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Zwei Neonazis und ein „Negermädchen“: die verunglückte ZDF-Webkomödie „Familie Braun“

Die sechsjährige Lara und ihr Neonazi-Vater in der ZDF-Webserie "Familie Braun"

Das ZDF versucht sich mit seiner neuen Webserie „Familie Braun“ an einer Komödie über zwei strunzdumme Neonazis, die plötzlich mit der 6-jährigen schwarzen Lara zusammenleben müssen, deren Mutter abgeschoben wird. Mit schwarzem Humor soll die „Stumpfsinnigkeit einer Ideologie“ entlarvt werden, sagt der Regisseur. Nur: Wirklich lustig ist das nicht – und über allem schwebt der erhobene Zeigefinger.

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Thomas und Kai sind Neonazis. In ihrer Freizeit randalieren sie vor Flüchtlingsheimen, schmieren Hakenkreuze auf Autos, pöbeln in Linienbussen oder drehen neue Videos für ihren YouTube-Channel „Kai – sehr – reich“, in denen sie „I Heart 88“ auf Jutebeutel drucken oder Mobiles aus Hakenkreuzen basteln. Eines Tages steht eine schwarze Frau vor der WG-Tür – an der Hand hält sie die 6-jährige Lara. Das Mädchen ist angeblich Thomas’ Tochter, die bei einem lang vergessenen One-Night-Stand gezeugt worden ist. Ihre Mutter soll nach Eritrea abgeschoben werden, weshalb das „Negermädchen“, wie Thomas und Kai die kleine Lara nennen, bei den völlig überrumpelten Nazis einzieht.

„Familie Braun“ ist eine Webserie des ZDF. Die Zielgruppe ist klar: junge, internetaffine Zuschauer, die sowohl mit dem Format der Serie (acht Folgen, von denen keine länger dauert als fünf Minuten) vertraut sind als auch mit YouTube-Stars wie LeFloid, Frodo oder den Space Frogs, die für Gastauftritte in der Serie verpflichtet wurden.

Oberflächliche Handlung, eindimensionale Charaktere

Die beiden Nazis werden von Edin Hasanovic und Vincent Krüger verkörpert, zwei erfolgreiche und sehr talentierte junge Schauspieler, die bereits in vielen Produktionen (zum Beispiel „Tatort: Gegen den Kopf“ oder „Schuld nach Ferdinand von Schirarch“) glänzen konnten. Doch in „Familie Braun“ haben sie kaum Möglichkeit, ihr Talent zu entfalten. Zu oberflächlich und zu klischeebehaftet ist die Handlung, zu eindimensional sind die Charaktere.

Die Geschichte ist bekannt: Ein Kind zieht völlig überraschend bei seinem Vater ein, der bislang wenig bis gar nichts mit Familienleben am Hut hatte. Das hat Til Schweiger 2011 mit „Kokowääh“ erfolgreich verfilmt, was aber auch damals schon nur ein Abklatsch der US-Version „Big Daddy“ mit Adam Sandler war. Bei „Familie Braun“ ist der Vater jedoch nicht nur ein überzeugter Junggeselle, sondern eben auch noch Nazi. Und sein Schützling ausgerechnet ein schwarzes Kind. Was erzählt werden soll, ist von Anfang an allzu offensichtlich und wer Überraschungen erwartet, wird enttäuscht.

Nazis sind strohdoof und haben keine Argumente

Lara stellt, typisch für eine Sechsjährige, viele naive Fragen: „Adolf Hitler? Wer ist das?“, „Was ist ein Hakenkreuz, das ist voll schön“ und „Stolz? Was heißt das?“. Ausgerechnet auf letztere Frage wissen die beiden Neonazis, denen ihr sogenannter Nationalstolz doch so wichtig ist, natürlich keine Antwort. Fast kann man ihn bildlich sehen, den erhobenen Zeigefinger des Pädagogen, der den jungen Zuschauern erklären will: „Nazis sind strohdoof und haben keine Argumente.“ Ach, wenn es doch nur so einfach wäre!

Die kleine Lara (gespielt von Nomie Laine Tucker) übernimmt in der Webserie viele Funktionen: Sie verkörpert die moralische Instanz, das gute Gewissen der Gesellschaft, Menschlichkeit, Mut – und bleibt dabei merkwürdig statisch. Sie weint nicht, wenn ihre Mama ohne Abschiedsgruß fortgeht und von den beiden unfreundlichen Männern, die ihr „Verpiss dich, Negerin“ entgegenbrüllen oder feststellen, dass „ein Negerkind doch eh keiner will“, lässt sie sich ebenso wenig einschüchtern. Dafür hat Lara keine Zeit, denn sie muss ja den „Stumpfsinn einer Ideologie“ entlarven, wie Regisseur Maurice Hübner den Anspruch der Serie erklärt. Um diese „Stumpfsinnigkeit“ und auch die Brüchigkeit von Rechtsradikalismus aufzuzeigen, setzt „Familie Braun“ auf schwarzen Humor. Doch wirklich lustig ist das leider nicht. Die Witze sind platt und allzu vorhersehbar, genau wie die behutsame Annäherung zwischen Vater und Tochter, mit der, so Maurice Hübner, gezeigt werden soll, „wie schnell einem die Möglichkeit zu hassen und zu hetzen genommen wird, wenn man beginnt, das Fremde kennen und lieben zu lernen“.

Freilich darf über Nazis gelacht werden, man sollte es sogar hin und wieder. Aber müssen es dafür unbedingt Witze mit moralischem Vorschlaghammer sein? Nein. Auch nicht, wenn die Zielgruppe unter 20 Jahren alt ist. Wie das Verlachen von Rechten gut funktionieren kann, zeigt beispielsweise die Folge „Schottys Kampf“ der NDR-Fernsehserie „Der Tatortreiniger“. Zwar gibt es auch hier den stumpfen „Deutschland. Deutschland. Deutschland“-Murmler, dem jedoch ein zwar nicht weniger lächerlicher, dafür aber intelligenterer Strippenzieher zur Seite gestellt wird, mit dem sich Schotty auseinandersetzen muss. Auch müssen Webserien aufgrund ihrer kurzen Episodendauer nicht zwangsläufig oberflächlich bleiben, wie unter anderem „Mann/Frau“ von und mit Christian Ulmen beweist. Angesichts der aktuellen politischen Lage, rechter Hetze im Netz und brennenden Flüchtlingsheimen wurde mit „Familie Braun“ viel Potenzial verschenkt.

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