G+J gibt ersten Einblick in seine Pläne: So soll es mit den Freien weitergehen

Wechsel an der Spitze der Rechtsabteilung: Medienhaus Gruner + Jahr
Wechsel an der Spitze der Rechtsabteilung: Medienhaus Gruner + Jahr

Der Umbau am Baumwall nimmt Formen an: Gruner + Jahr wird die Vertragsverhältnisse der freien Mitarbeiter neu regeln. In einer Versammlung mit den Freien ging es den G+J-Verantwortlichen darum, kursierende Gerüchte und Spekulationen zu entkräften. Klare Ansage: Es soll "dutzende" neuer Festanstellungen geben. Eine Patentlösung wurde nicht kommuniziert – und die Lösung des Problems wird dauern.

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Die Freien hatten seit Wochen auf diesen Termin gewartet. Und sich im Vorfeld aufgrund der Wortkargheit des Medienhauses massiv verunsichert gezeigt. Am Mittwochabend stellten sich stern-Herausgeber Andreas Petzold und Gruner + Jahr-Personalchef Stefan Waschatz ihren Fragen. Es geht um die Zukunft der Freien am Baumwall. In den Tagen zuvor war die Gerüchteküche ordentlich heiß gelaufen. Ab April werde es im Haus keine festen freien Mitarbeiter mehr geben, hieß es da beispielsweise. Hunderte Mitarbeiter hätten Angst um ihre Existenz, seien besorgt um den Wegfall des großen Auftraggebers. Beruhigt wurden sie lange Zeit nicht, Gruner + Jahr wollte sich vor dem Treffen mit den Freien offiziell nicht äußern.

Gruners Vorhaben erläuterte Waschatz gegenüber MEEDIA so: „Wir machen uns Gedanken über neue Redaktionskonzepte und Arbeitsmodelle.“ Das Verfahren sei komplex. „Gruner + Jahr hat Dutzende Redaktionen, für die Hunderte freie Journalisten arbeiten.“ Derzeit seien Chefredakteure dabei, ihre Redaktionskonzepte zu überprüfen und erste Sondierungsgespräche zu führen. „Wir wissen, dass eine Vielzahl von Journalisten gerne weiterhin frei für unser Haus arbeiten möchte.“ Waschatz ist überzeugt: „Es wird zu Dutzenden neuen Festanstellungen kommen. Wie viele es letztlich sein werden, lässt sich noch nicht seriös beantworten.“

Hintergrund für die verlagsinternen Hausarbeiten hinsichtlich der Anstellungsverhältnisse sind bundesweite Ermittlungen von Behörden und Rentenversicherung in Sachen Scheinselbstständigkeiten (MEEDIA berichtete) sowie die Reformpläne von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). Die Regierung will die Kriterien zur Feststellung von Scheinselbstständigkeiten verschärfen. Das Verlagshaus am Baumwall ist kein Einzelfall. Derzeit prüfen branchenweit Verlage, wie vor allem mit mehr oder weniger „festen Freien“ zukünftig umgegangen wird.

Im Gespräch mit den Freien ging es aus Verlagssicht aber auch erst einmal darum, mit bisherigen Gerüchten und Behauptungen aufzuräumen. Waschatz machte im Gespräch mit MEEDIA deutlich, dass es nicht darum gehe, die Mitarbeiter in neue Dumping-Gesellschaften zu überführen. „Wir stellen die Betroffenen in seit vielen Jahren bestehende G+J-Firmen an, wir beteiligen selbstverständlich den Betriebsrat.“ Angestellten würden faire Gehälter wie auch Weihnachts- und Urlaubsgelder gezahlt, darüber hinaus gäbe es 30 Urlaubstage pro Jahr und Gewinnbeteiligungen, so der Jurist. Festanstellungen der Marke „Hauptsache billig“ sehen gewiss anders aus.

Auf Distanz geht Gruner + Jahr auch zu Berichten, denen zu Folge Chefredakteure Betroffenen rechtswidrige Modelle vorschlagen würden. Das hatte ein anonymer Interviewpartner der taz angedetuet. Unternehmenssprecher Frank Thomsen zu MEEDIA: „Wenn Freie erzählen, sie würden zum Rechtsbruch angestiftet, indem man ihnen nahelegt, eine GmbH zu gründen, hilft nur Aufklärung. In diesem Fall: Wenn sich Redakteure oder Grafiker zusammentun und etwa eine GmbH gründen, ist das denkbar, legal, alles ok.“ Das allerdings dürfte nur eine Option für jene Freie sein, deren regelmäßige Anwesenheit vor Ort und an einem bestimmten Arbeitsplatz mit bestimmten Tätigkeiten keine Notwendigkeit sei.

Für Freie, bei denen das Gegenteil der Fall ist, weil sie beispielsweise in redaktionelle Prozesse eingebunden sind, dürfte eine Kapitalgesellschaft keine Möglichkeit sein. Die Freien, die einem arbeitnehmerähnlichen Verhältnis nahe kommen oder im Zweifel in einem solchen stehen, dürfte letztlich die nur Übernahme in die Festanstellung bleiben – oder der Exit. Von festen Freien oder Pauschalisten will man G+J offiziell nichts wissen. Solche Strukturen hätte man bereits vor langer Zeit abgeschafft, heißt es.

Aufklären wollte Waschatz am Mittwoch auch über Möglichkeiten, das Freie weiterhin für mehrere G+J-Titel zu arbeiten. Dies sei auch im Rahmen einer Festanstellung bei einem bestimmten Titels möglich. Das Medienhaus will flexible Modelle wie Teilzeit-Anstellungen anbieten. Das alles geschehe allerdings nur in Absprache mit den jeweiligen Chefredakteuren, die letztlich die Neustrukturierung verantworten müssen. Feste Vorgaben aus der Verlagsebene gibt es nämlich nicht. Während Mitarbeiter kritisieren, dass sich die Verlagsverantwortlichen damit aus der Schusslinie nehmen wollen, erachten Waschatz und Kollegen dieses Verfahren schlichtweg als praktikabler. Wie es aus Verlagskreisen heißt, wurde den Chefredakteuren in den vergangenen Wochen arbeitsrechtliche Aspekte „näher gebracht“. Klar ist: „Das Verhältnis der Budgets, die für Festangestellte und für Freie zur Verfügung stehen, wird sich im Laufe der Zeit verändern. Wir werden mehr Festangestellte haben, aber auch weiter eine große Zahl von Freien. Das Budget für die Festangestelten wird steigen, während das für die Freien sinkt.“ Waschatz bekräftigt dabei: „Der Personalumbau ist definitiv kein Sparprogramm.“

Auf einen Stichtag für den Abschluss der Umstrukturierungen will man sich bei Gruner + Jahr nicht festlegen. Dort widerspricht man Gerüchten, dass der Personalwandel bis zum 1. April vollzogen werde. „Alle Beteiligten, die Chefredakteure ebenso wie die Freien, befinden sich in diesem rechtlich wirklich komplexen Gebiet in einem Lernprozess.“ Das Ende sei offen.

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Alle Kommentare

  1. Eigentlich faszinierend, dass das bei G+J erst 15 Jahre später passiert, als es in anderen Verlagen Thema war. Und 15 Jahre reichen offenbar, um ein altes Problem als rechtlich komplex zu beschreiben… Anwälte machen halt auch PR…

    Die Folge wird sein – unter Berücksichtigung der aktuellen Rahmendaten – nach „Masseneinstellugen“ verlagsweite Massenentlassungen spätestens in zwei bis drei Jahren.

    Glück auf!

  2. Greogor, das ist so nichr richtig. Das Ganze hängt mit diesem verschwurbelten Gesetzentwurf der Nahles zusammen.
    Ich kann als freie Journalistin jetzt nicht mehr entscheiden, ob ich frei arbeiten möchte …
    Fazit: Wahrscheinlich für die meisten Hartz 4 …

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