Brinkbäumer, Mascolo, Gniffke: So unterschiedlich gehen Top-Journalisten mit dem „Lügenpresse“-Vorwurf um

Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer, Georg Mascolo, „Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke (v.l.)
Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer, Georg Mascolo, "Tagesschau"-Chefredakteur Kai Gniffke (v.l.)

Das Thema Glaubwürdigkeit der Medien und „Lügenpresse“-Vorwürfe beschäftigt auch die Alpha-Journalisten des Landes. In drei Beiträgen haben sich in dieser Woche Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, Georg Mascolo, der Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, sowie „Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke geäußert, wie sie zur Glaubwürdigkeitskrise der Medien stehen und was sie dagegen tun wollen.

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Die Art und Weise, wie die drei Top-Journalisten das Thema „Lügenpresse“-Vorwürfe und Glaubwürdigkeit bewerten ist dabei durchaus differenziert. Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer erkennt im Leitartikel des aktuellen Spiegel (kostenpflichtiger Artikel) an, dass „wir“, also die Medienschaffenden, ergründen müssten, ­­­“ob wir nicht hier und dort tat­säch­lich ei­nen an­de­ren, näm­lich eli­tä­re­ren Blick auf die deut­sche Wirk­lich­keit ha­ben als vie­le Le­ser“.

Das ist zunächst einmal eine bemerkenswerte Selbsterkenntnis aus der Feder eines amtierenden Spiegel-Chefredakteurs. Rund 40 Pro­zent der Deut­schen ver­trau­ten den Me­di­en nicht mehr, diagnostiziert Brinkbäumer und kommt zum Schluss, dass die Medien ein „ernsthaftes Glaubwürdigkeitsproblem“ haben. Um dem zu begegnen, gehöre aus auch, Fehler zuzugeben und sie zu erklären.

Brinkbäumer betont aber auch, dass es die viel zitierten „Mainstreammedien“ gar nicht gibt: „In der ak­tu­el­len Kri­se ha­ben FAZ oder Welt eine an­de­re Rich­tung als Zeit oder SZ, und man­che Me­di­en neh­men durch­aus ver­än­der­te Wirk­lich­kei­ten zur Kennt­nis.“ Der Spiegel-Chef weist zudem darauf hin, dass soziale Medien wie Facebook und Twitter die Gefahr in sich bergen, „dass ihre Nut­zer nur le­sen, was sie sich wün­schen, dass sie sich also mi­nüt­lich selbst be­stä­ti­gen und am Ende den ei­ge­nen Hass für ra­tio­nal und bes­tens be­grün­det hal­ten“.

Mit dieser Haltung liegt Brinkbäumer ziemlich exakt auf einer Linie mit den Äußerungen seines Vor-Vorgängers im Amt des Spiegel-Chefredakteurs: Georg Mascolo, der derzeit den Rechercheverbund von WDR, NDR und der Süddeutschen Zeitung führt. Im Interview mit dem NDR weist Mascolo den pauschalen „Lügenpresse“-Vorwurf von sich, erkennt aber wie Brinkbäumer auch „eine Erosion unserer Glaubwürdigkeit, die bis weit in bürgerliche Kreise hineinreicht“.

Um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, braucht es laut Mascolo vor allem zweierlei:

1. Medien sollten sich Zeit nehmen, Sachverhalte auszurecherchieren und zu durchdringen, bevor sie berichten: „Es ist nichts falsch daran, eine Nachricht als Erster zu haben – es ist sogar das Zweitwichtigste in unserem Beruf -, aber das Wichtigste muss sein, dass die Nachricht stimmt. Wir haben uns in dieser ungeheuren Beschleunigung alle angewöhnt, Dinge in dem Moment, in dem sie geschehen, auch zugleich ausdeuten zu wollen, sie erklären und wägen zu wollen. Ich glaube, dass da eine Überforderung eingetreten ist, und dass das dazu geführt hat, dass wir an vielen Stellen Fehler machen, anstatt häufiger zuzugeben: „Wir wissen es nicht. Wir können es nicht beurteilen. Gebt uns einen Moment Zeit, die Dinge zu durchdringen, sie zu recherchieren.“

2. Medien sollten außerdem eine neue Fehlerkultur annehmen: „Einen zweiten Punkt sehe ich darin, dass Journalisten sehr starrköpfig darin sind, Fehler, die sie gemacht haben, zu korrigieren.“ Medien sollten klarer trennen zwischen dem, was sie tatsächlich wissen und dem, was sie nicht wissen: „Wir müssen die Fähigkeit zurückgewinnen, zu sagen: Wir wissen etwas nicht, wir können etwas nicht beurteilen, wir unterwerfen uns nicht vollständig diesem unglaublichen Geschwindigkeitsprozess, in dem das stattfindet, weil ansonsten auch wir dazu übergehen, viel zu häufig zu mutmaßen und über Dinge zu berichten, bevor wir sie selbst verstanden haben.“

Einen etwas anderen Standpunkt nimmt „Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke im Interview mit der DJV-Zeitschrift Journalist (kostenpflichtiger Blendle-Link) ein. Er verneint, dass es es ein Glaubwürdigkeitsproblem der „Tagesschau“ gibt und verweist in diesem Zusammenhang auf den ARD-Trend für 2015. Die Werte seien stabil: „Als Sender mit der höchsten Nachrichtenkompetenz legen wir sogar zu. Der Wert für Das Erste liegt derzeit bei 77 Prozent Zustimmung – mit weitem Abstand zu ZDF und RTL.“

Während ein Klaus Brinkbäumer es also als besorgniserregend empfindet, wenn 40 Prozent der Deutschen den Medien misstrauen, hat Kai Gniffke von der ARD kein Problem damit, wenn laut einer ARD-eigenen Umfrage 33 Prozent der Zuschauer der ARD nicht trauen. Alles offenbar eine Frage des Standpunktes.

Da Gniffke von vornherein kein Glaubwürdigkeitsproblem diagnostiziert, sieht bei ihm auch die Reaktion auf Kritik anders aus als bei Brinkbäumer und Mascolo. Gniffke im journalist: „Gutes Handwerk ist das A und O. Wir dürfen jetzt nicht hyperventilieren und sagen, oh jetzt haben wir gestern etwas Kritisches über die russische Außenpolitik gesagt, jetzt lass uns mal gucken, ob wir morgen ein Thema finden, wo wir vielleicht etwas Negatives über Saudi-Arabien sagen können. Wir haben einen klaren journalistischen Kompass – der bei den meisten Leuten auf Zustimmung stößt.“ Im Prinzip also ein beherztes „weiter so“.

Die unterschiedliche Sichtweise von Leuten wie Klaus Brinkbäumer von Spiegel und Kai Gniffke von der „Tagesschau“ mag auch damit zusammenhängen, dass der Print-Mann Brinkbäumer noch ein anderes Mess-Instrument zur Verfügung hat: seine hart verkaufte Auflage. Wie bei anderen Magazinen auch, steht die Auflage des Spiegel unter ständigem Druck. Die Glaubwürdigkeitskrise mündet bei Medien wie dem Spiegel, der Süddeutschen Zeitung, dem stern, der FAZ und allen anderen, die sich täglich und wöchentlich im Leser- und Käufermarkt behaupten müssen, direkt in eine wirtschaftliche Krise.

Bei der „Tagesschau“ ist ein Quotenverfall analog zur Auflagenerosion der Print-Medien nicht zu verzeichnen. Das Einschalten der 20-Uhr-Ausgabe ist allerdings immer noch für viele Deutsche ein festes Ritual, das sie zudem nichts zusätzlich kostet. Und selbst wenn die Einschaltquoten sinken würden, wäre dies für die Redaktion bei dem öffentlich finanzierten Sender-Konglomerat ARD unmittelbar folgenlos. Kann es also sein, dass das Selbstbewusstsein von Kai Gniffke und sein Rezept des „weiter so“ darin begründet ist, dass für ihn und seine Sendung (noch) keine konkreten Auswirkungen einer Glaubwürdigkeitskrise spürbar sind? Es wäre zumindest eine Möglichkeit der Erklärung.

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Alle Kommentare

  1. Es hat nichts mit „Glaubwürdigkeit“ oder einem „Versehen“ zu tun, wenn der NATO- Sender WDR Montags geklaute, uralte n-tv Panzerbilder aus Georgien in WDR5 gegen Putin auftischt, sich dann „entschuldigt“- wie dieser Gniffke auch bestenfalls online, nie wo seine Millionen Zuseher veralbert werden, in der Glotze- und am Mittwoch in WDR2 the same procedure as every year in Sachen Putin fährt und den selben Dreck erneut zeigt.
    Und dieser Heyer in der akt.h wissentlich falsche Übersetzungen inter die Vorabenddeppen treut.

  2. Lieber Herr Winterbauer, ich kann Ihnen nur dringend ans Herz legen, dass Sie sich schleunigst mit den Grundregeln der Interpunktion befassen und diese erlernen! Exemplarisch habe ich ein paar Beispiele aufgelistet, die mir beim Überfliegen des Artikels beinahe die Tränen in die Augen schießen ließen.

    „Die Art und Weise, wie die drei Top-Journalisten, das Thema …“-

    Der Sinn des zweiten Kommas ist mir höchst schleierhaft…

    „Da Gniffke von vornherein kein Glaubwürdigkeitsproblem diagnostiziert, sieht bei ihm auch die Reaktion auf Kritik anders aus, als bei Brinkbäumer und Mascolo.“

    Auch hier ist das zweite Komma definitiv falsch; es wird lediglich ein Vergleich mit zwei Personen angestellt!

    „Das Einschalten der 20-Uhr-Ausgabe ist allerdings immer noch für viele Deutsche ein festes Ritual, dass sie zudem nichts zusätzlich kostet.“

    Hier schießen Sie den Vogel ab. Es liegt kein Konsekutivsatz vor sondern sondern ein einfacher Relativsatz ( ein (..) Ritual, welches (!) sie zudem nichts kostet)_ http://www.dass-das.de/

    „Und selbst wenn, die Einschaltquoten sinken würden, wäre dies für die Redaktion bei dem öffentlich finanzierten Sender-Konglomerat ARD unmittelbar folgenlos.“

    Direkt das nächste sinnentleerte und falsche Komma hinterher….“Wenn“ leitet hier einen Adverbialsatz ein und ist nur durch das „und selbst“ erweitert!

    Sie sollten sich dessen bewusst sein, dass Ihre sprachlichen Defizite den Versuch, als Journalist ernst genommen zu werden, ad absurdum führen!

    1. Die von Ihnen angeführten Kommafehler waren tatsächlich ziemlich doofe Fehler, zumal ich diese Regeln eigentlich kenne. Bringt aber natürlich nix, wenn die Fehler trotzdem passiert sind. Ist immer wieder ärgerlich und wurde jetzt korrigiert.

  3. Sehr geehrter Herr Schuler,
    Viele sehen vor lauter Wald die Bäume nicht, und halten sich mit Nebensächlichkeiten auf? Es geht hier nicht um Rechtschreibung, sondern um den Vorwurf, von einseitiger Berichterstattung. Wenn dieser Vorwurf zutrifft, dann sind mir Grammatikfehler oder Punkt und Kommafehler nun wirklich völlig egal. Solche Fehler schaden niemandem, aber einseitige Berichterstattung und Propaganda schon.

  4. Ein guter Artikel! Glaubwürdigkeit ist aber bei allen Medien überlebenswichtig, ob Lügenpresse oder nicht. Deshalb bitte nochmal nachrechnen: 77%+33% ergibt:… Danke!

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