Nach dem Börsenabsturz: Das eine Argument, das noch für Apple spricht

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Apple-Aktionäre haben schwere Monate hinter sich: Der Kultkonzern aus Cupertino befindet sich seit vergangenem Sommer aus Sorge vor dem Ende der iPhone-Nachfrage in einem stetigen Abwärtstrend, der einen Börsenwert von mehr als 200 Milliarden Dollar vernichtet hat. Ein Argument hat Tim Cook aber noch auf seiner Seite: Wenn Apples Geschäfte in den kommenden Jahren nicht vollkommen implodieren, dürften sich die Kapitalrückführungsmaßnahmen erst so richtig entfalten. Als Nebeneffekt könnte sich Apple schon in zehn Jahren selbst kaufen.

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Zehn lange Tage in Folge fühlten sich Apple-Aktionäre wie im Horrorfilm: Nicht nur, dass der noch wertvollste Konzern der Welt sich seit über einem haben Jahr in einem strikten Abwärtstrend befindet, der die Aktie in der Spitze um 29 Prozent nach unten schickte – seit Jahresbeginn schien nun auch schon die 100 Dollar-Marke zum uneinnehmbaren Widerstand zu werden.

Am Freitag endlich die große Erleichterungsrally: Nach einem Kurszuwachs von mehr als 5 Prozent – dem größten seit einem halben Jahr – wurde wenigstens die psychologisch so wichtige dreistellige Kursmarke zurückerobert.

Wie es kurzfristig nun mit Apple weitergeht, hängt ganz maßgeblich von der Geschäftsbilanz für das abgelaufene Weihnachtsquartal und vor allem dem Ausblick auf den laufenden Dreimonatszeitraum ab, die Dienstag nach Handelsschluss verkündet werden. Schrumpfen die iPhone-Absätze oder nicht – das ist die Frage, die in der Folge wohl zweistellige Milliardenbeträge bewegen wird.

Kapitalrückführungsmaßnahmen umstritten

Mittel- bis langfristig jedoch hat Tim Cook noch einen Joker in der Tasche, der in der großen Aufregung um das „Peak iPhone“-Szenario von der Wall Street bislang noch nicht gewürdigt wurde. Es sind die Kapitalrückführungsmaßnahmen, die von Marktexperten so unterschiedlich beurteilt werden.

Fondsmanager Eric Jackson etwa wirft Apple-CEO Tim Cook vor, mit der Einführung des Kapitalrückführungsprogramms (Aktienrückkäufe und Dividenden) seit 2012 schon 150 Milliarden Dollar ohne jegliche Effekte auf den Aktienkurs verpulvert zu haben.

Eric Jackson geht gar so weit, herauszuarbeiten, dass die Apple-Aktie ohne die Kapitalrückführungsmaßnahmen höher notieren würde, weil sich der iKonzern zur Finanzierung der Aktienrückkäufe nicht hätte verschulden müssen und stattdessen ein um bis jetzt 150 Milliarden Dollar höheres Cash-Polster aufweisen würde.

Apple bei 100 Dollar: Börsenwert 2016 schon 150 Milliarden Dollar kleiner als 2012

Langfristig gibt es für die Bewertung der Apple-Aktie jedoch ein noch gewichtigeres Argument als die Cashreserven – nämlich den Cashflow. Im abgelaufenen Fiskaljahr 2015 produzierte Apple den Rekordgewinn von 53,4 Milliarden Dollar, den Tim Cook zum Großteil wieder an Aktionäre in Form von Aktienrückkäufen und Dividenden zurückführte (im vergangenen Jahr wurden für das Capital Return-Programm exakt 47,6 Milliarden Dollar aufgewendet).

Weitgehend unbeachteter Nebeneffekt: entsprechend schrumpft der Börsenwert um jene knapp 50 Milliarden Dollar, die Apple Jahr für Jahr aufwendet. Erfahrenen Anlegern wird es aufgefallen sein: Als Apple 2012 erstmals die 100 Dollar-Grenze durchbrach, wurde das Unternehmen mit knapp 700 Milliarden Dollar bewertet – am Freitag waren es 555 Milliarden Dollar.

Kapitalrückführungsprogramm entzieht Apples Börsenwert jedes Jahr 50 Milliarden Dollar

Und dort wird es nicht enden: Eine konstante Kapitalrückführung von 50 Milliarden Dollar verringert Apples Börsenwert entsprechend Jahr für Jahr in beträchtlichem Maße. In einem Jahr beträgt Apples Börsenwert bei Kursen von 100 Dollar dann nämlich nur noch ziemlich genau 500 Milliarden Dollar.

Hält Tim Cook am Kapitalrückführungsprogramm, das turnusmäßig im April überprüft wird, in erwähnten Umfang fest (in den vergangenen Jahren stieg es beständig an), reduziert sich Apples Börsenwert entsprechend:

2017: 100 Dollar = 500 Milliarden Dollar Börsenwert
2018: 100 Dollar = 450 Milliarden Dollar Börsenwert
2019: 100 Dollar = 400 Milliarden Dollar Börsenwert
2020: 100 Dollar = 350 Milliarden Dollar Börsenwert
2021: 100 Dollar = 300 Milliarden Dollar Börsenwert
2022: 100 Dollar = 250 Milliarden Dollar Börsenwert
2023: 100 Dollar = 200 Milliarden Dollar Börsenwert
2024: 100 Dollar = 150 Milliarden Dollar Börsenwert (heutige Barreserven)

Die Kapitalrückführung von aktuell knapp 50 Milliarden Dollar pro Jahr hat nun zwei Effekte. Auf der einen Seite dürfte Apple alleine durch seine Aktienrückkäufe und Dividendenausschüttungen bald den Titel des wertvollsten Konzerns der Welt an Alphabet verlieren. Auf der anderen Seite profitieren Aktionäre gleichzeitig aber vom immer weiter sinkenden Börsenwert, der langfristig eine Anpassung erfahren dürfte.

Apple steht vor der Neubewertung als Value-Aktie

Voraussetzung dafür: Die Geschäfte implodieren in den nächsten Jahren nicht. Falls die iPhone-Unit dem Vorbild des iPads folgt und in einem jahrelangen zweistelligen Abwärtstrend begriffen ist und die Nettogewinne entsprechend deutlich nachgeben, bekäme Tim Cook ein Problem, eine anhaltend hohe Kapitalrückführung von 50 Milliarden Dollar weiterhin zu rechtfertigen.

Gelingt es Cook jedoch in den kommenden Jahren durch das neu eingeführte Abo-Modell für eine Stabilisierung auf hohem Niveau zu sorgen, während etwa die Apple Watch einen marginalen iPhone-Rückgang kompensieren könnte, dürfte die Apple-Aktie an der Wall Street vor einer Neubewertung stehen – als Value-Aktie nach dem Geschmack von Warren Buffett.

Airbag Barreserven: Auch nach Repatriierung mindestens 100 Milliarden Cash

An dieser Stelle entfaltet sich die Langzeitwirkung des von Carl Icahn gepriesenen financial engineerings der Aktienrückkäufe: Apple würde irgendwann schlicht zu billig werden – nicht zuletzt, weil der Kultkonzern aus Cupertino auch nach Abzug von Verbindlichkeiten in Höhe von 64 Milliarden Dollar für Anleiheemissionen immer noch immense Barreserven von aktuell knapp 150 Milliarden Dollar hortet.

Selbst nach möglichen Steuerzahlungen im Zuge einer Repatriierung, die Tim Cook so klein wie möglich zu halten versucht und von der nächsten US-Regierung geregelt werden dürften, verfügt Apple über Barmittel von über 100 Milliarden Dollar, die natürlich vom Börsenwert abzuziehen sind. Je weiter Apples Börsenwert im Zuge der Kapitalrückführung und anhaltend großen Barreserven nun schrumpft, desto attraktiver wird also auch die Aktie.

Kauft sich Apple am Ende selbst?

Im Jahr 2020 etwa würde Apple bei Kursen um 100 Dollar dann gerade noch einen Börsenwert von 350 Milliarden Dollar aufweisen, der nach Abzug der Barmittel auf heutigem Niveau dann nur noch einem Unternehmenswert von 200 – 250 Milliarden Dollar entsprechen würde. In anderen Worten: Apples Geschäft wäre für einen solch enormen Discount zu haben (2024 umsonst!), der auf jetzigem Kursniveau kaum mehr zu rechtfertigen wäre.

Tatsächlich könnte Apple langfristig auch gewillt sein, aus dem immer weiter schrumpfenden Börsenwert Kapital zu schlagen – und sich nach dem Vorbild von Dell am Ende selbst kaufen. Tim Cook könnte diesen Plan mit seinem exzessiven Kapitalrückführungsprogramm längst in geheimer Mission verfolgen – und damit in der nächsten Dekade einen Schlussstrich unter die lästigen Launen der Wall Street ziehen, die es dem Apple-CEO mit den ständigen Kursvergleichen, Quartalsbilanzen und Analysteneinschätzungen so schwer macht.

Gerade vor dem Hintergrund eines extrem kostenintensiven und in der Herstellung kaum kalkulierbaren Großprojekts wie dem Apple-Auto würde ein privat geführtes Unternehmen für Cook – oder seinem Nachfolger – mehr Bewegungsfreiheit bieten.

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Alle Kommentare

  1. Ich verfolge Herrn Jacobsens Apple-„Berichterstattung“ nun schon seit fünf Jahren. Noch nie – wirklich nie – hatte er recht mit seinen ominösen Prognosen und Behauptungen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre der Kurs nach Steve Jobs‘ Tod ins Bodenlose gestürzt. Das Gegenteil trat ein. Als der Kurs 2012 einbrach, sollte er seiner Meinung nach steigen. Als er 2013 deutlich anzog, sollte es ein Strohfeuer von ein paar Wochen sein. Er möge es mal mit Astrologie versuchen. Das erhöht die Trefferquote.

    1. Das freut mich, dass Sie ein treuer und langjähriger Leser sind. Leider lesen Sie dann seit fünf Jahren an den Artikeln vorbei – oder erfinden aus Spaß an der Basherei mutwillig etwas. Schon die Unterstellung, ich würde „ominöse Prognosen“ treffen, ist ein so schwerwiegender wie absurder Vorwurf. Ich habe in den rund sieben Jahren, in denen ich an dieser Stelle schreibe, nicht eine einzige konkrete Prognose abgeben, wohin sich der Kurs der Aktie bewegen möge, sondern berichtet, eingeordnet und fraglos auch die Entwicklungen mit eigener Meinung kommentiert. Alle geschilderten Thesen, die Sie aufstellen, sind falsch und vollkommen aus der Luft gegriffen. Vielleicht sollten Sie es mal mit weniger Märchen versuchen…

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