Phantom Scheinselbstständigkeit: G+J stellt Verträge mit freien Mitarbeitern auf den Prüfstand

G+J-Verlagschefin Julia Jäkel 2015 im Interview mit der dpa.
G+J-Verlagschefin Julia Jäkel 2015 im Interview mit der dpa.

Publishing Deutschlands Medienunternehmen räumen auf: Nachdem bereits etliche Verlage prüfen, offensichtlich scheinselbstständig Beschäftigten feste Jobs anzubieten, denkt auch das Medienhaus Gruner + Jahr über Veränderungen für so genannte "feste Freie" nach. Den Betroffenen ist allerdings unklar, was sich ändern wird, kritisiert der Berufsverband Freischreiber. G+J will die Pläne am Mittwoch vorstellen.

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Ab dem 1. April soll es keine „festen Freien“ mehr am Baumwall geben. So laute ein Gerücht, das derzeit in den Fluren von Gruner + Jahr kursiere, berichtete der Berufsverband Freischreiber bereits zu Beginn der Woche. Gegenüber der taz stellte G+J-Kommunikationschef Frank Thomsen allerdings klar: „Gruner + Jahr wird auch in Zukunft mit Freien zusammenarbeiten.“

Hintergrund für die verlagsinternen Hausarbeiten hinsichtlich der Anstellungsverhältnisse in den Redaktionen sind die bundesweiten Ermittlungen von Behörden und Rentenversicherung in Sachen Scheinselbstständigkeiten (MEEDIA berichtete) sowie die Reformpläne von Arbeitsministerin Andrea Nahles. Die will die Kriterien zur Feststellung von Scheinselbstständigkeiten verschärfen. Das Verlagshaus am Baumwall ist da bei weitem kein Einzelfall. Derzeit prüfen branchenweit Verlage, wie mit mehr oder weniger „festen Freien“ zukünftig umgegangen wird.

Welche Veränderungen bei G+J ins Haus stehen, ist nicht klar. Bei den einzelnen Objekten soll es erste Gespräche zwischen Chefredakteuren und Freien gegeben haben; eine allgemeine Information der Mitarbeiter steht allerdings noch aus. Die freien Mitarbeiter haben sich deshalb mit einem Schreiben an G+J-Chefin Julia Jäkel gewandt und Transparenz eingefordert. Wörtlich heißt es darin: „Wir, rund 170 freie Mitarbeiter aller möglichen Professionen und Redaktionen des Hauses, möchten darüber informiert und an der Entscheidungsfindung beteiligt werden – und zwar, bevor uns Verträge vorgelegt werden, die wir nur noch annehmen oder ablehnen können.“

Das Verlagshaus hält sich auf Medien-Anfragen bedeckt, teilte bisher nur mit, dass man die Beschäftigungsverhältnisse der freien Mitarbeiter prüfe und individuelle Lösungen suche. Am kommenden Mittwoch will G+J die Mitarbeiter über das Vorgehen des Medienhauses informieren.

 

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Alle Kommentare

  1. Die Entlassungen treffen nun auch die bekanntermaßen Scheinselbständige mit weitreichenden rückwirkenden Gestaltungsmöglichkeiten bei entsprechender Feststellung.
    Dieses Potential stört natürlich bei der Beendigung der Verträge.
    Man versucht verzweifelt vorher klar Schiff zu machen.
    Verzichtserklärungen werden aber keinen rechtlichen Bestand haben.

  2. Einige Redaktionen am Baumwall werden seit Jahren durch Fest-Freie am Leben gehalten, teils ist die Hälfte der Mitarbeiter ohne Vertag. Diesen Personen bleibt nichts anderes, als sich den Vorgaben des Auftraggebers zu beugen. Und wir sprechen hier nicht nur von den zahlreichen „austauschbaren“ Arbeitsbienen, die monats- oder tageweise gebucht werden. Es betrifft durchaus auch „leitenden“ Positionen: Freie aber ständig anwesende Ressortleiter, allein agierende Bildredakteure, Art Direktoren und Schlussredakteure ohne Vertrag sind am Baumwall teilweise die Norm. Sie müssen „ihre“ Abteilung und „ihren“ Arbeitsbereich am Laufen halten und gleichzeitig zusehen, wie sie „nebenbei“ genug andere Aufträge außerhalb des Verlags annehmen, um nicht als scheinselbstständig zu gelten.

    So hat so mancher Freier Mitarbeiter seine 40+x-Stunden-Woche am Baumwall und arbeitet abends oder am Wochenende anderswo. Eine ebenfalls gängige Praxis: Mitarbeiter verbringen die (von G+J nicht bezahlten) „Urlaubstage“ beim Zweit-Auftraggeber. Nicht, weil sie sich keinen Urlaub leisten können, sondern aus formalen Gründen.

    Da ist die Praxis im (als sozialfeindlich gebrandmarkten) Bauer Verlag deutlich fairer. Kurios, aber wahr.

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