Deutsche Chefredakteure bei „Zapp“: „Natürlich gibt es ein Glaubwürdigkeitsproblem“

Das Thema bei „Zapp“ am Mittwochabend: Die Medien in der Vertrauenskrise
Das Thema bei "Zapp" am Mittwochabend: Die Medien in der Vertrauenskrise

Fernsehen Die deutsche Medienlandschaft steckt in einer Vertrauenskrise: 44 Prozent der Deutschen glauben, "von oben gesteuerte Medien" würden geschönte Meldungen verbreiten. „Wie kriegen wir es hin, dass man unseren Informationen wieder vertraut?“, fragte Anja Reschke am Mittwochabend bei "Zapp". Das Medienmagazin widmete sich ausführlich der Frage nach der Glaubwürdigkeit und ließ dabei zahlreiche deutsche Chefredakteure zu Wort kommen.

Werbeanzeige

„Meine Rolle ist die einer Journalistin, aber ich weiß nicht mehr, was das ist“, sagte Anja Reschke jüngst während der Preisverleihung des medium magazins. Reschke wurde als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Das Vertrauen der Deutschen in die Medien sei erschüttert, die Branche verunsichert. Wenige Tage später widmet sich die Moderatorin im NDR-Medienmagazin „Zapp“ ausführlich dieser Vertrauenskrise. „Seit Monaten schallen uns Journalisten die Vorwürfe entgegen, wir würden nicht das ganze Bild zeigen“, erklärt Rescke zu Beginn der Sendung am Mittwochabend. Das Magazin behandelte den Vorwurf, dass alle Medien in Deutschland gleichgeschaltet und gesteuert wären.

Journalisten sollten jede Kritik ernst nehmen

Dafür setzt die Redaktion auf Transparenz: Anja Reschke gewährt dem Publikum einen Blick hinter die Kulissen des „Zapp“-Studios und lässt zahlreiche Chefredakteure deutscher Medien zu Wort kommen. So sagt Bernd Ulrich, der stellvertretende Chefredakteur der Zeit: „Ich glaube, dass wir in einer Übergangskrise sind, was das Verhältnis der Medien zu ihren Konsumenten angeht.“ Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer betont: „Natürlich gibt es ein Glaubwürdigkeitsproblem“ und der Welt-Vize Ulf Poschardt sagt: „Erstmal sollten Journalisten jeden kritischen Einwand gegen ihre Arbeit per se ernst nehmen.“

Der Ton gegenüber Journalisten sei deutlich aggressiver geworden, sagt Anja Reschke. „Das merken Journalisten überall“. Dunya Hayali zum Beispiel erzählt, wie ihr vor wenigen Tagen mitten auf der Straße „Lügenpresse, Lügenfresse“ entgegen gebrüllt worden sei. Die Leipziger Internet-Zeitung hatte ihre Live-Berichterstattung von Legida-Aufmärschen zuletzt sogar ganz eingestellt – aufgrund etlicher gewalttätiger Angriffe auf ihre Journalisten. Harte, für Journalisten frustrierende Fakten belegen die Vertrauenskrise: Im Oktober 2015 stimmten 44 Prozent der Befrgaten einer Forsa-Umfrage der Aussage „Die von oben gesteuerten Medien verbreiten nur geschönte und unzutreffende Meldungen“ zu. 40 Prozent sind mit den Medien generell unzufrieden.

In Dänemark sei das Bild ein anderes, berichtet „Zapp“. Der öffentlich-rechtliche Sender DR sei der glaubwürdigste im ganzen Land. Ulrik Haagerup, der Nachrichtenchef des Senders, ist einer der führenden Vertreter des sogenannten „Constructive Journalism“. In seinem gleichnamigen Buch erklärt er, wie Verlage ihre Auflagen durch einen solchen konstruktiven, lösungsorientierten Journalismus wieder steigern könnten. Bislang würden sich Medien in Deutschland, wie beispielsweise der Spiegel, zu sehr auf das Negative konzentrieren – und damit langfristig Leser verlieren. Im Gespräch mit „Zapp“ erklärt Haagerup: „Wir haben bei uns selber festgestellt: Ja, wir sind einseitig.“ Heute würden seine Redaktionen stärker auf Ausgewogenheit achten und beispielsweise Dänemarks Rechtspopulisten genauso behandeln wie jede andere Partei. Sein Rat: „Wir Journalisten sind sehr viel besser im Reden als im Zuhören. Vielleicht sollten wir uns einfach einmal anhören, was die Kritiker zu sagen haben.“

„Deutsche Medien haben nicht die bestmögliche Wahrheit gezeigt“

In Deutschland seien die Menschen vor allem aufgrund der Flüchtlingskrise unzufrieden mit der Medienberichterstattung, heißt es in dem Bericht des Medienmagazins. „Wenn ich als Leser das Gefühl habe, der Journalist will mich in eine bestimmte Richtung lenken, indem man beispielsweise sagt ‚Wir haben eine Willkommenskultur zu haben und jeder der anders denkt, gehört in die hässliche Ecke Deutschlands‘, fühle ich mich als Bürger und politisch denkender Mensch nicht ernst genommen“, sagt Matthias Kohring, Kommunikationswissenschaftler der Uni Mannheim. Auch Ulrik Haagerup klagt an, die deutschen Medien hätten den Menschen bislang nicht die bestmögliche Wahrheit gezeigt „Sie haben ein Bild gezeigt, wie sie es sich als Journalisten, als Elite, für die Gesellschaft wünschen.“ Es sei nicht verboten, Angst zu haben, wenn tausende Menschen aus fremden Kulturen zu uns kommen.

Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer sieht das anders und betont, sie seien im Jahr 2015 schlichtweg sicher gewesen, dass ein derart starkes Land wie Deutschland in der Lage ist, die Flüchtlinge aufzunehmen. „Und da können Medien nicht gegen die eigene Überzeugung arbeiten.“ Und auch Bernd Ulrich ist sich sicher: Niemand will einen „Journalisten ohne Haltung“.

Sehen Sie hier die vollständige „Zapp“-Sendung:

Anja-Reschke-Text-Play

Werbeanzeige

Werbeanzeige

Werbeanzeige