Wie der meist gehypte DLD-Vortrag das Lemming-Verhalten der Digitalbranche entlarvt

Scott Galloway bei der DLD-Konferenz in München
Scott Galloway bei der DLD-Konferenz in München Foto: dpa

Digital Economy Alle Jahre wieder: auf zum erlesenen Zirkel der Digital-Avantgarde nach München, auf zum DLD! Alle Jahre wieder das gleiche Bild: stolze Konferenz-Posts, welchen Digitalpopstars man andächtig gelauscht hat, fluten die Timeline – es schadet schließlich nicht, ein bisschen mit dem Ereignis und dem vermeintlichen Wissen anzugeben. So geschehen auf dem diesjährigen DLD beim hochgehypten Vortrag von Scott Galloway. Dumm nur: Der New Yorker Marketing-Professor produzierte in erster Linie Plattitüden, die sich dennoch in den sozialen Medien verbreiteten wie eine Erleuchtung.

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Kennste, kennste! Mario Barth, der „Live-Comedian mit den meisten Zuschauern“ hat es mit der Kunst des Nichtsagens vor einem großen Publikum weit gebracht. Das Prinzip funktioniert auch auf Konferenzen gut: Neue Erkenntnisse sind grundsätzliche nicht zu erwarten, bezahlt wird für die gepflegte Berieselung und das Gefühl, dabei gewesen zu sein.

Der Mario Barth der Digitalbranche heißt Scott Galloway. Der Marketing-Professor von der New Yorker Stern University hat ein ähnliches Sendungsbewusstsein wie der deutsche Berufskomiker – und verdient nach eigenen Angaben ähnlich viel.

Scott Galloway – der 1,9 Millionen Dollar-Professor

„Niemand bei „Star Wars“ verdient mehr als ich – außer Harrison Ford“, tönte Galloway am Montag auf der DLD-Konferenz in München. 1,9 Millionen Dollar würde er von 325 Studenten für zwölf 3-Stundensessions an der New Yorker Stern-Universität einsammeln – 6000 Dollar pro Student oder 500 Dollar pro Veranstaltung also. Mario Barth wäre neidisch auf solche Ticketpreise, selbst wenn Galloway einräumte, dass er 97 Prozent der Einnahmen wieder an „seinen Agenten“ und die NYU abführen müsste.

Legt man den halbstündigen Headline-Vortrag vom DLD zugrunde, erscheint recht fraglich, ob sich das happige Investment der armen Studenten in den Marketingmann in eigener Sache am Ende auch wirklich auszahlt.  „The Gang of Four“ lautete der Vortrag auf der Bühne, ein Follow-up zu seinem Vorjahrsvortrag „The Four Horsemen„, der selbst schon so aktuell war wie eine Internet-Titelgeschichte des Spiegel von 2011. Dass Apple, Google/Alphabet, Facebook und Amazon das Internet und damit längst die Gegenwart der Weltwirtschaft bestimmen, hat unterdessen jeder digitale Analphabet verstanden.

 

Galloway feierte die großen Börsengewinner des letzten Jahres (Achtung, 2016 läuft so ganz anders) trotzdem noch mal in seinem Headline-Vortrag auf dem DLD, der aber nichts außer Plattitüden, großen Zahlen und einigen eklatanten Fehlern beinhaltete – doch der Reihe nach.

Marketing-Professor jongliert mit überholten Zahlen

Galloway rechnet den staunenden Zuhörern gleich zu Beginn seines Vortrags vor, dass Apple, Google, Facebook und Amazon ihren Börsenwert 2015 vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) Spaniens (1,3 Billionen Dollar) auf das Niveau von Kanada (1,8 Billionen Dollar) gesteigert hätten. Allein: Das ist a.) an sich keine Neuigkeit und b.) in den ersten zwei Wochen 2016 schon wieder überholt (aktuell beträgt der Börsenwert der großen Vier schon wieder satte 250 Milliarden Dollar weniger) – das fällige Update hätte aber natürlich nicht so gut zur Hochglanz-Präsentation des Marketing-Professors gepasst.

In den verbleibenden gefühlt 137 Slides, durch die Galloway wie ein gequälter Pennäler hetzt, betreibt der vielzitierte Internet-Experte vor allem Effekthascherei, von der Konferenzen leben: Die Vergleiche, dass Apples / Googles / Facebooks / Amazons Börsenwert größer als das BIP von Dänemark, Kroatien und – bitte 5 weitere Länder einsetzen – zusammen ist, sind so 2012.

Alberne These: Weil Tim Cook kein guter Story-Teller ist, ist Apple eine halbe Billion weniger wert

Andere kernige Thesen, zu denen sich Galloway ohne Wimpernzucken versteigt, sind so blanker Unsinn wie im Vorjahr, als der New York den Absturz von Amazon voraussagte – dummerweise sollte der weltgrößte Online-Einzelhändler 2015 dann aber bekanntlich sein bestes Börsenjahr erleben und um mehr als 120 Prozent zulegen.

2016 hat es Galloway nun mit dem Marktkonsens auf Apple abgesehen, hat aber für den jüngsten Einbruch seine ganz eigene Erklärung (ab Minute 21). Der iKonzern bezahle für seinen Mangel an Visionen mit einem so eklatanten Bewertungsabschlag an der Börse (Apples KGV beträgt 10, Alphabets 34, Facebooks 98, Amazons, 844).  Galloways These: „Tim Cook ist keiner guter Story Teller. Apple bezahlt deswegen eine Anti-Visions-Steuer.“

Der New Yorker Marketing-Professor folgert: „Es ist dieser Mangel, eine Vision zu formulieren, der Apple von einem Börsenwert von 1 Billion fernhält.“ An dieser Stelle hat Galloway in seltener Einheit die Apple-Fans und die Wall Street gegen sich: Die These, dass Tim Cook eine bessere Kommunikation einen Zuwachs von gleich 500 Milliarden Dollar Börsenwert bescheren würde, ist nicht steil – sie ist vollkommen abwegig.

Durch die Präsentation gehechelt wie ein Erstsemestler

Was Apple seit über einem halben Jahr in den Börsenblues versetzt, ist die Aussicht von sinkenden iPhone-Absätzen, über die Galloway kein Wort verliert, weil sie nicht so gut in sein zusammengezimmertes Konferenz-Konzept passen, durch das der Marketing-Professor im Stakkato-Takt hetzt wie ein Student im ersten Semester. Schon nach den ersten Folien ist Galloway erkennbar aus der Puste und nach 18 Minuten schließlich so stehend k.o., dass er kaum mehr weiter reden kann und in der Hocke kniend vom Publikum mit Beifall zum Weitermachen angefeuert wird.

Keine Frage: Der vermeintliche DLD-Höhepunkt war nicht mehr als heiße Luft, wie sie dieser Tage auf Digitalkonferenzen so oft entweicht. Alles ist gesagt, ein neues iPhone oder Facebook gibt es nun nicht alle Tage, neue Erkenntnisse von heute auf morgen eh nicht. Wer Google und vor allem die Finanzseite Google Finance kennt, kennt auch die Größenordnungen, in denen sich die vier Internet-Riese inzwischen bewegen – ein Geheimnis sind die gigantischen Börsenwerte wahrlich nicht.

Buzzwords für die Branche, um in 140 Zeichen nachzuplappern

Stattdessen werden alle greifbaren Buzzwords und großen Zahlen miteinander verwoben und auf möglichst viele Slides mit schicken Charts und Tortendiagrammen und ein paar zitierfähigen, aber nichtssagenden Behauptungen in 140 Zeichen gepresst, mit denen sich wunderbar zeitgleich auf Twitter aufschneiden lässt:

dpa-Tochter Newsaktuell spendiert Professor Galloway allen Ernstes noch einen Breaking News-Tweet für seine Peinlich-Performance zu Adeles „Hello“:

Spätestens an dieser Stelle entlarvt sich die Branche selbst. Die vollkommen kritiklose Nachhechelei sowohl der Konferenz-Teilnehmer als auch Follower auf Twitter verrät viel über die Digitalbranche und ihre Protagonisten: Der Wissensstand über den Status quo der Internet-Industrie in Zahlen und Fakten ist offenkundig recht begrenzt, am Ende zählt vor allem das ergatterte Konferenz-Bändchen, das vermeintlich elitäre Zugehörigkeit symbolisiert.

Man möchte mitreden, man möchte sich schmücken mit großen Namen und vermeintlich großen Erkenntnissen – man möchte so wahnsinnig gerne dazugehören zu den Großen. Kennste Apple, kennste Google, kennste Amazon, kennste Facebook, kennste Internet, Internet, kennste?! Das ist das gern verleugnete Konferenzmantra, dem die Lemminge der Digitalbranche immer wieder nachlaufen.

 

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Alle Kommentare

  1. Danke, dass es einmal jemand aufschreibt. 🙂 Obwohl dieser „Professor“ ja durchaus lustig war. Dass es aber immer noch Firmen gibt, denen man die Teilnahme an solchen „Events“ als „Arbeit“ verkaufen kann, ist erstaunlich.

  2. Das passt doch nicht. Das BIP von Spanien bewegt sich im Billionen-Bereich. 1,3 Milliarden Dollar ist doch viel zu wenig!
    Ansonsten: schöner Text, gerne gelesen!

  3. Kann die Kritik im Artikel durchaus nachvollziehen. Keine Frage. Unser „+++BREAKING+++“-Tweet zu Galloways Gesangseinlage war allerdings eher ironisch & humoristisch gemeint …
    (Ich bin Leiter UK bei news aktuell und Urheber des genannten Tweets)

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