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Was der Mainstream-TV-Talk von „Schulz & Böhmermann“ lernen kann und was besser nicht

Olli Schulz (l.) und Jan Böhmermann beenden ihre Radioshow „sanft & sorgfältig“, setzen ihre gemeinsame Karriere aber eventuell beim ZDF fort
Olli Schulz (l.) und Jan Böhmermann beenden ihre Radioshow "sanft & sorgfältig", setzen ihre gemeinsame Karriere aber eventuell beim ZDF fort

War die Talkshow „Schulz & Böhmermann“, deren (vorerst) letzte Folge am vergangen Sonntag lief nun eine Neu-Erfindung des ausgeleierten TV-Talks oder bloß intellektuelle Selbstbefriedigung für ein Nischenpublikum? Bei den Quoten muss man schon sehr genau hinschauen, wenn man nicht von einem Misserfolg sprechen will. Auch inhaltlich gibt es für den Mainstream wenig abzuschauen. Was bleibt, ist das Image.

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In der letzten Sendung der zunächst auf vier Folgen angelegten ZDFneo Talkshow „Schulz & Böhmermann“ waren Bild-Mann Nikolaus Blome, die Sängerin Sophie Hunger, die Schriftstellerin Kat Kaufmann und der Flüchtling Gheiath Hobi zu Gast. Zu Wort kamen freilich in erster Linie Schulz & Böhmermann, die das Ins-Wort-Fallen zu einer Art Kunstform erhoben. Olli Schulz sagte zwar gegen Ende der Show: „Es ist keine Sendung, wo es sich um uns dreht.“ Aber das kann nur, wie so vieles hieß, nicht ernst gemeint sein. Treffender wäre: Eine Show, bei der es sich nicht ausschließlich aber doch hauptsächlich um die beiden Moderatoren dreht.

Doch das gefällt vermutlich den Fans des Duos, die in ihre Radiosendung „Sanft & sorgfältig“ komplett alleine bestreiten, reduziert die Gäste aber allzu häufig auf die Rolle als Stichwortgeber für die beiden Wortführer. Die herausragende Rolle der beiden Moderatoren ist einer der Unterschiede zwischen „Schulz & Böhmermann“ und einer konventionellen Talkshow. Kann der Mainstream-Talker hier etwas lernen? Bedingt. Eine eigene Haltung des Gastgebers würde man sich an einigen Stellen im ARD/ZDF-Talkzirkus tatsächlich wünschen. „Schulz & Böhmermann“ demonstrieren aber auch, wie schwierig es ist, dass die eigene Haltung die Gäste dann nicht an die Wand drückt. Schulz und Böhmermann scheitern hier, falls sie es überhaupt je vorgehabt haben sollten, den Gästen mehr Raum zu lassen als sich selbst.

Das andere, was „Schulz & Böhmermann“ von Mainstream-Talks unterscheidet, ist die artifizielle Aufbereitung der Sendung. Das fängt an mit dem Einspieler mit der Schriftstellerin Sibylle Berg, die auch gedrechselte Aufsager zu jedem Gast spricht, und hört nicht auf mit dem liebevoll detaillierten Vorspann. Die Talkshow wird hier als eine Art Gesamtkunstwerk zelebriert, bei dem Form und Hülle mindestens ebenso wichtig scheinen, wie das Gesagte. Dazu gehört auch das demonstrative Trinken von Alkohol, das aufdringlich Rauchen von Olli Schulz oder das Verkosten von dekadenten Speisen in der letzten Sendung.

„Schulz & Böhmermann“ bekommt hier mehr noch als die Vorgängershow „Roche & Böhmermann“ einen Projekt-Charakter. Schwer vorstellbar, dass solche Mätzchen über eine wirklich lange Laufzeit gepflegt werden können, ohne dass sie sich abnutzen.

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Wobei ja unklar ist, ob es überhaupt zu einer Neuauflage kommt. Die Einschaltquoten waren nämlich eher bescheiden. Medien vermeldeten, dass die letzte Folge vom Sonntag nur noch 180.000 Zuschauer hatte, was gemeinhin als mickrig gilt. Aber ist das nun viel oder wenig für den Minikanal ZDFneo? Die Premieren-Sendung hatte – flankiert von ordentlich Medienrauschen – 410.000 (Marktanteil 1,9%), die zweite 370.000 (1,7%), die dritte 140.000 (0,6%) und die letzte nun also 180.000 (0,9%) Zuschauer. Aber: Die Folge mit der geringsten Einschaltquote lief direkt gegen den quotenmäßig übermächtigen RTL-Dschungel. Und in der jungen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen stehen „Schulz & Böhmermann“ besser da. Hier lagen die Marktanteile der Folgen bei 3,6% für die erste, 3,1% für die zweite, 0,9% für die dritte und 1,3% für die vierte Sendung. Der 12-Monatsdurchschnitt der 14- bis 49-Jährigen bei ZDFneo liegt bei 1,2%. Dieser Durchschnittswert wird vor allem durch Spielfilm- und Krimi-Wiederholungen nach oben gepusht.

Und: In der ZDF-Mediathek belegten „Schulz & Böhmermann“ immer Top-Ten-Plätze, auch wenn keiner weiß, was dies in Abrufen, bzw. Zuschauerzahlen bedeutet. Dass die Sendung in der Mediathek jeweils schon um 20.15 Uhr zum Abruf bereit stand, während sie im linearen TV erst um 22.45 Uhr gezeigt wurde, lässt zumindest die Vermutung zu, dass viele Fans bereits digital vorgeschaut haben.

„Schulz & Böhmermann“ ist also nicht der lupenreine Flop, wie es die Quoten auf den ersten Blick nahelegen. Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, muss man sich die Quoten aber schon ziemlich genau und mit einer Portion Wohlwollen anschauen. „Schulz & Böhmermann“ sind also auch kein rauschender Erfolg. Das ist aber vielleicht auch gar nicht notwendig. Die Show dürfte – wie schon Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ – ordentlich auf das (bescheidene) Coolness-Konto des ZDF einzahlen. Ob dieser Image-Faktor für eine Fortsetzung reicht, wird sich zeigen.

Hier die MEEDIA-Rezension der letzten „Schulz & Böhmermann“-Sendung.

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Alle Kommentare

  1. Ich fand alle Sendungen sehr gut und erfrischend. Wie es schon gesagt wurde, es sind autentische Persönlichkeiten, weg vom Mainstream. Es wurden die richtigen Fragen gestellt, und es war ein Erlebnis als Zuschauer am Fernseher das Gefühl zu haben vor Ort dabei zu sein mit dem richtigen interlektuelem Zeitgeist. Ich kann nur hoffen, dass dieses Format weiter unterstützt wird vom ZDF, genau mit diesen beiden Moderatoren Typen.
    Es ist absolut richtig, welche andere Sendungen im ARD und ZDF hätte eine Überlebenschance, wenn sie auf einem Spartenkanal so spät ausgestrahlt werden bzgl. Quote. – Nicht nur interessante mal andere Gäste zu sehen, sondern auch die kreativen Überaschungen und Kommentare ! –
    Bitte weiter machen! – Genau das macht doch Spartenfernseh aus – inklusive Mediathek ! Und ich gehöre zur älter Generation!

  2. Ich habe alle Sendungen gesehen, gerade die beiden Letzten immer mit der Hoffnung, dass auch mal die Gäste zu Wort kommen. Aber in einer kaum zu ertragenden Selbstdarstellung hat insbesondere O.S. durch seine Fragen an die Nur-Herumsitzenden immer wieder eine unerträgliche Selbstschau zelebriert. Nach der ersten Sendung hätte ich das noch toleriert, aber in allen vier Sendungen immer diesem gehetzten, ewig langen Wortschwall zu folgen, war einfach eine Zumutung und zeugt von wenig Reflektiertheit. Es reicht eben nicht, sich einen Abend vorher youtube-Videos und Interviews potentieller Gäste reinzuziehen (wie O.S. nervender Weise häufig betonte), um ins Gespräch zu kommen. Und auch mit Alkohol wird ein J.B. nicht unbedingt witziger, sondern nur albern. Fairer Weise müsste nun auch Charlotte Roche mit Partnerin eine Sendereihe bekommen, liebes ZDFneo!!! Nach diesen egozetrischen Selbstgesprächen allemal!

  3. Oli Schulz als TV-Newcomer zu bezeichnen ist schon ignorant. Als Gastgeber hat er hier sicherlich Neuland betreten, aber das nicht schlecht. Ich hoffe auch, dass das ZDF weitere Folgen in Auftrag gibt. Dass die Moderatoren hier eine eigene Haltung an den Tag legen, ist das beste am ganzen Format überhaupt. In so ziemlich jedem anderen Format dürfen die Gäste sich plump profilieren, das ist ein Grauen.
    Wir haben die Folgen übrigens auch allesamt in der Mediathek geschaut…

  4. Das Qualmen im TV finde ich richtig cool! Ich bin noch ein Kind der Werner Höfer Internationaler Frühschoppen-Zeit, wo manchmal so viel gequarzt wurde, dass man die Journalisten machmal gar nicht mehr zu Gesicht bekam (zudem wurde auch immer Wein gesoffen). Klasse! Würde ich gerne wiedersehen! Mal etwas gegen diese dumme Political Correctness; was echt Menschliches.

    Nur den Herrn Schulz finde ich einfach nicht entspannt genug. Klar, dass er sich als TV-Newcomer profilieren muss – aber es wirkt halt zu sehr aufgeregt und betont und sich in den Vordergrund stellend.

    Schon als Schulz bei Inas Nacht war, fand ich ihn nicht wirklich witzig.

    Jan Böhmermann finde ich im Neo-Magazon-Royal klasse (besser als in seiner NightShow) . Seine Wahl des Co-Moderators in Person von Schulz habe ich aber von Anfang an nicht verstanden.

    1. Olli Schulz ist eben genauso wie er ist. Wenn er aufgeregt scheint, dan weil er aufgeregt ist. Er spielt sich nicht in den Vordergrund sondern zeigt seine echten Reaktionen Das nennt man Persönlichkeit. Und das ist auch der Grund, warum Jan Böhmermann ihn als Partner einsetzt. Aus dem gleichen Grund liebt ihn auch sein Publikum.

  5. Also ich kann dazu nur sagen, dass alle Freunde von mir, die S&B schauen mich eingeschlossen, alle Folgen in der Mediathek gesehen haben und nicht im TV. Ich denke die zahlen der Mediathek sind circa genau so groß wie die Einschaltquoten.

    1. Ich gehe sogar fast davon aus, dass sie noch größer sind, aus meinem Freundeskreis kenne ich ebenfalls niemanden, der die Sendung im Fernsehen gesehen hat, aber viele im Internet. Dazu trägt unter anderem die dämliche Zeit, der Spartenkanal (wüsste gar nicht ob ich ZDF neo auf meinem Fernseher finde) und die Tatsache bei, dass das doch eher jüngere Publikum sowieso kaum noch Fernsehen sieht, sondern alles im Internet, was bei den öffentlich rechtlichen, und da muss man sie tatsächlich mal loben, auch wunderbar klappt.

  6. Mal jenseits der Quoten – was will Ihr Beitrag nun eigentlich sagen, Herr Winterbauer? Klingt Alles wie ein „definitive maybe“. Allen Wohl und keinem Weh. Kann der Kommentatoren-Nachwuchs von Ihnen lernen???
    Und ob das „Coolness-Konto“ einer öffentlich-rechtlichen Anstalt irgendeinen positiven Beitrag wozu auch immer bringen kann, wage ich auch zu bezweifeln.
    Wenn es allerdings in einer ZDF-Redner- oder auch Clownschule darum ginge, angehenden Sprechern zu zeigen, wie man beim Sprechen Luft geräuschvoll durch die Zähne einzieht, dann könnte Olli Schulz nahtlos die Nachfolge von Stefan Raab übernehmen.
    Insofern hat die Selbstinszenierung der beiden Herren unter dem Deckmantel der Talkshow doch positive Aspekte.

  7. Ist vielleicht eine dumme Frage, aber haben wir die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht gerade deshalb, weil die sich keine Gedanken um Quoten machen müssen/sollten?

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