Julian Reichelt, Bildblog und der Wirbel um das Pegida-Galgenmännchen

Doppel-Zoff: Bildblog-Chef Mats Schönauer (l.) vs Bild.de-Chef Julian Reichelt. rechte Junge Freiheit vs. linke taz
Doppel-Zoff: Bildblog-Chef Mats Schönauer (l.) vs Bild.de-Chef Julian Reichelt. rechte Junge Freiheit vs. linke taz

Bild.de-Chef Julian Reichelt hat sich mal wieder auf Twitter über seine Lieblingsfeinde vom Bildblog extrem aufgeregt. Die rechte Zeitung Junge Freiheit meint, einen Skandal bei der linken Zeitung taz ausgebuddelt zu haben. Und alle Dschungel-Hater dürfen aufatmen: die für sie schlimmsten zwei Wochen des Jahres gehen zu Ende. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Nicht zum ersten Mal scheint mir: Dieses Twitter hat etwas an sich, das nicht das Beste und Edelste in den Leuten zum Vorschein bringt. Jemand mit recht kurzer Zündschnur auf Twitter ist Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt. In Interviews und Texten durchaus abwägend und souverän, haftet seiner Twitter-Kommunikation bisweilen etwas Verbissenes an. Aktuelles Beispiel ist die Kabbelei (MEEDIA-Fachbegriff: “Twitter-Zoff”), die er sich mit den Bildblog-Machern und Medienjournalist Stefan Niggemeier wegen dem Pegida-Galgenmännchen liefert. Hintergrund: Die Bild hatte den Galgenträger, der einen Galgen mit den Schildern “Reserviert für Sigmar ‘das Pack’ Gabriel” und “Reserviert für Angela ‘die Mutti’ Merkel” auf einer Pegida-Demo herumgetragen. So weit, so daneben. Bild und Bild.de berichteten später unter der Überschrift “Wer ist der Galgen-Träger?” und brachten u.a. ein Foto, das den Mann vor seiner Wohnung zeigt. Bei Bild.de ist das Foto mittlerweile nicht mehr zu sehen. Bildblog-Chefredakteur Mats Schönauer meldete dies dem Presserat, weil die Veröffentlichung des Fotos des Mannes vor seiner Wohnung seiner Meinung nach gegen Ziffer 8 des Pressekodex verstößt. Dort steht, dass die Presse das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung zu achten habe. Nun hat die Bild-Redaktion offenbar die Beschwerde zur Stellungnahme vorgelegt bekommen und Julian Reichelt regt sich auf Twitter sehr auf:

Ob der Presserat in der Veröffentlichung einen Verstoß sieht oder nicht, bleibt abzuwarten. Gut möglich, dass der Presserat hier einen Verstoß feststellt, was wiederum der Bild ziemlich egal sein dürfte, weil das im Boulevardjournalismus eingepreist ist. Ich nehme es Julian Reichelt auch ab, dass er sich hier ehrlich empört und der Meinung ist, mit den der Bild zur Verfügung stehenden Mitteln ”das Richtige” zu tun. Und den Eifer, den das Bildblog und seine Macher bisweilen an den Tag legen, um die Methoden der Bild zu kritisieren, muss man nicht immer teilen. Aber der Reflex von Julian Reichelt, dem Bildblog zu unterstellen, wegen der Anschwärzerei Pro-Pegida zu sein, ist in etwa so absurd wie der Gedanke, dass ein paar schäumende Tweets des Bild.de-Chefs schon als “Hetzkampagne” durchgehen würden.

Wo wir gerade bei “Hetzkampagnen” sind: Die mindestens rechtspopulistische Zeitung Junge Freiheit ist der Meinung, einen ganz großen Skandal aufgedeckt zu haben. In Berlin gaben die rechten Publizisten eine Pressekonferenz auf der sie “tazgate” enthüllten. Angeblich soll die linksalternative taz das Grundstück für ihr neues Gebäude in der Berliner Friedrichstraße unter Marktwert bekommen haben. Die Junge Freiheit hat dafür ein Gutachten in Auftrag gegeben, das ergibt, dass das Grundstück rund eine Million Euro zu billig verkauft worden sei. Außerdem sei die taz für den Neubau und Ausstattungsinvestitionen vom Land Berlin noch aus dem Programm Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) gefördert worden. taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch sagte in der FAZ (nur Print), die GRW-Förderung hätten “doch alle genommen”. Zum Grundstückspreis erklärte er: „Wir fanden das überhaupt nicht günstig.“ Es habe mehrere Gutachten zum Wert gegeben, man könne immer so und so rechnen. Nun ist auch der Bund der Steuerzahler auf die Sache aufgesprungen und fordert eine juristische Prüfung. Kann mir gut vorstellen, dass der taz das gewaltig stinkt aber da müssen die wohl durch.

Junge Freiheit, Junge Freiheit … da war doch was. Stimmt: Die Wochenzeitung fand ich jüngst auf einer Liste, die die Leute von FPÖ Watch (eine Art Watchblog für die rechtspopulistische Partei FPÖ aus Österreich) bei Medium.com veröffentlicht haben: “Das ABC der unseriösen Quellen”. Dort finden sich alphabetisch sortiert Medien und Websites, die gerne von rechten Kreisen zitiert werden, die oft hetzen und übertreiben. Über die Junge Freiheit heißt es im “ABC der unseriösen Quellen”:

Die Junge Freiheit (JF) ist eine überregionale deutsche Wochenzeitung. Sie versteht sich als unabhängiges konservatives Medium. Politikwissenschaftler ordnen sie einem Grenzbereich zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus zu und bezeichnen sie als Sprachrohr der Neuen Rechten. Im Lexikon von Netz gegen Nazis der Amadeu Antonio Stiftung gibt es ebenfalls eine Eintragung zu der Zeitung.

Immer gut zu wissen, woher etwas kommt.

Zu Guterletzt aber noch zu etwas Erfreulichem, Leichtem: Das RTL-Dschungelcamp geht morgen nacht zu Ende und es war mal wieder sehr unterhaltsam, wenn auch vor allem in der zweiten Hälfte. Unkenrufer, die das Camp nach der leicht schluffigen Phase vom vergangenen Jahr auf dem absteigenden Ast wähnten, wurden hoffentlich eines Besseren belehrt. Und selbst wenn das Camp schwach war (Das war es auch schon vor der Walter-Freiwald-Staffel ab und zu. Ich sage nur: Ross Anthony!), war es immer noch bessere TV-Unterhaltung als gefühlte 90% vom Rest-Programm. Die Dschungel-Hasser da draußen werden es doch wohl verschmerzen, wenn sich zwei Wochen im Januar die Ibes-Fangemeinde vor dem TV-Schirm an diesem Promi-Zirkus ergötzt und abarbeitet. Vielleicht erfindet ja mal einer einen speziellen Filter, bei dem man einstellen kann, dass alle Dschungel-Artikel online ausgeblendet werden. Oder alle Tweets von Julian Reichelt. Oder alle Artikel vom Bildblog. Oder alle Texte der Jungen Freiheit. Oder alle taz-Artikel.

Andererseits wäre das dann ja auch wieder ganz schön langweilig.

In diesem Sinne: ein spannendes Wochenende!

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