Die Zeit im 70-Jahre-Auflagenvergleich: Durchbruch in den 60ern, auf dem Gipfel Anfang der 90er und heute

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Drei prägende Köpfe aus 70 Jahren Zeit: Theo Sommer, Marion Gräfin Dönhoff und Giovanni di Lorenzo

Publishing Am 21. Februar 1946 erschien die Wochenzeitung Die Zeit zum ersten Mal. Fast 70 Jahre später ist sie aus der Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken. Doch das war nicht immer so. MEEDIA blickt mit Hilfe des IVW-Archivs auf die Auflagenentwicklung der 70 Jahre zurück: auf den Durchbruch in den 1960ern, die Krise in den 1990ern und den Wiederaufstieg in der jüngeren Vergangenheit.

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25.000 mal wurde die erste Ausgabe der Zeit mit ihren acht Seiten im Februar 1946 laut Verlag gedruckt. IVW-Daten gab es damals noch nicht, die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern gründete sich erst Ende 1949 und gab die ersten Print-Verkaufszahlen später für das erste Quartal 1950 heraus. Unsere Analyse der Daten, die wir mit Hilfe des IVW-Archivs erstellt haben, beginnt allerdings erst im Jahr 1951, denn 1950 wurden die Zeit-Zahlen zum Teil nur gemeinsam mit dem Europa-Kurier veröffentlicht.

Anfang 1951 kam die Wochenzeitung dann laut IVW auf 45.436 verkaufte Exemplare, war damit noch eine recht kleine Nummer in der deutschen Print-Szene. Das blieb auch erstmal so, denn unter Chefredakteur Richard Tüngel, der bis 1955 im Amt war, verzeichnete die Zeitung kein Wachstum. Josef Müller-Marein folgte Tüngel als Zeit-Chef, seine Stellvertreterin heißt Marion Gräfin Dönhoff. Unter ihnen wächst die verkaufte Auflage zunächst leicht, in den 1960er-Jahren dann schneller. Im ersten Quartal 1958 überspringt sie zum ersten Mal die 50.000er-Marke, im dritten Quartal 1961 schon die 100.000er-Marke und im ersten Quartal 1965 die 200.000er-Marke.

In der Zwischenzeit waren bekannte Köpfe zur Zeit gestoßen: u.a. der spätere Chefredakteur Theo Sommer als Jungredakteur, Marcel Reich-Ranicki als Literaturkritiker. Schon 1966 führt Die Zeit das Ressort Modernes Leben ein und erweitert den Umfang auch mit anderen Themen. Als Marion Gräfin Dönhoff im Januar 1968 schließlich die Chefredaktion übernimmt, liegt die Verkaufszahl der Zeit inzwischen bei 243.714 Exemplaren. Seit 1951 hat sich dieser Wert damit nahezu versechsfacht.

Anfang der 1970er-Jahre gibt es unter Dönhoff den nächsten Auflagensprung: 1972 erreicht die Wochenzeitung erstmals eine Quartalsauflage von mehr als 300.000 pro Ausgabe. Im Januar wechselt Dönhoff dann auf den Herausgeber-Posten, Theo Sommer übernimmt für die folgenden fast 20 Jahre. Er erreicht 1975 mehr als 350.000 Verkäufe, Die Zeit macht nach eigenen Angaben 1975 zudem erstmals in ihrer Geschichte Gewinn.

Zwischen 1975 und 1990 wächst die Auflage der Zeit nahezu linear. Die 400.000er-Marke wird in einem Quartals-Durchschnitt erstmals 1983 übertroffen, die 450.000er-Marke 1986. Ausgerechnet der Tod von Franz-Josef Strauß im Oktober 1988 beschert der Zeitung dann nach eigenen Angaben zum ersten Mal einen Verkauf von mehr als 500.000 Exemplaren für eine einzelne Ausgabe. In einem kompletten Quartal gelingt das erstmals Anfang 1991: 513.513 verkaufte Exemplare verzeichnet die IVW – ein Rekord, der über 21 Jahre lang halten sollte.

Als Theo Sommer seinen Chefredakteursposten im Oktober 1992 abgibt und an der Seite von Dönhoff und Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt Herausgeber wird, beginnt für Die Zeit eine schwierige Phase. Das Auflagen-Wachstum stoppt, die Verkaufszahlen schrumpfen unter dem neuen Chefredakteur Robert Leicht sogar. Auf über 500.000 Exemplaren im ersten Quartal 1993 werden vier Jahre später nur noch rund 460.000. Die Zeit hatte 1993 durch Die Woche zudem einen modernen Konkurrenten bekommen, auch er dürfte einen Anteil an den rückläufigen Zeit-Zahlen gehabt haben.

Zu diesem Zeitpunkt, die Auflage der Zeit schrumpft also, wird der Zeitverlag an die Verlagsgruppe von Holtzbrinck verkauft. Vorbesitzer Gerd Bucerius, der lange Zeit mit Holtzbrinck verhandelt hatte, war im Herbst 1995 im Alter von 89 Jahren gestorben. Auch dem im September 1997 eingesetzten Chefredakteur Roger de Weck gelingt es nicht, das Ruder herum zu reißen. Seine Reformen mit neuem Layout, größeren Bildern, dem neuen Ressort Chancen, dem Aus für das Zeitmagazin, etc. stoßen bei vielen Redakteuren auf Missfallen – und auch die verlorenen Leser kommen nicht zurück. 1999 fällt die verkaufte Auflage sogar unter 440.000 Exemplare.

Die Folge der weiter schrumpfenden Zahlen: 2001 übernehmen mit Josef Joffe und Michael Naumann zwei Zeit-Urgesteine das Ruder. Beide waren schon 1978 zur Zeit gekommen, hatten dort lange Jahre gearbeitet und kehrten nun nach anderen Aufgaben – Naumann war u.a. Kulturstaatsminister – 2000 bzw. 2001 als Herausgeber zur Zeit zurück. Zwischen 2001 und 2004 wirkten sie zudem als Chefredakteur. Ihnen gelingt es, den Auflagenverfall zu stoppen und die Verkaufszahl ab Mitte 2003 wieder über die 450.000er-Marke zu hieven. Geholfen haben dürfte ihnen dabei auch das zwischenzeitliche Aus der Woche, die im März 2002 eingestellt wurde.

Richtig nach oben ging es dann aber unter dem noch heute amtierenden Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der im August 2004 vom Tagesspiegel nach Hamburg kommt. Di Lorenzo entstaubt und modernisiert das Blatt spürbar, führt 2007 das Zeitmagazin wieder ein, startet neue Ressorts und Seiten. Der Leser dankt es ihm mit wachsendem Zuspruch. So klettert die Verkaufszahl im zweiten Quartal 2005 wieder auf über 480.000 Exemplare und im vierten Quartal 2008 dann über die 500.000er-Marke. Erstmals seit 1993.

Auch in Zeiten des Internets, das zahlreichen anderen Print-Titeln massive Auflagenverluste bescherte und beschert, hält sich Die Zeit extrem stabil. So stellt sie im ersten Quartal 2013 mit 519.573 verkauften Exemplaren einen neuen Alltime-Rekord auf, überspringt zudem zwischen 2010 und 2015 in 15 Quartalen nacheinander die 500.000er-Marke. Die aktuellste Verkaufszahl aus dem vierten Quartal 2015 liegt bei 511.806. Der große Erfolgsfaktor der Zeit ist dabei die Treue ihrer Leser: 341.759 der 511.806 verkauften Exemplare gehen an Abonnenten – ein sehr großer Anteil. Im Einzelhandel setzt Die Zeit hingegen nur noch 87.917 Exemplare ab, der Rest wird über Bordexemplare und sonstige Verkäufe unter die Leute gebracht.

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