Druck der Großaktionäre und stellt Yahoo zum Verkauf. Mayers Mission, den Internet-Dino für das Mobilzeitalter fit zu machen, ist misslungen. Es droht ein Ende in der Bedeutungslosigkeit wie bei AOL. Die Yahoo-Chefin selbst mutierte bei ihren gescheiterten Rettungsversuchen von der Hoffnungsträgerin zum Problemfall.

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Auf den ersten Blick hat Marissa Mayer die Argumente weiter auf ihrer Seite: Bei 15,60 Dollar stand die Yahoo-Aktie, als die langjährige Google-Managerin am 17. Juli 2012 das Ruder beim schon damals stagnierenden Internet-Dino übernahm. Bei 32,80 Dollar sind Anteilsscheine von Yahoo heute angekommen, der Wert hat sich also mehr als verdoppelt.

Auf den zweiten Blick relativiert sich die vermeintlich so gute Börsenperformance allerdings. Die Yahoo-Aktie lag auch schon mal bei 52 Dollar – und zwar kurz nach dem Börsengang von Alibaba, als der chinesische E-Commerce-Riese einst zu Höchstkursen gehandelt wurde. Seitdem hat die Alibaba-Aktie 45 Prozent an Wert eingebüßt und Yahoo synchron 1:1 mit ihr.
Summe von Yahoos Beteiligungen wertvoller als Yahoos Börsenwert

Die Abhängigkeit kommt nicht von ungefähr: Yahoo ist noch mit 15 Prozent am wertvollsten chinesischen Internetkonzern beteiligt, was nach aktuellem Börsenwert einer Beteiligung im Wert von allein 26 Milliarden Dollar entspricht. Yahoos eigener Börsenwert fällt mit aktuell 31 Milliarden Dollar nur geringfügig höher aus.

Ebenfalls in der Marktkapitalisierung enthalten ist allerdings auch noch die Beteiligung an Yahoo Japan: Der 35,5-Prozent-Anteil ist aktuell rund 7 Milliarden Dollar wert. Bedeutet: Die Summe der Beteiligungen ist mit 33 Milliarden Dollar höher als der Wert, den die Wall Street aktuell Yahoo als Ganzes zubilligt.

Kerngeschäft seit Jahren im Rückwärtsgang

Ein Grund für den Abschlag: Die anhaltende Unklarheit über die steuerliche Behandlung eines vollständigen Verkaufs der Alibaba- und Yahoo Japan-Anteile, bei dem schnell 15 bis 20 Prozent Steuern entstehen könnten. Doch selbst dann würde die Börse Yahoos Kerngeschäft mit nahezu null Dollar bewerten.
Wie ist dieser erstaunliche Wertabschlag zu erklären? Mit einer beständigen Erosion des Kerngeschäfts. Erlöste Yahoo 2008 noch 7,2 Milliarden Dollar im Gesamtjahr, waren es 2015 nur noch 4,96 Milliarden Dollar.

Marissa Mayer kann damit zwar die höchsten Erlöse seit Übernahme der Amtsgeschäfte und immer noch einen Konzernüberschuss in dreistelliger Millionenhöhe präsentieren, doch für den Einbruch von fast einem Drittel der Umsätze in einem seit Jahren wirtschaftlich freundlichen Umfeld, in dem mit Online-Werbung sehr gutes Geld zu verdienen ist, wie Facebook und Google vormachen, fehlen die Argumente.

Keine Antwort auf Google und Facebook gefunden

Hier wird das eigentliche Problem von Yahoos Niedergang offenbar: Der Gigant der Internet 1.0-Ära, der Ende 1999 mit 100 Milliarden Dollar noch der wertvollste Internetkonzern der Welt war, hat den Sprung in das 2.0-Zeitalter schlicht verpasst.

Nicht nur bei der Internet-Suche hat Yahoo gegenüber Google das Nachsehen – auch im Social Web hat Yahoo nie eine Antwort auf Facebook gefunden, das es 2006 fast für 1 Milliarde Dollar erworben hätte. Mark Zuckerberg erklärte später, dass er nie so dicht dran war, das Social Network zu verkaufen.

Yahoos Kernproblem: Den mobilen Internet-Boom verpasst  
Parallel zum Aufstieg von Google und Facebook geriet Yahoo, das 2008 noch die Chance auf einen 53 Milliarden Dollar schweren Exit an Microsoft hatte, im Sog der Finanzmarktkrise dann ins Trudeln und verschliss seit dem Rücktritt von Unternehmensgründer Jerry Yang im November 2008 bis zum Amtsantritt von Marissa Mayer allein drei CEOs in nur vier Jahren: Carol Bartz, Scott Thompson, Ross Levinsohn.

In dieser Zeit vollzog sich Yahoos eigentlicher Niedergang: Der Internet-Dino war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und verschlief nicht nur den Aufstieg des Social Web, sondern vor allem des mobilen Internets. Die seinerzeit schon beliebte Foto-App Instagram war 2012 für gerade mal eine Milliarde Dollar zu haben – doch die überwies der wagemutigere Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, während Yahoo, geschwächt nach Carol Bartzs Abgang, nach einer neuen Führung suchte.

Tumblr-Übernahme symptomatisch für Mayers misslungene Turnaround-Pläne
Als Marissa Mayer als hoch gewettete Hoffnungsträgerin Yahoo übernahm, versuchte sie gleich im ersten Jahr mit ihrer Königsakquisition für die so wichtige Aufbruchstimmung zu sorgen. Doch wohl keine andere Anstrengung steht stellvertretender für das Scheitern der Ägide Mayers als die 1,1 Milliarden Dollar teure Wette auf den Blogging-Dienst Tumblr, der bis heute nicht annähernd sein Versprechen eingelöst geschweige denn Werbedollars erlöst hat.

Sogar eine Abschreibung in dreistelliger Millionenhöhe musste Yahoo auf Tumblr bei den gerade erst vorgelegten Quartalszahlen vornehmen – Facebook hat den Wert von Instagram nach Analysteneinschätzung mindestens verfünfzigfacht. Es ist nicht das erste Mal, dass Yahoo nichts aus einer vielversprechenden Akquisition macht: 2005 übernahm der Internet-Pionier aus einer Position der Stärke den Foto-Sharing-Dienst Flickr, so etwas wie das Instagram der 1.0-Internet-Ära – der Durchbruch gelang nie.

Zu spät für erneuten Neuanfang

Im vierten Amtsjahr scheint Marissa Mayer nun mit ihren Optionen am Ende: Für einen erneuten Neustart ist es zu spät, nicht zuletzt, weil die Milliarden aus der Alibaba-Beteiligung seit Jahren wegen steuerlichen Unklarheiten blockiert sind, und selbst der Spin-Off als eigenständiges Finanzvehikel scheiterte bislang.

Und wen könnte Yahoo noch für neue Milliarden kaufen: den selbst strauchelnden Social Media-Liebling Twitter? Oder doch einen hoch gewetteten Newcomer wie Snapchat oder Airbnb, der kaum gewillt sein dürfte, seine Wachstumschancen durch eine Eingliederung bei Yahoo dahin schwinden zu sehen?

Abwicklung nach AOL-Vorbild wahrscheinlich
Realistisch betrachtet bleibt Marissa Mayer nun nur noch die letzte Option: an den Meistbietenden zu verkaufen. Mitte Februar verkündete Yahoo dazu schon den ersten Schritt: Das bereits ausgedünnte Kerngeschäft, in dem die drei Säulen Yahoo Mail, Yahoo Suche und Yahoos Homepage einen zweistelligen Rückgang der Verweildauer zu beklagen haben, soll gebündelt und in eine andere Firma ausgelagert werden. Der Aufsichtsrat bildete dafür inzwischen bereits einen unabhängigen Ausschuss, um „strategische Alternativen“ zu prüfen.

Im Wall Street-Speech bedeutet das nichts anderes, als dass Interessenten nun ihre Gebote abgeben dürften – fünf bis sechs Milliarden Dollar werden an der Wall Street als realistische Größenordnung genannt. Damit dürfte Yahoo der Blaupause eines anderen Internet-Dinos folgen – AOL, das im letzten Sommer für 4,4 Milliarden Dollar von Telekom-Gigant Verizon übernommen wurde. Ironischerweise wird Verizon auch immer wieder als erster potenzieller Käufer genannt – vor Time Inc. Für Marissa Mayer würde sich so in gewisser Weise ein Kreis schließen: Sie würde bei Verizon auf einen alten Weggefährten aus Google-Tagen treffen – AOL-Chef Tim Armstrong.

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