Blendles Vier-Monats-Bilanz: die meistverkauften und die am seltensten zurück gegebenen Artikel

Blendle-Gründer : Alexander Klöpping, Marten Blankensteijn (r.)
Blendle-Gründer : Alexander Klöpping, Marten Blankensteijn (r.)

Publishing Seit vier Monaten gibt es Blendle nun offiziell in Deutschland. International habe man 500.000 Nutzer, wie viele davon aus Deutschland stammen - leider unklar. Meistverkaufter Artikel der vier Monate war ein Interview aus der Brigitte: "Kluge Leute trinken keine Cola". Erstmals hat Blendle auch eine Liste der Artikel veröffentlicht, für die die Nutzer ihr Geld am seltensten zurück verlangt haben.

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Konkrete Zahlen nennt der Journalismus-Shop also leider weiterhin nicht. Weder die Zahl der deutschen Nutzer, noch Verkaufszahlen von Artikeln. Klar ist, wenn man sich in Verlagen umhört: Mit niedrigen vierstelligen Zahlen kommt man in die 4-Monats-Top-Ten von Blendle, mit dreistelligen locker in die Wochen-Charts. Zahlen, die auf den ersten Blick nicht sonderlich positiv aussehen. Allerdings ist Blendle noch jung, erst nach und nach fangen die Verlage inzwischen an, auch für ihre Inhalte auf Blendle zu trommeln. Zudem handelt es sich natürlich um zusätzliche Umsätze. Umsätze, die es ohne Blendle nicht gäbe. Und: Neben den Umsätzen liefert Blendle spannende Erkenntnisse: Für welche Inhalte zahlen die Kunden, mit welchen Artikeln sind sie besonders zufrieden und was kommt überhaupt nicht an.

Beruhigend an diesen Erkenntnissen ist bisher, dass die Texte, für die gezahlt wird, in den meisten Fällen völlig andere sind als die, die im Netz ansonsten die meisten Klicks oder Likes generieren. Statt Populismus und Alarmismus finden sich bei Blendle ausgeruhte Analysen, spannende Interviews und meinungsstarke Kommentare vorn. Oft auch in sehr langer Form. Blendle-Nutzer wollen also Qualität statt Oberflächlichkeit.

Die Liste der meistverkauften Geschichten führt aber dennoch eine an, bei der die Headline sicher mit für den Erfolg gesorgt haben dürfte. Die Brigitte interviewte einen Ernährungswissenschaftler, das Interview lieferte keine grundlegend neuen Erkenntnisse, war aber mit „Kluge Leute trinken keine Cola“ überschrieben. Ein plakativer Satz, der dem Frauenmagazin den Blendle-Bestseller Nummer 1 beschert hat. Allerdings hätten die Leser den Artikel ja auch zurück geben können, wenn sie nicht zufrieden gewesen wären – taten sie aber nicht. Sie waren also nicht nur mit der Headline zufrieden.

Der Rest der Top Ten besteht aus einem bunten Sammelsurium von Artikeln – vom so genannten Islamischen Staat bis zu Fahrradfahrern in Berlin, von Meta-Journalismus über Blendle bis zur Flüchtlingspolitik. Das sind die zehn meistverkauften Geschichten der ersten vier Blendle-Monate:

1. „‚Kluge Leute trinken keine Cola‘“ – Brigitte, Daniela Stohn, 1680 Wörter, 65 Cent
Harvard-Prof und Ernährungswissenschaftler Walter Willet räumt im Interview mit vielen gängigen Ernährungsmythen auf

2. „Nahost 2035“ – Cicero, Wilfried Buchta, 2545 Wörter, 35 Cent
Analyse zweier möglichen Zukünfte des Nahen Ostens von Experte und Autor Wilfried Buchta.

3. „Wissen Ihre Kinder, was ihr Vater macht? – ‚Ja: Quatsch‘“ – stern, Stephan Maus und Hannes Roß, 2581 Wörter, 65 Cent
Jan Böhmermann im Interview: Der „Chef-Ironiker“ über den IS, Pegida und, natürlich, sich selbst.

4. „Tingle Bells“ – Profil, Angelika Hager, 1635 Wörter, 59 Cent
Der Aufstieg der Dating-App Tinder und wie sie unser Flirtverhalten verändert.

5. „‚Das Auto ist meine Kapsel‘ – ‚Harald, das ist absurd‘“ – Der Tagesspiegel, Pierre Baigorry und Harald Martenstein, 4026 Wörter, 25 Cent
Popstar Pierre Baigorry und Kolumnist Harald Martenstein streiten über das moderne Leben. Über Radfahrer, Steuern und Provokationen.

6. „Naivität des Bösen“ – Die Zeit, Bernd Ulrich, 3171 Wörter, 89 Cent
Bernd Ulrich zerpflückt gängige Argumente gegen eine offene Flüchtlingspolitik.

7. „In der Fabrik“ – Der Spiegel, Ann-Kathrin Nezik, 1871 Wörter, 75 Cent
Einblicke in die schonungslose Arbeitswelt bei Start-ups von Rocket Internet

8. „Die Hetzerjagd“ – Der Spiegel, Laura Backes und Jonas Leppin, 1256 Wörter, 75 Cent
Begegnung mit eine jungen Mann, der auf Facebook hetzte und deswegen seinen Job verlor..

9. „Straight outta Kontext“ – Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stefan Niggemeier, 1514 Wörter, 45 Cent
Stefan Niggemeier über Blendle und das Entbündeln von Journalismus.

10. „Heidi und die Brandstifter“ – Die Zeit, Christian Fuchs und Daniel Müller, 4675 Wörter, 89 Cent
Die Geschichte von einer, die im Nazi-Camp erzogen wurde. Und ausstieg.

(Quelle des Rankings und der Artikel-Beschreibungen: Blendle)

Apropos „zurück geben“: Blendle-Nutzer bekommen bekanntermaßen Ihr Geld zurück, wenn Sie mit dem gelesenen Artikel nicht zufrieden waren. Ein Klick genügt. Blendle hat nun zum ersten Mal eine Liste veröffentlicht, die aus den Artikeln besteht, die am seltensten zurück geben wurden. Die Texte mit der höchsten Leserzufriedenheit gewissermaßen. Für Blendle-Redakteur Michaël Jarjour ist das „die wichtigste Zahl überhaupt“: „Weil du Menschen nicht nur zum Klicken bringen musst, sondern sie überzeugen musst. Journalisten müssen mit jeder einzelnen Geschichte das Vertrauen der Leser erkämpfen.“ Insgesamt werden laut Jarjour übrigens rund 10% der Artikel im Anschluss wieder „zurück gegeben“.

Für die folgende Liste wertete Blendle die insgesamt 50 meistverkauften Stories aus und analysierte die Rückgaberate. Die zehn erfolgreichsten in diesem Kriterium kamen hier nur auf maximal 4,5% unzufriedene Leser, die Nummer 1 sogar nur auf 1,69%. Gewonnen hat dabei eine Analyse der Online-Propagandatechniken des so genannten Islamischen Staates, veröffentlicht im Tagesspiegel. Dahinter folgen ein Porträt aus Capital, ein Artikel über Bioprodukte aus der Welt am Sonntag und noch einmal der Tagesspiegel mit der spannenden Story über eine Frau, die eine tödliche Krebskrankheit vortäuschte. Die gesamte Top Ten:

1. „Islamischer Staat: Die digitale Front“ – Der Tagesspiegel, Barbara Junge, 1913 Wörter, 25 Cent, Rückgaberate: 1,69%
Analyse der Online-Propagandatechniken des IS. Sie basiert auf der Arbeit von Forscher Javier Lesaca, der 1000 Propaganda-Videos des IS analysiert hat.

2. „Der digitale Lenin“ – Capital, Hannes Grassegger, 3348 Wörter, 89 Cent, Rückgaberate: 2,59%
Porträt von „Blockchain“-Pionier Vitalik Buterin, ein 21-jähriger, der gerade die globale Finanzwelt umkrempelt.

3. „Was ist noch bio?“ – Welt am Sonntag, Céline Lauer und Carsten Dierig, 4800 Wörter, 25 Cent, Rückgaberate: 3,17%
Über die Probleme in der Bioproduktio. Was wir wirklich kriegen wenn wir alle Bio wollen.

4. „Der Tod steht als mächtiger Schutzwall vor der Lüge“ – Tagesspiegel, Norbert Thomma, 3798 Wörter, 25 Cent, Rückgaberate: 3,20%
Rekonstruktion: Eine junge Psychologiestudentin spielte jahrelang die Todkranke und täuschte alle. Auch den Tagesspiegel.

5. „Wissen Ihre Kinder, was ihr Vater macht? – ‚Ja: Quatsch‘“ – stern, Stephan Maus und Hannes Roß, 2581 Wörter, 65 Cent, Rückgaberate: 3,24%
Jan Böhmermann im Interview: Der „Chef-Ironiker“ über den IS, Pegida und, natürlich, sich selbst.

6. „Das erschöpfte Ich… und seine Heilung“ – stern, Tobias Schmitz, 3891 Wörter, 65 Cent, Rückgaberate: 3,27%
Ein persönlicher Erfahrungsbericht eines an Burnout und Depressionen Erkrankten (und wie er wieder gesund wurde).

7. „War ich zu hart, Edmund?“ – Cicero, Constantin Magnis, 1677 Wörter, 35 Cent, Rückgaberate: 3,33%
Glänzend recherchierte Rekonstruktion der Rede von Putin an der Münchncher Sicherheitskonferenz 2007. Wie er damals schon ankündigte, was er vorhatte.

8. „‚Gier nach Gewalt‘“ – Die Zeit, Heinrich Wefing, 937 Wörter, 29 Cent, Rückgaberate: 3,36%
Interview mit FAS-Politik-Chef Volker Zastrow. Mit einem Kommentar hat er die ungezügelte Wut „besorgter Bürger“ auf sich gezogen.

9. „Misere und Machismo“ – Der Spiegel, Christiane Hoffmann, 1142 Wörter, 75 Cent, Rückgaberate: 3,85%
Klare, unaufgeregte Analyse von Christiane Hoffmann zu den Ereignissen in Köln, und wie sie sich von ihnen an Reisen in den Iran erinnert fühlte.

10. „Heidi und die Brandstifter“ – Die Zeit, Christian Fuchs und Daniel Müller, 4675 Wörter, 89 Cent, Rückgaberate: 4,50%
Die Geschichte von einer, die im Nazi-Camp erzogen wurde. Und ausstieg.

(Quelle des Rankings und der Artikel-Beschreibungen: Blendle)

Nur zwei Artikel haben es also in beide Listen geschafft: das Böhmermann-Interview aus dem stern und die Geschichte über „Heidi und die Brandstifter“ aus der Zeit.

MEEDIA veröffentlicht übrigens jeweils am Mittwoch exklusiv die offiziellen deutschen Verkaufs-Charts von Blendle. Die bisherigen Ausgaben – und auch alle zukünftigen – finden Sie auf dieser Seite.

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Alle Kommentare

  1. Interessant wäre auch die Liste der am häufigsten zurückgegebenen Artikel – eine Art Qualitäts-Doublecheck als Indikator für kritischen Umgang der Leser in Bezug auf Thema, Rechercheergebnis und Stil. Das Licht, welches so auf die betreffenden Journalisten geworfen würde, ist getrost zu vernachlässigen, da sie im Folgemonat genauso in den Top10 der selten zurückgegebenen Beiträge landen können.

    1. Die Idee ist so naheliegend, dass Blendle schon selbst drauf gekommen ist. Und sie aus gutem Grund verworfen hat. Blendle lebt vom Verkaufen und nicht vom Gegenteil. Und die Information ist auch kein Qualitätscheck für Leser, sondern die Kuratoren. Denn Journalisten schreiben für Ihre Auftrag-/Arbeitgeber und nicht für Blendle. Insofern können wir getrost davon ausgehen, Blendle die Auswahl der Artikel, namentlich der zurückgegebenen, gründlich analysiert.
      Als (potentieller) Leser will ich nicht wissen, was ich nicht zu lesen brauche, sondern was ich mir nicht entgehen lassen sollte.

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