Welt-Chef Stefan Aust: „Der Journalismus als Instanz wird seine Funktion nicht verlieren“

WeltN24-Herausgeber und Chefredakteur Stefan Aust
WeltN24-Herausgeber und Chefredakteur Stefan Aust

Publishing Zum Jahreswechsel wurde Welt-Herausgeber Stefan Aust auch Chefredakteur der Zeitung. Seit seinem Amtsantritt hat sich die Welt mit investigativen Artikeln zur Flüchtlingskrise sowie rechter Gewalt gegen Asylbewerber profiliert. Für den ehemaligen Spiegel-Chef gehört das zum Konzept: Aust will "mehr Informationen ausbaggern" und warnt im MEEDIA-Interview vor einer "realitätsfernen Politik".

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Herr Aust, unter Ihnen als Herausgeber und jetzt auch Chefredakteur gehörte Die Welt zu den frühen Skeptikern der Politik der offenen Grenzen und Kritikern des Kurses von Angela Merkel – gegen einen gefühlten Medien-Mainstream. Was waren die Gründe?
Stefan Aust: Nach dem langen TV-Interview der Bundeskanzlerin bei Anne Will habe ich schon Anfang Oktober einen kritischen Kommentar mit dem Titel „Kanzlerin ohne Grenzen“ in der Welt veröffentlicht. Ich habe gespürt, dass die Zuwanderungszahlen sich so entwickeln werden, dass Angela Merkels Politik der uneingeschränkten Einreise nicht funktionieren wird. Zu diesem Thema haben wir dann intensiv weiterrecherchiert, zugleich aber in Welt und Welt am Sonntag auch andere Meinungen zu Wort kommen lassen, so dass wir das gesamte Spektrum abgebildet haben. Dennoch ist es richtig, dass wir in der Flüchtlingsfrage eine sehr viel kritischere Position vertreten haben als die meisten anderen. Nach und nach haben wir feststellen müssen, dass immer mehr Medien unsere Sichtweise inzwischen teilen. Erst ist die FAZ umgeschwenkt, dann die Süddeutsche, und selbst beim Spiegel heißt es heute nicht mehr durchgängig „Refugees Welcome“.

Erwächst aus einer Hardliner-Haltung in der Flüchtlingsfrage nicht ein gewaltiges moralisches Problem?
Bei aller kritischen Beschäftigung mit der Politik haben wir immer auch betont, dass es wichtig ist, weiterhin Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. Um das zu gewährleisten, dürfen wir nicht jeden auf der Welt aufnehmen, sonst haben wir bald keine Kapazitäten mehr für die wirklich Schutzbedürftigen. Und wir waren immer der Meinung, dass das, was in der Flüchtlingsfrage von der Politik gemacht wird, geradezu ein Konjunkturprogramm für Rechtsradikale ist.

Ein Thema mit einer angesichts der jüngsten Vorfälle in Sachsen besorgniserregenden Aktualität…
Deshalb haben wir uns auch intensiv damit beschäftigt, was sich im rechten Bereich tut. Aufgrund meiner Recherchen für das Buch zur NSU-Affäre (Anmerkung der Red.: „Heimatfront“, mit Co-Autor Dirk Laabs) habe ich da einen sehr guten Vergleichsmaßstab. Die Geschichte der NSU begann Anfang der 90er zu einer Zeit, als wir ebenfalls eine außerordentlich große Zahl von Flüchtlingen im Land hatten. Es war damals wie heute eine von inneren Spannungen und von Destabilisierung geprägte gesellschaftliche Phase. Eine realitätsferne Politik trägt dazu bei, diese Spannungen zu verstärken, und es ist Aufgabe des Journalismus, genau darauf hinzuweisen.

Viele Vertreter von Leitmedien sind der Auffassung, dass Journalismus auch eine pädagogische Verantwortung hat. Sie wollen Wahrheiten nicht ungefiltert verbreiten, weil sie um die Folgen fürchten.
Ich glaube, dass man immer eine kritische Position vertreten muss und nicht ständig darüber nachdenken darf, was man mit dieser kritischen Position möglicherweise auslösen könnte. Das Wichtigste ist, dass wir, wie Augstein es formuliert hat, sagen, was ist, und nicht immer nur kalkulieren, was aus dem was wir schreiben, dann später werden wird. Darum sollen und müssen sich Politiker kümmern, wir müssen den Menschen die Augen dafür öffnen, was ist – auch dann, wenn wir denken, es ist gar nicht so gut, dass die Menschen das wissen. Wenn eine Politik oder auch der Journalismus die eigene Position als alternativlos darstellt, dann wird es manchmal vielleicht gerade eine Alternative geben, und wie wir derzeit sehen, zuweilen eine sehr unerfreuliche.

Nach den verstörenden Ereignissen in der Silvesternacht in Köln und anderen Großstädten hat Die Welt eine Vorreiterrolle bei der Aufklärung der Geschehnisse und der Rolle von Polizei und Politik eingenommen. Sie haben als damals gerade angetretener Chefredakteur offensichtlich deutlich mehr Manpower in die Recherche gesteckt als viele andere Blattmacher. War Köln die erste Bewährungsprobe für Ihr Anliegen, im Journalismus die „Beschaffung“ zu verstärken?
Das sind genau die Bereiche, in denen wir unsere Anstrengungen noch intensivieren wollen. Wir müssen Informationen ausbaggern, Dinge erfahren, die uns keiner gerne geben will. Und weil wir draußen schon zeigen, dass es uns Ernst damit ist, registrieren wir, dass immer mehr Insider bereit sind, mit uns zu reden. Die lesen ja auch Zeitung und haben den Eindruck, dass wir keine Scheu haben, Dinge beim Namen zu nennen.

Ende der 80er Jahre haben Sie – damals als Chefredakteur des gerade gegründeten Fernsehmagazins „Spiegel TV“ – ein ähnliches Konzept verfolgt. Der Fall der Mauer und die Geburtswehen der deutschen Einheit haben „Spiegel TV“ bekannt und erfolgreich gemacht. Sehen Sie Parallelen von der Zeit damals zur gegenwärtigen Situation Deutschlands?
Absolut. Unsere heutige Zeit erinnert mich sehr an 1989 und die ersten Jahre danach, also die Zeit vor dem Fall der Mauer, der Wiedervereinigung und dem, was damit auf die beiden deutschen Staaten zukam. Da sind ein paar Gewissheiten der Nachkriegszeit vollkommen durcheinander geraten und alles hat sich neu sortiert. Auch damals wusste man nicht, wie das ausgehen wird, oder ob nach dem Fall der Mauer vielleicht ein Krieg ausbrechen wird. Auch an die Wiedervereinigung hat damals so schnell keiner gedacht. Ich kann mich entsinnen, damals in der Nacht des Mauerfalls einen Kommentar bei RTL gesprochen zu haben, den ich mit dem Satz begann: Heute Nacht, meine Damen und Herren, ist der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Für so gravierend habe ich das damals gehalten, und ich glaube, dass wir erneut in einer derartigen Umbruchszeit leben. Deswegen finde ich es außerordentlich spannend, in einem Unternehmen tätig zu sein, wo man zu diesen Themen so viel recherchieren und in verschiedenen Medienformen veröffentlichen kann.

Die Einheit ist heute untrennbar mit dem Kanzler Helmut Kohl verknüpft. Angela Merkels Vermächtnis scheint nun an der Flüchtlingsfrage zu hängen. Wird sie die Krise meistern, hat sie das Format dazu?
Ich bin da ein bisschen im Zweifel. Bevor Politiker Kanzler sind, kann man sich häufig nicht so leicht vorstellen, dass sie mal Kanzler werden, weil die Bedeutung des Amts in unserer Vorstellung so groß ist, dass wir uns nicht ausmalen können, dass irgendjemand, der noch nicht Kanzler ist, diesen Job mal machen könnte. Franz-Josef Strauß hatte Kohl vor dessen Wahl jegliche Eignung zur Kanzlerschaft abgesprochen, das erinnern wir ja noch. Und Helmut Kohl war in seiner ersten Zeit kein überragender Kanzler. Aber als sich die Möglichkeit für die Wiedervereinigung ergab, nachdem die Mauer gefallen war, hat er im Prinzip alles richtig gemacht. In dieser schwierigen, glücklichen aber auch krisenhaften Situation hat er sich zu einem sehr großen Kanzler entwickelt. Das kann ich in der gegenwärtigen Krise bei Angela Merkel noch nicht erkennen.

Krisenhafte Zeiten machen auch die Medien durch. Branchenweit sinken die Auflagenzahlen. Sehen Sie das Internet als Konkurrenz und Bedrohung?
Ganz und gar nicht, eher im Gegenteil. Als ich beim Spiegel als Chefredakteur anfing, steckte das Internet noch in den Anfängen. Und dennoch entwickelte sich damals dasselbe, da gingen die Auflagen auch schon runter, und zwar massiv, mit derselben Sinkgeschwindigkeit wie im Augenblick. Ich habe schon damals meinen Spiegel-Kollegen gesagt: Wir handeln nicht mit Holz, sondern mit Informationen. Und auf welche Weise die Informationen zu den Leuten kommen, ist keine ideologische, sondern eine praktische Frage.

Und was ist die Antwort darauf?
Dass es natürlich notwendig ist, die eigenen Verbreitungsmöglichkeiten zu erweitern. Beim Spiegel haben wir mit Spiegel TV angefangen, ich wollte damals unbedingt einen Sender kaufen. Das konnte ich nicht durchsetzen, also haben wir selbst einen kleinen Sender aufgemacht – und später auf Druck der Gesellschafter wieder verkauft, was ein großer Fehler war. Wir haben quasi eine Tageszeitung im Internet gegründet, das war Spiegel Online, und die sind immer noch so weit vorn, weil wir damit die Ersten waren. Es ging immer darum, dass wir die Inhalte auf verschiedenen Plattformen verbreiten, und deswegen habe ich nie von einer Krise geredet, sondern immer von einer Chance und zwar von einer so unglaublichen Chance, wie sie unsere Vorgänger in dem Bereich nie gehabt haben. Die haben immer nur auf Papier gedruckt. Wir können heute alles machen. Und wer es schafft, seine Inhalte auf alle diese verschiedenen Kanäle zu schieben, der ist ganz weit vorne. Deswegen habe ich nie Angst gehabt um die Medien oder den Journalismus an sich.

Viele Medienexperten sind da skeptischer, vor allem wegen der Unmenge von Gratis-Content, der online zu haben ist.
Das Internet ist im Grunde so etwas wie ein Supermarkt. Du kannst Dir dort alles holen und Dir Dein eigenes Menü zusammenstellen. Du kannst Dein Zuhause sogar zum eigenen Sterne-Restaurant machen, wenn Du kochen kannst. So wie das Internet ein Angebot ist, sich den Journalismus selbst zusammenzustellen, hätte die Einführung des Supermarkts auch dazu führen können, dass es keine Restaurants mehr gibt. Das ist aber ein Irrtum, es gibt weiter Restaurants und sogar immer mehr, weil die Leute gern mal nicht zuhause kochen, sondern Essen gehen. Und genauso lesen die Leute gerne Zeitung gedruckt oder online oder gucken sich ein Fernsehprogramm an. Sie machen das, weil der Chefredakteur und seine Mannschaft immer wieder eine Mischung auftischt, die erfreut und auch überrascht – manchmal auch ärgert. Der Journalismus als Instanz, der aus der Wirklichkeit die wesentlichen Dinge herausfiltert, wird seine Funktion und Bedeutung nicht verlieren.

Wenn Sie den Chefredakteur mit einem Sterne-Koch vergleichen: Es gibt einen Trend bei den Medien, der auf besonders gesunde Aufbaukost setzt. Das nennt sich Constructive Journalism, und es geht darum, Menschen eine möglichst positive und konstruktive Sicht auf die Dinge zu vermitteln. Was halten Sie davon?
Das mögen manche Leute gern so sehen. Aber ich sehe es anders: Wenn Medien die tatsächlichen Probleme und Schwierigkeiten der Leute nicht mehr wahrnehmen, werden diese Leute radikal und setzen sich von den Medien und von der Politik ab. Wenn sie das Gefühl haben, dass man sie nicht mehr ernst nimmt oder mit ihnen gar nicht mehr rechnet. Der Journalismus sollte da nicht bevormunden, auch nicht in der Absicht, die Welt zu verbessern. Immer dann, wenn jemand seinen Nächsten mehr liebt als sich selbst, werde ich misstrauisch. Es ist sehr wichtig, dass Leute ihre eigenen Interessen abgebildet sehen. Leute, die anderen immer sagen, was sie zu denken haben, sind mir, ehrlich gesagt, sehr suspekt. Wir dürfen die Leser nicht gängeln, sondern müssen sie im ganz klassischen Sinn aufklären. Für alles andere sind dann die Kirche oder die Politik zuständig.

Was ist Ihr Maßstab, wenn es darum geht, Themen oder Titelgeschichten zu setzen?
Ich habe immer von mir behauptet, dass ich überdurchschnittlich durchschnittlich bin. Und ich habe alles, was ich gemacht habe, ob das ein Film war, ein Artikel oder ein Buch, im Wesentlichen so gemacht, wie ich es selbst gern sehen oder lesen wollte. Ich habe ja in Wahrheit gar keinen anderen ernsthaften Maßstab. Ich habe das bei Titelthemen damals wie heute immer danach entschieden, wofür würde ich Geld ausgeben und vor allem: Wofür würde ich meine Zeit aufwenden? Darum geht es ja: Wir wollen die Aufmerksamkeit der Leute, darum geht es. Da habe ich keinen anderen Maßstab als mein persönliches Interesse, und wenn das über längere Zeit mit dem der Leser nicht mehr korrespondieren sollte, dann muss man mich möglichst schnell loswerden.

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Alle Kommentare

  1. Stefan Aust sagt das, was ich von ihm erwartet habe. Wenn Stefan Aust auf einer Reportage stand, steckte auch Stefan Aust drinnen.
    Er charakterisiert sich richtig, er ist überdurchschnittlich durchschnittlich. Das ist mehr Kultur, als die meisten haben. Deshalb kann man seine Bücher und Artikel lesen und seine Reportagen anschauen. Da lernt man was dazu, ohne sich zu verbiegen.

    An meiner grundsätzlichen Netz- und Kulturkritik ändert allerdings auch er nichts.

  2. Man kann Herrn Aust nur alles Gute wünschen und hoffen, dass er der WELT noch lange als Chefredakteur erhalten bleibt. Er ist nämlich noch einer der wenigen guten Journalisten in Deutschland, die noch „sagen, was ist“ und nicht versuchen, die Leser umerziehen zu wollen. Man kann seine Handschrift sehr gut in der WELT wiederfinden.

    Wenn die anderen großen deutschen Zeitungen nicht auch bald mit ihrem Erklärbär-Journalismus (oder „Constructive Journalism“, wie es sich anscheinend schimpft) aufhören, sehe ich zumindest für diese Zeitungen langfristig schwarz. So etwas gab es vielleicht auch schon früher in der DDR, muss aber heute nicht mehr auf mündige Bürger in einer Demokratie losgelassen werden.

  3. Das ist dann wohl auch der Grund, warum er beschämt, nur von „Journalismus und Instanz“ spricht. Instanz ist auch eine Hundepapiertüte, welche flächendeckend auf Hundewiese Anwendung findet.
    Das ist wohl auch der Grund warum Springer gerichtlich gegen AdBlocker vorgehen muss.
    Der Bedeutungsverlust trifft Springer doch härter, denn schließlich weiß der bisherige Leser aus der Mitte doch auch nicht mehr, warum nicht wie gewohnt in Spiegel, Stern oder Süddeutsche dem Gesinnungsjournalismus das Wort geredet wird, sondern auch in der Welt. Die sinkenden Leserzahlen zeigen es.

  4. Als ehemaliger Nachrichtenredakteur bin ich Stefan Aust besonders für seine Position zum „Constructive Journalism“ dankbar. Die in vielen „Qualitätsmedien“ zu beobachtende Methode, den doofen Lesern/Usern vor dem Servieren sorgfältig gefilterter Nachrichten zunächst zu erklären, wie sie diese aufzunehmen und korrekt einzusortieren haben, ist meiner Ansicht nach eine der Ursachen der gegenwärtigen Medienverdrossenheit.
    Dieser seit Jahren zu beobachtende Trend ist übrigens längst auch in der Provinz angekommen: Vor wenigen Wochen entschuldigte sich der „Leseranwalt“ meiner Regionalzeitung dafür, dass in die Überschrift eines Nachrichten-Beitrags über unkontrollierte Einwanderung nach Bayern das Wort „Flüchtlingskrise“ gerutscht sei. Die Redaktion hätte statt dessen viel deutlicher hervorheben müssen, welche Chancen in dieser Entwicklung lägen.

  5. @Journalisten(nachwuchs): Bemerkenswerter Artikel. Nachricht und Kommentar klar in der Berichterstattung trennen. Klingt oldfashioned, ist aber so:
    „Das Wichtigste ist, dass wir (…) sagen, was ist, und nicht immer nur kalkulieren, was aus dem was wir schreiben, dann später werden wird. Darum sollen und müssen sich Politiker kümmern, wir müssen den Menschen die Augen dafür öffnen, was ist – auch dann, wenn wir denken, es ist gar nicht so gut, dass die Menschen das wissen.“

  6. Herr Aust gehört zur alten Garde eines Journalismus der durch Fakten und Wahrheiten seine Leser zur eigenen, individuellen Meinung führt. Fakten sind nicht immer leicht zu ertragen, doch immer noch erträglicher als durch linken Zeitgeist gefilterte und moralinsaure Quotensoße gezogen zu werden. Ein Journalist sollte Situationen beschreiben und Informationen aufdecken die für normale Bürger nicht zugänglich sind. Viele Medien brauchen heute keine Kommentatoren oder Leitartikel Schreiber mehr da „Mainstreaming morality“ bereits in der Berichterstattung abgehandelt wird.
    Ich hoffe auf Journalisten die mir Informationen anbieten anstatt „Nanny’s“ die meine „Inclusion“ wünschen.

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