Crossmedia-Experimente bei der Zeit: „Anzahl der Probeabos geht signifikant nach oben“

Online-Redakteur Philip Faigle und Print-Redakteur Götz Hamann arbeiten an den „Magnetpunkten“ der Zeit
Online-Redakteur Philip Faigle und Print-Redakteur Götz Hamann arbeiten an den "Magnetpunkten" der Zeit

Publishing Mit dem Innovationsreport der Zeit haben die Chefredaktionen von Zeitung und Online entschieden, crossmediales Arbeiten weiter voranzutreiben. Unter dem Projektnahmen "Magnetpunkte" arbeiten seit September vergangenen Jahres die Redakteure Philip Faigle und Götz Hamann daran, Barrieren aufzubrechen und Geschichten mit verschiedenen Teams über alle Plattformen zu denken. Mit einigem Erfolg, wie sie im Interview erklären.

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Die Verzahnung von Print und Online ist in Redaktionen ein fast schon leidiges Thema. Lange schienen die Kulturen zu unterschiedlich. Bei Ihnen ist alles im Reinen?
Faigle: Ich empfinde das Haus generell als offen und experimentierfreudig. Sicher ist die Affinität für Online-Journalismus nicht bei jedem gleich groß – umgekehrt natürlich auch nicht. Die grundsätzliche Bereitschaft zur Zusammenarbeit spüren wir aber von beiden Seiten.

Herr Hamann, Sie sind Print-Journalist während Ihr Kollege Herr Faigle von Zeit Online kommt. Welche Rolle nehmen Sie beide bei Ihrer Zusammenarbeit ein?
Hamann: Einerseits sind wir dafür zuständig, den Redakteuren die Kanäle zu öffnen, die unser Haus zur Verfügung hat. Das sind nicht nur die Zeitung und unsere Website, sondern auch andere Plattformen wie unsere Social-Media-Auftritte, die unsere Redakteure zur Recherche, aber auch zur Verbreitung der Inhalte nutzen können.

Faigle: Andererseits versuchen wir immer wieder Themen zu entdecken, bei denen sich eine Zusammenarbeit von Print- und Online-Redakteuren anbietet. Wir sind da manchmal Anlaufstelle für Ideen, manchmal Impulsgeber, und wir organisieren die Zusammenarbeit der Rechercheteams.

Nutzen Sie spezielle Technik, gerade für die Kommunikation?
Faigle: Wir setzen seit einiger Zeit Slack ein, über das alle Redakteure miteinander kommunizieren können.

Was macht crossmediales beziehungsweise interdisziplinäres Zusammenarbeiten besonders?
Faigle: Es ist die Verbindung verschiedener Kompetenzen, beispielsweise von Datenjournalisten, Grafikern und Printjournalisten, die sich ergänzen. Am Ende erzeugt eine Geschichte viel mehr Durchschlagskraft, weil sie über alle Kanäle transportiert wird. Die Wahrnehmung ist so viel größer.

Hamann: Die Durchschlagskraft wird natürlich zum einen über ein Thema hergestellt. Beispielsweise haben wir vergangenes Jahr über die Strafverfolgung im Zusammenhang mit angezündeten Flüchtlingsheimen berichtet, was sicher ein starkes und interessantes Thema ist. Durch die Zusammenarbeit hatten wir aber auch eine größere Mannschaftsstärke, wovon am Ende jede Geschichte profitiert. Der Schwerpunkt über die Flüchtlingsheime hat uns online rund 450.000 zusätzliche Leser gebracht, rund 10 Millionen Menschen hatten die zentrale Infografik in ihrer Facebook-Timeline.

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Apropos Profit: Wer profitiert in der Zusammenarbeit von Print und Online eigentlich von wem?
Hamann: Sowohl die gedruckte Zeit als auch Zeit Online profitieren. Wir haben gelernt, die Inszenierung auf beiden Kanälen so zu steuern, dass sie einander nicht kannibalisieren. Auf beiden Seiten ist am Erscheinungstag Exklusivität garantiert. Und wir erkennen sogar, dass die Anzahl der Probeabos signifikant nach oben geht, wenn wir durchschlagkräftige Crossmedia-Geschichten fahren. In diesen Fällen liegen die Probeabo-Abschlüsse zwei bis dreimal höher.

Ist es auch ein Ziel von Crossmedia-Arbeiten, dass sie am Ende auf die gedruckte Auflage einzahlen?
Hamann: Wir sorgen auf beiden Seiten für Exklusivität, weil wir wollen, dass beide Seiten erfolgreich sind. Wir setzen Links von Print auf Online und andersherum, weil wir natürlich wollen, dass der Leser oder Nutzer zu beiden Produkten greift. Wenn der Zeitungsleser am Ende online geführt wird und damit die Reichweite und letztlich auch die Umsätze erhöht, soll es natürlich auch umgekehrt so sein. Wir als Journalisten und Zuständige für die Magnetpunkte sind aber vor allem dazu da, Geschichten zu erzählen. Das ist, was uns interessiert.

Interessiert sich der Leser überhaupt dafür, dass Sie sich Gedanken darüber machen, wie Print und Online gut miteinander funktionieren können?
Faigle: Der Leser will vor allem eines: eine gute Geschichte. Die Marke Zeit ist auf beiden Plattformen sehr stark und mit hohen Erwartungen verknüpft. Wenn wir diese nicht erfüllen, verlieren wir den Leser.

Wie praktikabel sind Crossmedia-Arbeiten im Alltag?
Hamann: Tatsächlich sind unsere Geschichten durchaus mal große Stücke mit viel Recherchezeit und aufwendiger Aufbereitung. Im Blatt sind das dann Geschichten mit Potential für den Titel. Bei unserer Arbeit geht es aber auch darum, diese Zusammenarbeiten und Umsetzungen alltagstauglich zu machen.

Die Zusammenarbeit zwischen Print- und Online-Redaktionen ist nach wie vor viel diskutiert. Einige halten das Modell der Trennung, andere versuchen so genannte integrierte Redaktionen aufzuziehen, in denen alle Kanäle gleichberechtigt bedient werden sollen. Ein Blick in die Zukunft: Wird es womöglich eine dritte Form der Redaktion, die Crossmedia-Redaktion, geben?
Faigle: Ich denke, wir werden jetzt erstmal weiter experimentieren. Derzeit sind wir mit der Zusammenarbeit sehr zufrieden. Was funktioniert, wird beibehalten, was nicht klappt wieder verworfen. Letztlich geht es uns um eine Frage, die viele im Haus bewegt: Wie können wir für die Geschichten, die uns besonders wichtig sind, eine möglichst große Aufmerksamkeit bekommen? Daran arbeiten wir jetzt.

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  1. Ob die Methode „Journalisten interviewen Journalisten“ viel informativen Nährwert hat, ist bereits zweifelhaft. Das wohlmeinende kritikfreie (PR-) Gespräch mit den Herren von der „Zeit“, die ihre Pfründen gegen die Zeitläufte absichern wollen, mag dem Korpsgeist im Mehrfrontenkrieg um Sein oder Nichtsein der „Leitmedien“ dienlich sein, verliert sich aber in organisatorisch-technokratischem Schnickschnack und verspieltem Kokolores wie „Magnetpunkten“.

    Unbeschadet der Bewertung der IVW/AGOF-Zahlen für „Zeit“ und „Zeit-Online“ kommt es für die Zukunft auf die Inhalte an, d.h. ob man sich aus dem Richtung Abgrund stürmenden Pulk der rot-grünen Gesinnungspresse mit ganz viel herablassender Erziehung, Volkspädagogik und Weltverbesserung lösen kann. Gerade zeigt Stefan Aust, wie das geht.

    Dafür spricht aber hier nichts. Ganz im Gegenteil: Bei der Print-„Zeit“ etwas kultivierter, bei „Zeit-Online“ umso plumper mit ideologischem Holzhammer und Nazi-Keule steht die Marke „Zeit“ (ganz anders als früher) für den „Nanny-Journalismus“, der spärlich bis gar nicht recherchierte Tatsachen mit einem aggressiven „Overkill“ an – preisgünstiger! – Meinung vermengt. Bei „Zeit-Online“ kommt hinzu, dass Leser-Kommentare rigoros mit abkanzelnden „Begründungen“ wegzensiert werden, wenn die – durchaus sachlich formulierte – Ansicht nicht der der offenbar von jugendlichen Heißspornen aus dem Antifa-Milieu bewohnten Redaktion gefällt.

    Mit dem „Konzept“ („Wozu Fakten, wir haben Gesinnung“) kann man derzeit in einem 81-Millionen-Markt ca. eine halbe Million Totholz-Exemplare verkaufen und im Internet auf mittleren Rängen mitschwimmen, mehr nicht. Die „Zeit“ ist zu einer „Kirchenzeitung“ für naive Gläubige der (gescheiterten) Ersatz-Religion Rot-Grün-Links geworden, der der Fehler innewohnt, das Paradies schon zu Lebzeiten zu versprechen. Da helfen keine „Magnetpunkte“.

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