Stefan Austs Reformpaket für WeltN24: neue Ressorts, Rechercheoffensive – aber bis zu 50 Jobs fallen weg

WeltN24-Chefredakteur Stefan Aust stellt seinen Reformplan für die Redaktion vor
WeltN24-Chefredakteur Stefan Aust stellt seinen Reformplan für die Redaktion vor

Nach gerade acht Wochen im Amt hat WeltN24-Chefredakteur Stefan Aust am Mittwoch seiner Mannschaft ein runderneuertes Redaktionskonzept präsentiert. Dieses sieht vor, dass Ressorts gebündelt und Strukturen verschlankt werden. Zugleich sollen Print, Online und TV enger verzahnt und Inhalte effektiver über alle Medienkanäle orchestriert werden. „Mehr Recherche, mehr Hintergrund, mehr Qualität“, fordert Aust im Gespräch mit MEEDIA und will WeltN24 so zukunftsfähiger machen. Das Maßnahmenpaket hat aber auch einen Preis – knapp 50 Jobs fallen weg.

Anzeige

„Voneinander profitieren, statt miteinander konkurrieren“: Nach dieser Maxime will der ehemalige Spiegel-Chef sein Team künftig führen. Für die unterschiedlichen Kanäle sollen Inhalte demnach nicht mehrfach erarbeitet, sondern der jeweilige Content möglichst nur noch gattungsspezifisch aufbereitet werden. Aust spricht gegenüber MEEDIA von einer „gewissen Standardisierung“, die Kosten sparen und im Gegenzug redaktionelle Kapazitäten freisetzen soll. Das Ziel des Vollblutjournalisten: Mehr Kraft in die Generierung exklusiver Stories stecken, um die Marke Welt zu stärken und gegenüber Wettbewerbern zu punkten.

Die „blaue Gruppe“ von Axel Springer hat dabei auf dem Markt eine Sonderstellung. Als einziges Medium unter den überregionalen Zeitungen vereint WeltN24 alle gängigen Medienformen unter einem Markendach. „Die Welt ist dreidimensional“, sagt der Chefredakteur doppeldeutig, und weiß, dass dies sowohl Chance wie Herausforderung ist. Denn Zeitungsredaktionen (Welt und WamS), Onliner und die durch die Übernahme des Nachrichtensenders N24 eingemeindeten Fernsehmacher bilden eine Mammutmannschaft von über 400 Leuten. Dieses Team optimal und ohne Reibungsverluste zu formieren, hat sich Aust zur Aufgabe gemacht und will künftig so viele Reporter wie möglich am Ort des Geschehens haben.

Trennung von Recherche und Produktion

Um dies zu realisieren, muss das Welt-Geschehen nach Überzeugung des Chefredakteurs exakter synchronisiert werden. Die Grenzen zwischen den einzelnen Plattformen sollen weitgehend verschwinden, Inhalte von vornherein crossmedial angelegt und Aufgaben in der Redaktion klarer definiert werden. Aust will eine redaktionelle Trennung zwischen Recherche und Investigation auf der einen und Produktion auf der anderen Seite. Reporter, die im Außeneinsatz unterwegs sind, sollen von der Endbearbeitung ihrer Stories für die einzelnen Medienkanäle entlastet werden. Diese Aufgabe übernehmen künftig darauf spezialisierte Einheiten, die auch die Schnittstellen zu den jeweils anderen Medienkanälen der Gruppe effizient bedienen. Die strikte Aufteilung in Außen- und Innendienst sieht der neue Chefredakteur als eines der Schlüsselelemente seines Konzepts: „Wir wollen mit der Recherche-Initiative die Beschaffung exklusiver Stoffe verstärken.“

Bis zu 50 Arbeitsplätze sollen weg

Trotz des Zuwachses an hochwertigem Content, den Aust mit dem Umbau erreichen will, sollen die Redaktionskosten insgesamt reduziert werden. „Es kommt auf nichts so sehr an wie auf die Qualität, aber gerade deshalb ist es dringend notwendig, alle überflüssigen Gelder zu sparen, um konkurrenzfähig zu bleiben“, begründet der Blattmacher, warum sein Zukunftsprogramm auch Einsparpotenziale realisieren soll. Nur dadurch, sagt er, „schaffen wir uns Freiräume und Mittel für Investitionen in neue Projekte.“ Aust will dabei alle drei Bereiche – Print, Online und TV – ausbauen und „wirtschaftlich stärker machen“. Dazu gehört für ihn auch der Rückbau von Jobs, die bei der neuen Aufgabenverteilung nicht mehr gebraucht werden. Der Chefredakteur hat Einsparpotenzial ermittelt und spricht von bis zu 50 Arbeitsplätzen. Diese sollen laut Aust sozialverträglich und wenn eben möglich ohne betriebsbedingte Kündigungen abgebaut werden. Dazu gehöre auch, frei werdende Stellen nicht nachzubesetzen und möglicherweise befristete Verträge nicht zu verlängern. Einen festen Zeitrahmen für die Maßnahmen gebe es nicht. Man werde zunächst das Gespräch mit den Betroffenen suchen.

Von 14 auf acht Themenressorts

Beim Umbau der Redaktionsstrukturen, so Aust, habe er sich auf die „notwendigen Änderungen“ beschränkt: „Es geht nicht darum, jedes Rad neu zu erfinden.“ Die nach außen sichtbaren Auswirkungen der Reform betreffen vor allem die Ressortaufteilung. So wird es statt derzeit 14 künftig lediglich acht Themenressorts bei Welt und Welt am Sonntag geben. Die Unterabteilungen Titelthema und die Investigativeinheit sind dabei künftig Teil des zentralen Ressorts Deutschland, das alle großen Themen und Hintergrundberichte jenseits der Politikberichterstattung liefern soll. Die Leitung übernehmen Wolfgang Büscher, 64, und Claus Christian Malzahn, 52. Ein zweites Großressort entsteht aus Wissen und Vermischtes, künftig Life & Science und Sammelbecken u.a. für alle Themen aus Alltag, Gesundheit, Umwelt, Technik oder Psychologie. Weitere WeltN24-Ressorts sind: Politik, Außenpolitik, Wirtschaft, Kultur, Sport sowie das neue Ressort Stil und Reise. Die Ressortleitungen werden stets dabei doppelt besetzt, da Tages- und Wochenausgaben parallel bestückt werden müssen.

Die von Aust vorgesehene Entflechtung von Recherche- und Produktionsaufgaben wird sich ebenfalls bei allen Medienkanälen auswirken. So soll es in der Redaktion klar geregelt sein, wer für die Generierung von Inhalten verantwortlich ist und wer die Rechercheergebnisse und Reportagen handwerklich für die Zeitungsseiten, das Internet oder das Fernsehprogramm formatiert. Ihm geht es darum, so viele Journalisten wie möglich im „Außeneinsatz“ zu haben, auf „Demos, Versammlungen, bei Informanten, eben mitten im Leben“. Das neue Konzept soll dabei buchstäblich mehr redaktionelle Kraft auf die Straße bringen.

Den Plänen des neuen Chefredakteurs kommt es zugute, dass WeltN24 bereits in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten immer wieder Vorreiter bei Weiterentwicklungen der Redaktionsstrukturen war. Unter Vorgänger Jan-Eric Peters war zunächst der integrierte Newsroom als bundesweites Pilotprojekt etabliert worden, später wurden die Arbeitsweisen Online First sowie „Online to Print“ eingeführt – inzwischen Vorbild für etliche Medienhäuser. Die Bedingungen für crossmedialen Austausch sind bei der Welt günstiger als bei Konkurrenzmedien, die weiter in den alten Print-zentrierten Strukturen verhaftet sind. Aust sieht das als Chance, seiner Gruppe mit den angestrebten Optimierungen einen deutlichen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.

Auch Bezahlmodell wird verändert

Ändern wird sich auch das Bezahlmodell. Welt Online setzt bislang auf ein Metered Modell mit einer Mengenbegrenzung; Aust favorisiert statt dessen eine „Längenbegrenzung“. Aktuelle und schnell erstellte Artikel sollen dabei weiterhin gratis zur Verfügung stehen, Hintergrundberichte und ausführliche Reportagen oder Analysen sollen dagegen stets kostenpflichtig sein. Dass ein solches Freemium-Angebot von den Lesern honoriert wird, davon ist der Chefredakteur überzeugt. Die in den vergangenen Monaten sprunghaft angestiegene Verweildauer der Welt Online-Nutzer zeige, dass „auch im Internet gilt: Länge läuft.“

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Hier will offenbar wieder jemand mit weniger Manpower (minus 50 Stellen) und weniger (finanziellen) Input mehr leisten – und zugleich die Produkt-Qualitaet erhoehen. In welchem deutschsprachigen Medium haette so ein Schritt jemals die versprochenen Verbesserungen gebracht – materiell und/oder ideell? Und wo funktioniert „Crossmedialitaet“? S. Aust sollte besser wissen als jeder andere, wie daemlich sich ein Text liest, der als Off-Erklaerung fuers TV geschrieben wurde. Und wie unglaublich flach und zaeh umgekehrt ein TV-Beitrag rueberkommt, der ein fuers Lesen geschriebenes Manuskript zu bebildern versucht… Hier wird mal wieder versucht, verzweifeltes Sparen als Königsweg in eine goldene Zukunft zu verkaufen. Und der Bericht dazu zweifelt das mit keiner Zeile an, niemand stellt auch nur eine kritische Frage….

    1. @Karl Kraut: Bei vielen anderen Chefredakteuren würde ich Ihnen beipflichten, nicht aber bei Stefan Aust. Der hat schon mehrfach bewiesen, dass er mit geringeren Mitteln mehr zu bewirken imstande ist als der Wettbewerb. Aust hat eine klare publizistische Vorstellung, was er will. Das hilft – auch bei den Kosten.

  2. Liebe Meedia-Redaktion bzw. lieber Georg Altrogge,

    eine Anmerkung:
    Warum schreibt Ihr:
    „Dieses sieht vor, dass Ressorts gebündelt und Strukturen verschlankt werden.“

    Bitte schaut euch diesen Satz an und denkt mal einen Moment darüber nach.
    „Verschlankt“?
    Geht es hier um einen Körper, voller Anmut, den ästhetischen Bildern der Werbung gleich, der rank und schlank sein soll? Oder geht es dabei darum, dass Menschen Ihre Arbeitsplätze verlieren, vlt. am Boden zerstört sind, weil ihre Vertäge nicht mehr verlängert werden usw?
    Auch wenn das Ganze „sozialverträglich“ ablaufen soll (was auch immer das dann konkret heißt): Bitte: Von einer „Verschlankung“ zu sprechen ist neoliberaler Neusprech im Orwell-Style.
    Ich will mir nicht die Mühe machen, den Artikel auf weitere Workonstrukte dieser Art zu untersuchen , aber wenn ich von „Einsparpotential“ und „Freiräume“ usw. lese, dann…. Sie verstehn?

    Ein kritischer und distanzierter Journalismus sollte auch in der Sprache zu erkennen sein.

    1. @Winston: Ob Strukturen „verschlankt“, „entschlackt“ oder „neugefasst“ werden, mag für manchen von der Wortwahl her befremdlich oder euphemistisch wirken. Aber die Aufgabe, Kosten zu reduzieren, ist eine Herausforderung, die praktisch alle Medien eint. Da mag man über Benennungen streiten, aber auch ein „kritischer und distanzierter Journalismus“ kommt nicht umhin, unternehmerische Notwendigkeiten zu akzeptieren und nicht in jedem einzelnen Artikel zu hinterfragen.

      1. Lieber Herr Altrogge,
        herzlichen Dank für Ihre Antwort.
        Gestatten Sie mir, dass ich offen antworte.
        Es geht nicht darum, dass „für manchen“ Worte „befremdlich“ klingen, sondern es geht darum, dass Worte Bilder erzeugen und in Worten ein ganze Bündel an konnotativen Einlagerungen transportiert wird. Es besteht nun einmal ein grundlegender Unterschied, ob ich sage: Menschen werden entlassen, Verträge werden nicht verlängert, Menschen werden gefeuert, oder ob ich von einer „Verschlankung“ spreche.
        Ich hoffe, dass ich da jetzt nicht noch viel erklären muss, denn: Gerade Journalisten sollten im Umgang mit Sprache sehr vorsichtig sein und darauf aufpassen, dass sie nicht einen euphemistischen Inhalt beim Gebrauch von Worten transportieren…ohne dass sie es selbst bemerken.

        Nun zu ihren weiteren Aussagen:

        „Aber die Aufgabe, Kosten zu reduzieren, ist eine Herausforderung, die praktisch alle Medien eint.“

        Es mag so sein, dass viele Medien vor der Aufgabe stehen, „Kosten zu sparen“. Aber Journalisten, die über die teilweise katastrophalen Verhältnisse in der Branche berichten, dürfen gerne „ansprechen was ist“ und nicht beschönigen (und das tun Sie meiner Meinung nach, wenn Sie von einer „Verschlankung“ sprechen).

        Was mich zu ihrer weiteren Aussage führt (und da wird es dann schon „sehr schwierig“):

        „Da mag man über Benennungen streiten“

        >>> Nein, es geht nicht darum, um „Benennungen“ zu streiten. Es geht darum euphemistische Sprachkonstrukte als das zu identifizieren, was sie sind…und sich vor allem nicht ihrer zu bedienen.

        „…aber auch ein „kritischer und distanzierter Journalismus“ kommt nicht umhin, unternehmerische Notwendigkeiten zu akzeptieren“
        >>> Denken Sie bitte für einen weiteren Moment mal über diese Aussage nach. Sie ist eine Nebelkerze. Es geht hier nicht darum, ob ein „kritischer und distanzierter Journalismus….unternehmerische Notwendigkeiten zu akzeptieren“ hat. Völlig andere Baustellen, wenn Sie mir die saloppe Bemerkung gestatten.
        Es geht, um es nochmal zu sagen, darum, dass Journalisten sich darüber im Klaren sind, welcher Sprache Sie sich bedienen.
        Und Sie haben leider (das ist mir als Leser sehr negativ aufgefallen) auf ein Vokabular zugegriffen, das von neoliberaler Ideologie nur so überläuft.
        Kurz um: Bitte gehen Sie etwas vorsichtiger mit Sprache um, bedenken Sie Dimensionen von Macht, Herrschaft usw.
        Nichts für ungut.
        Ihr Winston.

  3. Die Standardisierung der Produktlinie hat VW seinerzeit von Ford abgekupfert. Ein übergelaufener Manager hatte aus Versehen interne Unterlagen mitgenommen und zeigte sie dem VW-Vorstand. Seitdem gibt’s nur noch ein Fließband, eine Chassis, einen Motor und an der Karosserie fünf Stellschrauben, da dreht man dran, und aus dem Polo wird ein Phaeton 3.0 V6 TDI. Der Preis ist heute nur noch Einstellungssache.

    1. @Winston: Danke für die Präzisierung. Ich gebe Ihnen recht, dass MEEDIA in solchen Zusammenhängen klarer sagen muss, dass eine „Verschlankung“ auch Menschen um ihren Job bringt, die gute Arbeit geleistet und dies nicht verdient haben. Wir achten darauf, künftig deutlicher zu formulieren.

      1. @Georg Altrogge:
        Sehr schön. Nobody is perfect.
        Alles Gute und weiterhin viel Erfolg mit meedia.
        Ihr Leser Winston.

  4. “ mehr Reporter auf die Strasse“, “ aber 50 Jobs fallen weg“: Supermodell. Wie das ausgeht kann man z,B. Bei der NRW-Polizei beobachten, bei der andauernde rot-grüne Polizei-„Reformen“ immer unter der Devise standen“ mehr Beamte auf die Strasse“ und Wachen schließen. Erfolg: Nrw besetzt seit Jahren Spitzenplätze im Kriminalitätsranking und landet weit hinten bei den Aufklärungsquoten.

    1. Ja, im wahrsten Sinne des Wortes werden 50 weitere Reporter „vor die Tür“ sprich „auf die Straße“ gesetzt …

  5. Ach, Herr Altrogge,

    was lese ich nun auf sueddeutsche.de?

    „Mit weniger Personal „mehr Recherche, mehr Hintergrund, mehr Qualität“ zu bieten, erscheint Mitarbeitern wie Branchenkennern arg ambitioniert. Die Stimmung habe „einen neuen Tiefpunkt erreicht“, heißt es aus dem Berliner Axel-Springer-Haus.“

    Da hat der David Denk von der Süddeutschen doch tatsächlich die Frechheit, selbst mal bei den Leuten nachzuhaken, statt sich ausschließlich – wie es sich ziemt – auf die Infos der Verlagsspitze zu berufen.

    Schlimm, so etwas.

  6. Mit weniger Personal mehr Qualität im Journalismus zu leisten, ist noch nie geglückt. Offenbar liest Aust seine eigenen Blätter und Webseiten nicht. Das Problem der „Welt“ ist doch, dass eine Reihe von Autoren eben nicht recherchiert, sondern kontinuierlich meint, mit verklausulierten Meinungsbeiträgen ihre eigene Weltanschauung unter das Volk bringen zu müssen. Aust ist da selbst Vorreiter. Es kommt nicht von ungefähr, dass bei der „Welt“ im Zuge der Flüchtlingssituation zwei Redakteure – Matussek und Lachmann – ihren Job verloren haben, weil sie sich offenbar daneben benommen haben. Wo sind denn die exklusiven Stories der „Welt“? Die sollen doch seit zehn Jahren geschrieben werden. Faktisch kommt doch sehr wenig Investigatives. Das soll mit weniger Leuten mehr werden?
    Aust mag durchaus mal gute Zeiten beim „Spiegel“ gehabt haben. Aber seine letzten TV-Auftritte machen nicht gerade optimistisch, dass er wirklich noch auf der Höhe der Zeit ist. Wirkt eher wie ein Auslaufmodell, das zum Ende seiner aktiven journalistischen Karriere noch mal seine eigene Ideologie (siehe Flüchtlingskrise) verbreiten will. Eine Führungsmannschaft mit einem 70-Jährigen, 64-Jährigen und 53-Jährigen steht auch kaum für Zukunft.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige