Perspective Daily: Wie ein Startup Journalismus neu erfinden will

Die Perspective-Daily-Günder Maren Urner, Han Langeslag (re.) und Physikochemiker Bernhard Eickenberg. Es fehlt: Felix Austen
Die Perspective-Daily-Günder Maren Urner, Han Langeslag (re.) und Physikochemiker Bernhard Eickenberg. Es fehlt: Felix Austen

Publishing Die Lage ist ernst, aber nicht so hoffnungslos, wie viele Medien sie zeichnen: Der Ansatz des Constructive Journalism verfolgt die Idee, Berichterstattung von Grund auf lösungsorientiert aufzubauen. In Dänemark und Holland hat die Theorie bereits Einzug in die Praxis erhalten. Hierzulande werden "Constructive News" noch mehr diskutiert als angewandt. Ein Team von Wissenschaftlern will das ändern.

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Medien machen missmutig. Finanzkrisen, Terrorismus, Crime – mit anderen Worten: „die Topseller“ für die Seite 1 – machen Rezipienten depressiv. Das sagt die Neurowissenschaft, und das sagen die Macher von Perspective Daily, einem Online-Portal, das sich dem Constructive Journalism verschreiben will, und derzeit um Gelder von der Crowd wirbt.

Constructive Journalism verfolgt den Ansatz, Themen von Grund auf lösungsorientiert anzugehen. Was zählt, sind nach Ansicht der Verfechter nicht die Nachricht und die Ausleuchtung ihrer Hintergründe, sondern Mittel und Wege, um den Ist-Zustand in Zukunft positiv zu verändern. Ziel des konstruktiven Ansatzes ist es, den Leser nicht nur mit einem Problem zu konfrontieren, sondern ihm aufzuzeigen, wie er aktiv mitgestalten kann. Soweit die Theorie.

International hat der Ansatz zumindest zwei nennenswerte Medien gefunden, die die Theorie zur Maxime gemacht haben: Der niederländische De Correspondent sowie der öffentlich-rechtliche Rundfunksender DR aus Dänemark unter Leitung von Info-Chef Ulrik Haagerup. Der meint: „Wir zeichnen ein falsches Bild von der Welt“. Nachrichten über Terror-Anschläge, Wirtschafts- und Finanzkrisen und Hungersnöte überdeckten zum einen positive Entwicklungen. Zum anderen würden Zuschauer oder Leser mit den Problemen alleine zurückgelassen werden. „Guter Journalismus bedeutet, die Welt mit beiden Augen zu sehen“, erklärte Haagerup mal gegenüber dem österreichischem Standard. 

Das Modell der Constructive News wird mit Interesse, aber auch mit Vorsicht wahrgenommen. Auf Haagerups Buch über Constructive News reagierte beispielsweise Medienkritiker Stefan Niggemeier damit, dass der Däne keinen negativen Journalismus kritisiere, sondern ganz einfach schlechten. Streitbar ist auch, ob die Grenzen zu den „Positive News“ fließend sind, und Journalismus am Ende zur Schönfärberei wird. Gegenüber der w&v äußerte jüngst beispielsweise der langjährige stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges seine Bedenken: „Wir würden Wirklichkeit entstellen, nur partiell wiedergeben und uns selbst zensieren.“ So dürfte zudem diskutiert werden, ob es überhaupt die Aufgabe des Journalismus ist, bei jedem Thema Lösungen aufzuzeigen. Oder ob es nicht doch erst einmal die Aufgabe ist, eine Öffentlichkeit herzustellen, um Institutionen wie die Politik zu Lösungen zu motivieren.

Von Kritiken wie diesen distanziert sich eine Gruppierung um drei junge Wissenschaftler, die sich vollkommen dem konstruktiven Journalismus verschreiben und derzeit mithilfe von Crowdfunding ihr Projekt „Perspective Daily“ verwirklichen wollen. „Wir sind der Überzeugung, dass Medien mehr tun sollten als Skandale zu produzieren, zusammenhangslos über Einzelereignisse zu berichten und mit reißerischen Schlagzeilen um Aufmerksamkeit zu buhlen“, schreiben die Neurowissenschaftler Maren Urner, Han Langeslag und der Physikochemiker Bernhard Eickenberg auf ihrer Seite. An gleicher Stelle zeigen sie auf, dass Medien bereits mehr leisten, als zu „skandalisieren“ und „zusammenhanglos“ zu berichten, in dem sie Beispiele für lösungsorientierten Journalismus verlinken.

Was „die Medien“ leisten, scheint ihnen nicht zu genügen. Während der derzeitigen Deutschland-Tour, auf der die Truppe Leute für ihr Projekt gewinnen will, betont das Trio – das selbst keine journalistische Ausbildung absolviert hat – gerne, mit Perspective Daily durch absolutes Expertenwissen glänzen zu wollen. Schreiben wird nur dürfen, wer in seinem Fach (wissenschaftliche) Expertise vorweisen kann. Wie genau der konstruktive Journalismus von Perspective Daily aussehen wird, haben die Theoretiker bisher noch nicht praktisch dargestellt. „Wir bieten keine Beispiel-Artikel an, da unsere redaktionelle Arbeit erst nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne starten kann“, begründen sie. Aktuell seien dafür keine Ressourcen vorhanden.

In Deutschland wartet Constructive News noch auf den Durchbruch. Zwar sind einzelne Medien, wie kürzlich erst Spiegel Online, auf den Zug aufgesprungen. Seine Massentauglichkeit hat der Ansatz aber noch nicht bewiesen. Perspective Daily läuft in dieser Woche die Zeit ab, um die Chance zu ergreifen. Die Crowdfunding-Phase endet am kommenden Sonntag . 12.000 Unterstützer, die jährlich 42 Euro zahlen, brauchen Urner und Co. Am heutigen Montag steht der Zähler mit knapp über 4.600 Abonnenten noch nicht einmal bei der Hälfte.

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Alle Kommentare

  1. Die Gründer sagen: „Wir bieten keine Beispiel-Artikel an, da unsere redaktionelle Arbeit erst nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne starten kann“.

    Es mögen Leute mit naturwissenschaftlicher Ausbildung sein, von Wirtschaft haben sie keine Ahnung. Ohne ein Pilotmodell (Beispiel-Artikel, Modelle, wie es aussehen könnte, etc.) in den Markt zu gehen ist naiv und haarsträubend.

    Kein Wunder, dass sie ihr Crowdfunding-Ziel zum heutigen Stichtag verfehlt haben.

  2. Der Unkenruf war verfrüht. Heute haben die Gründer über ihre Website ein virtuelles Feuerwerk gelegt, das die Lektüre schwierig macht – sie jubeln, sie hätten die 12000 überschritten. Dass eine halbe Mio. für ein Jahr reichen würde, wäre natürlich naiv, aber sie haben staatliche Gründerförderung abgegriffen, so dass es insgesamt langen könnte. Aber jeden (Werk-)Tag eine anspruchsvolle (und gut zu lesende) Story zu liefern, also 250 innerhalb eines Jahres, bleibt bei den Ressourcen immer noch sehr ehrgeizig.

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