Dax-Kandidat ProSiebenSat.1: Wie nachhaltig ist das Wachstum?

Der Dax ruft: ProSiebenSat.1-CEO Thomas Ebeling
Der Dax ruft: ProSiebenSat.1-CEO Thomas Ebeling

Fernsehen Wenn nichts Außergewöhnliches mehr passiert, dürfte ProSiebenSat.1 in der nächsten Woche als erster Medienkonzern in den Dax einziehen. Es ist der Lohn einer der unglaublichsten Turnaroundstories in der deutschen Börsengeschichte, an deren Ende ein Plus von 5.000 Prozent in sieben Jahren steht. Mit dem Einzug in den deutschen Elite-Index stellt sich jedoch die Frage, wie lange ProSiebenSat.1 seine beeindruckende Wachstumsstory eigentlich noch fortschreiben kann.

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Es ist so eine Sache mit dem Aufstieg in die erste Börsenliga. Ein Jahr ist es her, dass Apple nach seinem Aktiensplit als wertvollster Konzern der Welt endlich auch in den wichtigsten Börsenindex der Welt aufstieg – in den Dow Jones. Doch der Ritterschlag brachte keine weiteren Kursgewinne mit sich – im Gegenteil.  Während der Dow Jones seit Mitte März vergangenen Jahres um 8 Prozent nachgab, hat Apple gar 25 Prozent an Wert verloren – das neue Indexmitglied wurde gleich zur Belastung.

Ob ProSiebenSat.1, sollten die Münchner denn am 3. März in die erste deutsche Börsenliga aufsteigen, dem Dax in den kommenden Monaten ebenfalls zur Last fällt, sei dahingestellt. Ähnlich ist jedoch das Muster: Der Aufstieg ist immer eine nachträgliche Belohnung für eine beachtliche Kursentwicklung, die in der Vergangenheit liegt.

5.000 Prozent Gewinn in sieben Jahren

Im Falle von ProSiebenSat.1 handelt es sich um nicht weniger als die spektakulärste Kursrallye der vergangenen Jahrzehnte. Der weite Weg, den die Aktie von ProSiebenSat.1 in den vergangenen knapp sieben Jahren zurückgelegt hat, ist vor allem wegen der einst desolaten Ausgangslage höchst bemerkenswert: Gegen Ende der Finanzkrise im Frühjahr 2009 waren Anteilsscheine des abgestürzten Senderkonglomerats sogar auf Pennystock-Niveau zu haben.

Seitdem kennt die P7S1-Aktie nur eine Richtung: steil nach oben. Unglaubliche 5.000 Prozent Plus waren von 2009 bis zu den Allzeithochs im vergangenen November drin. (Aktuell wären es bei Kursen von 47 Euro 4.600 Prozent.) Oder in harten Euro gerechnet: Wer im Frühjahr 2009, als ProSiebenSat.1 kurzfristig unter einem Euro dümpelte, 10.000 Euro investiert hätte, säße heute auf dem kaum fassbaren Gewinn von knapp  500.000 Euro.

TV-Sparte wächst nur noch um 4 Prozent

Bleibt die Frage: Kann es so weitergehen? Die gestern vorgelegte Jahresbilanz nährt keine Zweifel am Ende des Wachstums. Der Konzernumsatz legte um immerhin noch 13 Prozent auf nunmehr 3,26 Milliarden Euro, der Konzerngewinn um 9 Prozent auf 925,5 Millionen Euro zu.

Das war besser als von Analysten erwartet – gleichzeitig sind die Zuwachsraten aber auch nicht mehr spektakulär, wenn man sie auf das TV-Geschäft herunterbricht, das trotz eines anhaltend freundlichen konjunkturellen Umfelds nur noch um rund 4 Prozent bei Umsatz und Gewinn wächst.

Abhängigkeit vom konjunktursensitiven Werbegeschäft problematisch

Was allerdings in Zeiten der Rezession blühen kann, musste ProSiebenSat.1 schmerzlich  in der großen Finanzkrise von 2008 erfahren, als die Aktie auf Pennystock-Niveau implodierte – an Werbung, zumal im TV, lässt sich in Krisenzeiten bekanntlich immer am schnellsten sparen, wenn einmal gespart werden muss.

Schlittert die deutsche Konjunktur im Sog einer weltweiten Rezession, die die drastischen Kurseinbrüche zu Jahresbeginn vorwegzunehmen scheinen, in die Krise, erscheint das Münchner Senderkonglomerat durch die Abhängigkeit vom zyklischen Anzeigengeschäft überproportional anfällig — nicht zuletzt nach dem Verlust der Galionsfigur Stefan Raab. Wie schnell Anleger mit TV-Gesellschaften die Geduld verlieren können, mussten im vergangenen Jahr leidvoll die Aktionäre von CBS, Viacom, TimeWarner und News Corp. erfahren.

Online soll das Wachstum sichern

Der Trumpf, den Konzernchef Thomas Ebeling immer öfter herausstellt, liegt im Online-Geschäft. Auch wenn ProSiebenSat.1 ob seiner starken TV-Marken weiter fast ausschließlich die Aufmerksamkeit auf sich zieht, findet das Wachstum tatsächlich längst im Digitalgeschäft statt, das 2015 um stolze 38 Prozent auf 846 Millionen Euro zulegte und damit bereits mehr als ein Viertel der Umsätze ausmacht – langfristig soll es gar mehr die Hälfte werden.

Dafür investiert ProSieben durchaus beträchtliche Beträge: Stattliche 553 Millionen Euro nahm ProSiebenSat.1 im vergangenen Jahr in die Hand – mehr als 400 Millionen Euro allein für das Verbraucherportal Verivox und das schwedische Flugreiseportal Etraveli. Auch in diesem Jahr sollen für Übernahmen noch einmal 500 Millionen Euro bereitstehen.

Wie sehr schaden ProSiebenSat.1 Streaming-Anbieter wie Netflix & Co ?

Thomas Ebeling geht wie Axel Springer-CEO Mathias Döpfner, der 2015 den Business Insider übernahm, damit inzwischen immer aggressivere Digitalwetten ein, deren Ausgang freilich offen ist – und mögliche Einbußen im Kerngeschäft in den kommenden Jahren auch nicht vollends kompensieren dürften.

Hier sieht etwa die Schweizer Großbank UBS wegen der Überalterung der Gesellschaft und nicht zuletzt durch den Paradigmenwechsel zur Netflix-Generation, die die Münchner mit dem eigenen Streaming-Dienst Maxdome zu bedienen versuchen, Ungemach.

Analysten uneins über weitere Potenzial

Analyst Richard Mary befürchtet, dass es ProSiebenSat.1, das mit 29,5 Prozent gerade erst den höchsten Zuschauermarktanteil seit zehn Jahren ausweisen konnte, in Zukunft immer schwerer fallen dürfte, weitere Marktanteile zu gewinnen. Die UBS empfahl daher vergangene Woche mit einem Kursziel von 40 Euro den Verkauf der P7S1-Aktie.

Optimistischer sind die Branchenkollegen von Kepler Cheuvre und Oddo Seydler, die den Kauf der Aktie mit Kurszielen von 50 bzw. 53 Euro empfehlen. Doch selbst hier scheint das Kursziel gegenüber dem bereits erreichten Niveau von 47 Euro auffällig begrenzt. Ob der wahrscheinliche Dax-Aufstieg weiterhin eine filmreife Performance sichert, erscheint daher zumindest fraglich.

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