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Shitstorm nach Kopftuch-Cover: „Braune Wirrköpfe“ attackieren G+J und die Eltern-Redaktion

Zum 50-Jubiläum gönnte sich Gruner + Jahrs Eltern fünf verschiedene Titelseiten. Auf einer war auch eine Frau mit Kopftuch und ihrem Baby zu sehen. Das fiel irgendwann auch der Querfront-Seite Politically Incorrect auf. Ein kleiner Anstupser des Blogs reichte und schon fiel ein Mob über die G+J-Telefonzentrale her. Via Mail wünschte man der Eltern-Chefredakteurin, Marie-Luise Lewicki, einen Tod in der Gaskammer.

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Passend zu den unterschiedlichen Covern lautete die Zeile dann auch recht weit gefasst: „Warum jede Mutter die Beste für ihr Kind ist“. Auf den Titelseiten zeigte die Redaktion unterschiedliche Mütter mit ihren Babys.

Überhaupt dauerte es erst einmal, bis die ersten negativen Reaktionen kamen. „Zunächst bekamen wir für die fünf Cover und die Vielfalt der Mütter in Deutschland, die sie zeigen, sehr positives Feedback. Das Titelbild einer fröhlichen Mutter mit Kopftuch ging unter anderem in den sozialen Medien durch die türkische Community und sorgte dort für wahnsinnig viele gute Reaktionen. Erst in einer zweiten Welle, nachdem das Heft bereits drei Wochen im Handel war, entdeckten uns die braunen Wirrköpfe“, erzählt die Chefredakteurin Marie-Luise Lewicki gegenüber MEEDIA.

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Verantwortlich dafür war das Querfront-Blog Politically Incorrect. In einem scheinbar unscheinbaren Posting. Unter der Überschrift „Altehrwürdige Eltern mit Kopftuch-Cover“ zeigten die Autoren die Titelseite des Magazins. Dazu schrieben sie:

Die Zeitschrift ELTERN ist eine 1966 gegründete, monatlich erscheinende deutsche Zeitschrift, die sich hauptsächlich an Eltern richtet. Zum 50-jährigen Jubiläum hat sich die Redaktion etwas ganz „vielfältiges“ ausgedacht: Die Februar-Ausgabe erscheint nicht nur mit einem Titel, sondern gleich mit fünf – und eines davon zeigt die 30-jährige Muslimin Kubra (Foto) mit Kopftuch und ihrer Tochter auf dem Arm. Im Text unter dem Cover heißt es: Die ELTERN ist nicht einfach nur ein Ratgeber, sie ist eine Botschaft an junge Mütter und Väter. Alles klar, Gruner+Jahr – Botschaft verstanden!

Das Posting endete mit den Kontaktdaten zum Verlag und der E-Mail-Adresse der Redaktion. Allein der Nachsatz „Botschaft verstanden!“ reichte offenbar: „Kurz nach Veröffentlichung des Beitrags auf der PI-Website erhöhte sich die Frequenz in unserem Redaktions-Postfach und am Telefon schlagartig. Im Postfach gingen im Minutentakt Mails mit teilweise übelsten Beschimpfungen ein. Und das nicht nur aus ungebildeten Kreisen – viele unterzeichneten mit vollem Namen und kamen aus der Mitte unserer Gesellschaft. Aus der Telefonzentrale von G+J bekamen wir die Rückmeldung, dass die Telefone nicht mehr still standen und dass sich die Kollegen wüste Beleidigungen anhören mussten. Einer rief sogar alle fünf Minuten an und spielte einfach nur in voller Lautstärke arabische Musik ab“, sagt die Chefredakteurin. „Und zwar so laut, dass den Kolleginnen und Kollegen der Telefonzentrale die Ohren schmerzten.“

„Ich kann damit umgehen, wenn man mir an den Kopf wirft, dass ich vergast gehöre, dass ich eine Schande für mein Volk sei oder an die Wand gestellt werden sollte. Es kann aber nicht sein, dass unbeteiligte Mitarbeiter der Telefonzentrale beleidigt und angepöbelt werden. Da hört es für mich auf.“

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Die anderen vier Eltern-Cover

Tatsächlich erreichten die Hamburger unzählige Mails mit Kommentaren wie: „Ihr Verbrecher, gehört alle an die Wand gestellt!!! Wartet ab, auch eurer Tag der ‚Erkenntnis‘ wird kommen, Drecksbande! Der Islam gehört euch in euren Schädel geschlagen!“. Oder: „Euch Arschlöcher sollte man allesamt aus Deutschland mit dieser Kalifa Al Merkel nach Syrien ausfliegen.Dort könnt Ihr Deppen, dann Euren Mist weiter verzapfen. Keine ELTERN Zeitschrift mehr und Boykott gegen Gruner und Jahr.“

Hätten die Verlagsjuristen nur die geringste Chance gesehen, gegen das PI-Posting vorzugehen, hätten sie sie ergriffen. „Die Autoren haben aber so geschickt formuliert, dass wir nichts dagegen tun konnten. Das zeigt, welch große Erfahrung die längst im Agitieren haben“, kommentiert Lewicki.

Das letzte Mal, dass die Eltern-Chefin eine vergleichbare Protestwelle erlebte, ist schon Jahrzehnte her. „Das war Anfang der 80er-Jahre“, erinnert sie sich. „Ich war noch Volontärin in Fulda und hatte über die Boatpeople berichtet“. Als die damals 19-Jährige aus der Redaktion kam, hatten Unbekannte ihr Auto auf die Fahrertür gedreht. Alle vier Reifen zeigten auf das Redaktionsgebäude. „Das Schlimme war weniger die Bedrohung, sondern vielmehr der Fakt, dass für die Reparatur mein gesamtes Volontärs-Gehalt drauf ging“. Trotzig merkt sie an: „Damals habe ich mich nicht einschüchtern lassen und werde es heute erst recht nicht.“

Unabhängig von dem Kopftuch-Cover kam die Ausgabe mit den fünf Titelbildern bei den Leserinnen gut an und verkaufte sich rund zehn Prozent besser als vergleichbare Hefte. Zudem entdeckten die Hamburger mit muslimischen Müttern eine gänzlich neue Zielgruppe: „Diese jungen Mütter haben wir bislang völlig vernachlässigt. Sie sind aber Teil unserer Gesellschaft und haben zudem ein großes Interesse an unseren Themen. Deswegen wollen wir uns künftig verstärkt mit ihnen und anderen gesellschaftlichen Gruppen beschäftigten, die nicht immer in unserem Fokus standen“, sagt Lewicki. Damit hätte der braune Protest-Mob genau das Gegenteil der eigentlichen Absichten erreicht.

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