Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer über das Verhältnis zu Online: „Wir wollen keine Machtkämpfe mehr“

Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer setzt auf internationale Zusammenarbeit
Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer setzt auf internationale Zusammenarbeit

Publishing Im zweiten Teil des großen MEEDIA-Interviews mit Klaus Brinkbäumer spricht der Spiegel-Chefredakteur über das Verhältnis des Magazins Der Spiegel zu Spiegel Online, die Markenstrategie des Spiegel und die neuen Digital-Produkte. Und er erklärt, warum der Spiegel bei manchen Themen "einen sinnvollen Schritt nach links" gerückt ist.

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Wir haben vorhin schon über Fehler gesprochen. Würden Sie es heute auch als Fehler bezeichnen, dass Spiegel Online – im Gegensatz zum Print-Spiegel – das Foto des toten Flüchtlingsjungen Aylan am Strand nicht gezeigt hat?

Klaus Brinkbäumer: Nein, das war kein Fehler. Das konnte man so oder so entscheiden. Schlüssig war das allerdings nicht, was wir als Gesamtunternehmen da gemacht haben. Manchmal, weil Dinge schnell entschieden werden müssen, hat man für kurze Zeit unterschiedliche Richtungen. Das findet sich dann aber auch wieder.

So wie bei dem Fall Germanwings, als der gedruckte Spiegel den Namen des Co-Piloten Andreas Lubitz nannte, Spiegel Online den Namen zunächst aber nur abkürzte?

Ja, zum Beispiel, wir lernen daraus. Heute schließen sich unsere Reporter in solchen Extremsituationen sofort zusammen und tauschen ständig Informationen und Vorgehensweisen aus. Heute erleben Sie nicht mehr, dass ein Reporter des Spiegel bei einem Staatsanwalt vorbeikommt und vor einer halben Stunde schon einer von Spiegel Online da war – oder natürlich auch umgekehrt. Wir arbeiten längst zusammen.

Sind Spiegel Online und der Print-Spiegel für Sie zwei Marken, die nebeneinander stehen, oder gibt es das Ziel, eine einzige Marke zu werden? 

Es sind im Moment zwei Produkte einer journalistischen Marke, nämlich der Marke Der Spiegel. Der Spiegel ist Fernsehen, Magazin und Nachrichten-Website. Der Spiegel ist multimedial, investigativ, politisch und bietet hochseriösen Journalismus. Spiegel Online und Der Spiegel als gedrucktes oder auch digitales Magazin sind zur Zeit zwei unterschiedliche Produkte, die wir aber einander annähern. Und es sind zwei Redaktionen, die zur Zeit deutlich besser kooperieren als früher, geführt von zwei Chefredakteuren, die ebenfalls hervorragend zusammenarbeiten.

Haben Sie als Print-Chefredakteur und Herausgeber von Spiegel Online bei Abstimmungsproblemen im Zweifel das letzte Wort?

Dafür ist die Herausgeberregel gefunden worden, um ein Patt notfalls auflösen zu können. Das ist keine Degradierung meines Online-Kollegen Florian Harms. Ich funke ihm nicht hinein, denn über digitales Gestalten und Online-Journalismus weiß er schlicht mehr als ich, und ich vertraue Florian. Es gab aber in der Geschichte des Hauses schon einmal die Situation, dass ein Print-Chefredakteur und ein Online-Chefredakteur, beide exzellente Journalisten, sich verhakt hatten. Es ist ein Jammer, dass beide weg sind. Die Probleme gab es damals auch deshalb, weil unklar war, wer im Konfliktfall entscheiden würde. Dass es Konfliktfälle gibt, ist schon wegen unterschiedlicher Biographien und Perspektiven möglich, und dieses Verhaken ohne die Möglichkeit einer Lösung wollen wir diesmal vermeiden. Wir wollen keine Machtkämpfe mehr, diese Zeit sind unsere Redaktionen herzlich leid.

Sie und Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms haben auch das neue Digital-Produkt „Die Lage“ gemeinsam eingeführt. Noch ein weiterer Morgen-Newsletter von Chefredakteuren – braucht es das wirklich?

Ja, weil wir eine Lücke gesehen haben für ein wirklich politisches Morning Briefing. Wir sind zugegebenermaßen später dran als Gabor Steingart, dessen Newsletter großartig ist …

Haben Sie Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart eigentlich gefragt, ob sie den Namen seines „Morning Briefing“-Letters als Untertitel übernehmen dürfen?

Ich habe ihm gesagt, dass wir ein Morning Briefing planen. Wir gehen aber in eine andere Richtung als der Handelsblatt-Letter. Was wir uns gefragt haben, war natürlich auch: Können wir diesen Langstreckenlauf auf hohem Niveau durchhalten? Die Antwort war: Ja, aber wir müssen die Arbeit auf mehrere Schultern verteilen. Das ist der Grund, warum Florian und ich nicht jeden Tag das Morning Briefing machen; es schreiben die Mitglieder der Chefredaktionen von Spiegel und Spiegel Online und die Leiter des Hauptstadtbüros.

Gabor Steingart hält das aber durch.

(Klaus Brinkbäumer lacht) Ich frage mich: wie?

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Letter – neue Leser gewinnen, nur informieren, den Letter irgendwann vermarkten?

Wir wollen natürlich neue Leser erreichen, aber auch unsere bisherigen Leser politisch in den Tag hineinführen. Außerdem verfolgen wir das strategische Interesse, neue journalistische Produkte und Erzählformen vorzustellen. Und: Den ersten Vermarktungskunden haben wir bereits.

Wann werden wir denn von diesen angekündigten neuen Produkten, wie eben Paid-Content-Inhalte oder die digitale „Tageszeitung“ mit dem Arbeitstitel „Spiegel Daily“ etwas sehen?

Wir haben im Dezember angekündigt, dass wir mit den ersten Bezahlangeboten in den nächsten hundert Tagen starten werden. Wir sind im Plan, und ich bin optimistisch, dass Sie in Kürze von uns hören und sehen werden.

Und „Spiegel Daily“?

Wir haben redaktionelle Testläufe unternommen, das wird ein großartiges Produkt. Wir werden nun in der Marktforschung die Bezahlbereitschaft unserer Zielgruppe untersuchen. Wichtig ist uns vor allem, dass das Produkt schlüssig und gut ist. Der exakte Zeitpunkt ist nachrangig, und den kennen wir auch noch nicht.

Die neuen Projekte sind für sich genommen relativ kleine Maßnahmen. Wird das ausreichen, oder braucht es irgendwann doch noch einen großen strategischen Befreiungsschlag?

Wenn wir den nächsten Blockbuster finden, nehmen wir ihn gerne. Die erfolgreichen Verlage haben allerdings meistens ein schlüssiges Pay-Konzept, wie beispielsweise die Financial Times. Und sie stellen viele Angebote nebeneinander. Bei der New York Times habe ich vergangenes Jahr mit dem Chefredakteur Dean Baquet über Pay-Modelle gesprochen. Er sagte, dass es die Vielzahl der Angebote sei, die funktioniere. Das ist mühsam, aber es lässt sich eben addieren. Viele Verlage sehen das so, und ich glaube, dass es wahr ist. Die Zeiten, in denen man ein Produkt hatte, das das ganze Haus glücklich ernährt, gehen langsam zu Ende.

Wie definieren Sie Ihre Rolle bei diesem Prozess?

Der wesentliche Teil meiner Arbeit geht hier hinein (zeigt auf das Heft Der Spiegel). Wir haben so viel entwickelt im vergangenen Jahr, haben den Heft-Rhythmus umgestellt, es gab Layout-Veränderungen, es gab große Veränderungen, was die hausinterne Zusammenarbeit angeht. Bei der DFB-Geschichte beispielsweise waren drei Ressorts beteiligt, die wunderbar zusammengearbeitet haben, wo es früher vielleicht auch Rivalität gegeben hätte. Ich finde den Spiegel in den meisten Wochen so kraftvoll, so nachrichtenstark, so gut geschrieben und redigiert, wie er sein soll. Das ist der Kern meiner und unserer Arbeit.

Ist es nicht auch manchmal frustrierend, wenn die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit am Kiosk nicht honoriert wird? Die Nachdrehe zu den DFB-Enthüllungen um das „gekaufte Sommermärchen“, die Fußball WM 2006 in Deutschland, hatte zum Beispiel enttäuschende Verkaufszahlen …

Wir merken immer noch, dass richtig runde, leidenschaftliche und gute Hefte mehr Resonanz finden und sich auch besser verkaufen als schwächere Hefte oder solche mit einem nicht schlüssigen Titelbild. Leistung schlägt sich nieder. Meistens. Trotzdem haben Sie Recht. Der Strukturwandel führt manchmal dazu, dass man denkt, hier stimmt alles, und trotzdem funktioniert es nicht am Kiosk. Aber deswegen darf und sollte man nicht aufgeben. Dafür bin ich viel zu sehr Sportler: Der nächste Wettkampf kommt nächste Woche.

Zu diesem Strukturwandel, den Sie ansprechen, kam dann die Glaubwürdigkeitskrise noch on top. Haben die „Lügenpresse“-Vorwürfe konkrete Auswirkungen auf die Verkaufszahlen des Spiegel?

Ich glaube nicht. Wir haben hochpolitische Zeiten, und das sind immer gute Zeiten für den Spiegel. Wenn das Blatt hitzig wahrgenommen wird, ist das besser, als wenn wir ins Nirwana senden würden. Es gibt ein paar Leser, die aussteigen. Das erstaunt mich, weil jemand, der den Spiegel 30 Jahre lang gelesen hat, eigentlich wissen müsste, wie vielseitig der Spiegel ist.

Früher war der Spiegel klar positioniert. Er war das deutsche Nachrichtenmagazin und – wie auch eine Kolumne heute noch heißt – „im Zweifel links“. Wie beschreiben Sie die Haltung des Spiegel heute?

Wir sind das deutsche Nachrichtenmagazin. Wir sind investigativ, politisch, analytisch. Um das wunderbare Motto Rudolf Augsteins zu zitieren, das bei uns im Atrium hängt: Wir „sagen, was ist“. Wir sind, was Themen wie Klimapolitik oder Migration angeht, einen sinnvollen Schritt nach links gerückt. Wir hatten zum Beispiel früher mal Titel, die voller Häme den Klimawandel verspotteten. Vorbei, wir nehmen ihn ernst, weil er eine Bedrohung ist. Das Thema Migration wurde bei uns früher auch mal mit latent ausländerfeindlichen Titeln wie „Gefährlich fremd“ bedacht. Die Berichterstattung von heute hat eine glasklare Haltung. Sie ist emphatisch und tolerant gegenüber Flüchtlingen, hat kein Verständnis für Rassismus und Gewalt gegen Ausländer und hinterfragt scharf und präzise jeden Fehler, den die Regierung und andere Politiker machen.

Teil 1 des MEEDIA-Interviews mit Klaus Brinkbäumer lesen Sie hier.

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Alle Kommentare

  1. „Es gibt ein paar Leser, die aussteigen. Das erstaunt mich, …..“

    Der Vergleich der 4. Quartale 2014 und 2015 zeigt: Rückgang der Abos: 7,5 % (-31 000 Abos), Rückgang der Verkaufszahlen: 5,6 Prozent (47 000 Verkäufe). Wenn es so weitergeht, und ich mich nicht verrechnet habe, gibt es in 12,3 Jahren keine Abonnenten mehr, und in 17.9 Jahren wird der Spiegel nicht mehr verkauft.

    Derartige Formulierungen und das auch noch ausgerechnet auf Meedia, wo ja jeder IVW kennt, sind überaus erstaunlich.

  2. Der Hr. Schönredner K. Brinkbäumer, hatte den SPIEGEL auch an die 29 Jahre und SPON kann man auch vergessen, diesen Wirrwarr was da zu lesen ist, da ist dass anklicken schon eine Zeitverschwendung…!!!

  3. „Ich finde den Spiegel in den meisten Wochen so kraftvoll, so nachrichtenstark, so gut geschrieben und redigiert, wie er sein soll. Das ist der Kern meiner und unserer Arbeit.“ Da schaut aber einer doch sehr, sehr selbstverliebt in die Pfütze. Narziss Brinkbäumer war schon immer ein eitler Pfau. Ein einziges Spreizen vor den Realitäten. Würde er diese zumindest zur Kenntnis nehmen, müßte er bemerken, daß seine Worte auffällig zum Auflagen- und Anzeigenschwund kontrastieren. Und: Hätte er nicht auch bemerken müssen, daß das Blatt bis dato den letzten und schlagenden Beweis für die angebliche DFB-Korruption bei der WM-Vergabe schuldig blieb ? Viel Geschwurbel, pseudoinvestigativ, halt dem Zwanziger-Geschwätz aufgesessen. Längst sind andere dran.

  4. Soso, beim „Morning Briefing“ soll das hohe Niveau gehalten werden… Ich hab heute morgen mal reingeschaut:
    „TTIP ist richtig, Die Proteste gegen TTIP speisen sich vielfach leider auch aus einem plumpen Anti-Amerikanismus.“ Solche „Analysen“ schaffen die Kollegen von der Bild auch, sogar die, die nicht in der Chefredaktion sitzen. Das hohe Niveau hab ich vergeblich gesucht…

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