6 Top-Tipps für den perfekten Chefredakteurs-Newsletter ohne Lage-Weile

Vier Letter-Boys und ein Letter-Girl: Lorenz Maroldt, Gabor Steingart, Miriam Meckel, Klaus Brinkbäumer, Florian Harms (v.l.o.)
Vier Letter-Boys und ein Letter-Girl: Lorenz Maroldt, Gabor Steingart, Miriam Meckel, Klaus Brinkbäumer, Florian Harms (v.l.o.)

Publishing Nicht nur Lorenz-Maroldt, Checkpoint- Newsletter-Schreiber und Tagesspiegel-Chef, reibt sich verwundert die müden Augen: Kaum ist man mal eine Woche weg, bämm, schon wieder gibt es zwei neue Chefredakteurs-Newsletter. Diesmal „Die Lage“ von den Spiegel-Alphamännchen und „Serendipity“ von WiWo-Chefin Miriam Meckel. Falls auch Sie noch auf den Letter-Zug aufspringen wollen, hat MEEDIA ein paar Tipps parat.

Werbeanzeige

1. Auf den Namen kommt es an!

Ein cooler, bedeutungsschwangerer Name ist für einen Chefredakteursnewsletter unerlässlich. Gabor Steingart – der Godfather of Newsletter – hat es mit dem „Morning Briefing“ perfekt vorexerziert. Der Name klingt weltmännisch wie aus der Welt des Peter Stuyvesant rübergebeamt und man weiß sofort, worum es geht. Um ein „Morning Briefing“ halt. Vermutlich deshalb haben sich die Jungs vom Spiegel den Namen gleich mal eins zu eins als „Untertitel“ ausgeborgt. Den Hauptnamen „Die Lage“ haben sie sich ja von der Tagesspiegel “Morgenlage“ geholt und John-Grisham-mäßig verknappt. Ins sperrig-mysteriöse changiert dagegen der Lettername „Serendipity“ von Wirtschaftswoche-Chefin Miriam Meckel. „Serendipity“ (auf Deutsch noch verkopfter als Serendipität „bekannt“) bezeichnet „eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist“. Das ist aus der Wikipedia und die zitiert wiederum Robert K. Mertons Werk „Social Theory and Social Structure“, erschienen 1957. Ein Standardwerk, das Frau Meckel – so vermuten wir – stets griffbereit auf dem Nachttisch liegen hat. Die Sache mit der Serendipität hat es ihr nämlich schon eine ganze Weile angetan. Siehe hier oder auch hier. Gut als Name funktioniert natürlich der mit Grimme Preis gekrönte XXL-Berlin-Letter „Checkpoint“, der gleich drei Bedingungen auf einmal erfüllt: klingt cool, sagt was über den Inhalt aus und hat sogar noch Berlin-Bezug. Da können die leicht schlafmützigen Epigonen von der „Hauptwache“ (FAZ) und „Elbvertiefung“ (Zeit) nur bedingt mithalten.

2. Plauderton rules!

Warum ist denn das „Morning Briefing“ von Newsletter-Gott Steingart so hammer-erfolgreich (nach Verlagsangaben rund 600.000 Abonnenten)? Bestimmt nicht, weil da immer was drinsteht, was es woanders nicht zu lesen gibt. Der Ton macht die Musik, bzw. den Letter-Mann! Steingart schreibt in treffsicherem Plauderton gerade so, als würde einem ein kundiger Zeitgenosse am Frühstückstisch erzählen, was da heute wieder so los ist, in der Welt. So etwas liest sich locker dahingeschrieben, ist aber natürlich sauschwer. Die Newsletter-Neulinge vom Spiegel mühen sich noch etwas mit sehr langen und anstrengenden Texten zur Weltenlage sowie bereits vor längerem Verstorbenen, die hier als „Gewinner des Tages“ reanimiert werden (Jimi Hendrix, Ike Turner). Wenn man sich da durchgebissen hat wie durch ein trocken aufgebackenes Brötchen, mag auch der zum Ende kredenzte Wunsch auf einen „beschwingten Tag“ nicht mehr recht zünden. Den besten Plauderton neben Steingart hat Grimme-Preisträger Lorenz Maroldt vom Tagesspiegel drauf – auch wenn er ob der exorbitanten Länge seines „Checkpoints“ schon fast ein wenig zu geschwätzig wirkt. Ein Meister der dahingeplauderten Anekdote war übrigens auch Bild-Politik-Chef Béla Anda mit seinem „Seite 2“-Letter. Die Position des plaudernden Letter-Onkels ist bei der Bild seit seinem Abgang leider vakant.

3. Die Person macht es persönlich!

Das ist ja das unausgesprochene Versprechen dieser Newsletter: Der Herr Chefredakteur oder die Frau Chefredakteurin „reden“ hier persönlich mit der werten Leserschaft. Markenbindung galore. Das klappt aber nur, wenn der Chef oder die Chefin sich auch wirklich höchstselbst die Zeit für den Letter nehmen. Schnell zeigt sich: So ein täglicher Newsletter kann ganz schon nerven und man ist auch nicht jeden Tag intellektuell gleichermaßen gut zu Fuß. Beim neuen Spiegel-Letter „Die Lage“ hat man sich daher für eine Ensemble-Lösung entschieden. Die Chefredakteure und „Mitglieder der Chefredaktion von Spiegel und Spiegel Online“ hauen hier abwechselnd in die Tasten. Das erleichtert die Arbeit aber so baut man halt keine persönliche Bindung zum Leser auf. Bewundernswert hier die Ausdauer eines Lorenz Maroldt, der seine langen „Checkpoints“ tatsächlich fast immer selbst schreibt. Kein Wunder, dass er auf dem dazugehören Letter-Foto immer so müde guckt.

4. Keep it verständlich!

Wem das Maroldt’sche Oeuvre tagtäglich in Gänze munden soll, der muss sich im Berlin-Duktus schon ein wenig auskennen. Da heißt es schon mal: „… sagte Oliver Kühle vom BA F’hain-Xberg (Q. ‚RBB‘).“ Bemerkenswert, dass der Herr Grimme-Preisträger trotz der ausufernden Länge des „Checkpoint“ keine Zeit hat, „Bürgeramt“, „Friedrichshain“, „Kreuzberg“ und „Quelle“ auszuschreiben. Ja, wo samma denn!? Und bei der „Elbvertiefung“ der Zeit macht man sich auch nicht die Mühe, auszuschreiben was das UKE ist (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf). Weiß ja eh jeder und wer’s nicht weiß, der hat vermutlich die „Elbvertiefung“ nicht zu abonnieren. Auch hübsch rätselhaft: Warum gibt es bei der Zeit „Lachalarm“, wenn sich die stellvertretende Chefredakteurin Sabine Rückert nähert, wie in der „Vertiefung zu lesen ist? In Sachen Komplexität in einer ganz eigenen Liga spielt WiWo-Chefin Miriam Meckel. In der ersten Ausgabe ihres „Serendipity“-Letters hüpft sie heiter von einer Facebook-Analyse über Frigyes Karinthys 1929 veröffentlichten Kurzgeschichtenband und den Harvard-Professor Stanley Milgram zu John Guares 1991 veröffentlichtem Stück „Six Degrees of Separation“. Das hat man halt davon, wenn man eine waschechte Professorin zur Chefredakteurin macht. Zum Glück erscheint „Serendipity“ sonntags und man hat genügend Zeit zum Nachschlagen.

5. Du sollst nicht langweilen

Mit der Länge droht die Langeweile. Gerade der neue Spiegel-Letter wirkt bisweilen wie eine „Tagesschau“ in Letterform. Das Bundesverfassungsgericht verhandelt, in München tagt die Sicherheitskonferenz, die Kanzlerin hält eine Rede in Radolfzell und eine Handvoll alter Politiker hat Geburtstag. Gerade auf dem übervollen Markt der Frühletter braucht es nicht noch mehr Terminjournalismus. Dann kommt auch keine Lage-weile auf.

6. In der Kürze …

…liegt bekanntlich eine gewisse Würze. Während wir Lorenz Maroldt seine epischen Letter noch am ehesten verzeihen (der Mann ist halt witzig und hat immer so viel zu sagen), würde den Spiegelanern und den Zeit-Elbvertiefern ein wenig Mut zur Lücke nicht schaden. Diese Dinger kommen verflixt früh und da hat man beim Kaffee im Regelfall weder Zeit noch Lust, Newsletter Tolstoi’schen Ausmaßes zu konsumieren. Auch vor zu langen Absätzen sei gewarnt (genau, Spiegel, wir schauen gerade Deinen langen Lage-Letter an). Frühstückszeit ist Häppchenzeit. Die ideale Länge hat Newsletter-Veteran Steingart mit seinen fünf bis sechs kurzen Absätzen, die meistens noch ein kleine Pointe oder eine Preziose auf dem Zitate-Schatzkästlein am Ende bieten. In diesem Sinne wollen wir unsere kleine Letter-Kunde beschließen mit dem bekannten Sprüchlein Martin Luthers, den sich Letter-Aspiranten zu Herzen nehmen mögen: „Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf!“

MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt, in der auch die Wirtschaftswoche erscheint.

Werbeanzeige

Alle Kommentare

  1. Warum ist Gabor Steingart denn der „Pate der Newsletter“ (um zumindest die ersten beiden Worte mal zu übersetzen…)? Heißt das, dass er sich für alle Newsletter irgendwie zuständig fühlen sollte? Und weiß er er das?

  2. Gabor Steingart ist Godfather of Newsletter? Ganz ehrlich, lieber Stefan Winterbauer, wenn es einen Godfather in dem Bereich gibt, dann ist es doch wohl Peter Turi, der bereits anno 1753 bei kress.de die wichtigsten Themen in einem schnellen Newsletterformat an die Frau und den Mann brachte.

    Gabor Steingart ist vielleicht der Firstmover unter den ChefredakteurInnen mit einem persönlich angehauchten Newsletter. Mehr dann auch nicht, auch wenn er aus eurem Hause ist. 😉

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige