Neuer Kursschub nach unten: Rocket Internet kracht auf neue Allzeittiefs

Cristina Stenbeck: Hält den  Druck auf Rocket-Chef Oliver Samwer hoch
Cristina Stenbeck: Hält den Druck auf Rocket-Chef Oliver Samwer hoch

Digital Economy Diese Rakete kennt nur eine Richtung: steil nach unten. Nach einem desaströsen Börsenjahr 2015 beginnt 2016 mit noch schnelleren Kursverlusten: Schon wieder ein Minus von 34 Prozent haben die Samwers ihren Aktionären eingebrockt – in gerade mal zwei Wochen! Nachdem der Exodus von immer mehr führenden Managern bekannt wurde, stürzte die Rocket-Aktie gestern gar auf ein neues Allzeittief.

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Berlin, wir haben ein Problem: Dieser Funkspruch dürfte in der Kommandozentrale des Rocket Imperiums inzwischen zum Dauerbrenner geworden sein. Rocket Internet, das vor 15 Monaten mit so vielen Vorschusslorbeeren an der Börse gestartete Mutterschiff der Samwer-Brüder, entwickelt sich immer mehr zu einem Rohrkrepierer, der mit maximaler Beschleunigung immer tiefere Kursregionen anzusteuern scheint.

Neuer Höhepunkt des gigantischen Missverständnisses zwischen den aggressivsten Männern des Internets und ihren Aktionären: Heute neue Allzeittiefs auf Schlusskurs-Basis bei 18,80 Euro im Xetra-Handel.

Gigantische Wertvernichtung in Rekordgeschwindigkeit

Das Ausmaß der Wertvernichtung produziert immer neue Superlative: Kurshalbierung seit dem Börsengang im Oktober 2014, enorme 65 Prozent seit den Allzeithochs vor einem Jahr verbrannt. Selbst im neuen Börsenjahr 2016 wurden in gerade mal neun Handelstagen auf Schlusskursbasis schon wieder 34 Prozent an Wert vernichtet.

Die Gründe für die totale Kursimplosion sind immer noch die gleichen wie im letztem Jahr, als Rocket alleine Kursverluste von 51 Prozent einflog – und sich mit großem Abstand den fragwürdigen Titel des größten Wertvernichters einer milliardenschweren deutschen Internetaktie sicherte.

Aktionäre verlieren die Geduld

Anleger sind offenkundig höchst verunsichert, ob die aggressiven Startup-Wetten der Berliner mittelfristig aufgehen. Die jüngst vorgelegte 9-Monatsbilanz der 13 „Proven Winner“ hat die Börse weiterhin nicht überzeugt. Die Wachstumsdynamik gibt leicht nach, Profitabilität ist weiter auf Jahre nicht in Sicht, auch die deutschen Hoffnungsträger Westwing und Home24 wachsen nicht mehr so furios.

Bei kulminierten Erlösen von 2,17 Milliarden Euro verloren die 13 „bewährten Gewinner“ vor Steuern, Abschreibungen und Zinsen (Ebitda) saftige  772 Millionen Euro. Wie Rocket betonte, sollen die Verluste in den kommenden Jahren sukzessiv auf dem „Pfad zur Profitabilität“ begrenzt werden: bis Ende 2017 sollen drei Beteiligungen bereits schwarze Zahlen schreiben – viel zu spät für die notorisch ungeduldigen Aktienmärkte.

Führungskräfte flüchten

Zusätzlich belastend wirkt der immer größere Brain Drain auf der Kommandobrücke der abgestürzten Kursrakete: Nachdem im Oktober bereits Pressesprecher Andreas Winiarski hinschmiss, wurden in den vergangenen Tagen weitere prominente Abgänge auf der obersten Führungsebene bekannt – auch die Leiterin der Rechtsabteilung, Franziska Leonhardt, und Vize-Finanzchef Uwe Gleit kehren Rocket den Rücken zu.

Leonhardt und Gleit gehörten beide dem Aufsichtsrat des Berliner Internet-Unternehmens an, in dem es bereits kurz vor dem Jahreswechsel kräftige Turbulenzen gegeben hatte: Aufsichtsratschef  Lorenzo Grabau musste nach dem von Großinvestorin Cristina Stenbeck verhinderten IPO von HelloFresh seinen Sitz räumen und wurde mit Marcus Englert durch einen Getreuen besetzt.

Banken sehen noch Kurspotenzial

Immerhin halten noch die Banken zu den Samwers. Erst vergangene Woche bekräftigte die Hamburger Berenberg Bank wie zuvor im Dezember die Wall Street-Institutionen Citigroup und Morgan Stanley ihre Kaufempfehlung.

Kursziel der Hanseaten: Bemerkenswerte 53 Euro. Das entspräche auf dem aktuellen Niveau einem spektakulären Kurspotenzial von 140 Prozent – wenn die Triebwerke denn nur durchstarten.

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Alle Kommentare

  1. Banken empfehlen Aktien nur dann wenn sie selber damit im Minus sind , um die Kurse hoch zu treiben und sie möglichst gut wieder los zu werden … solche „Empfehlungen“ kann man getrost ignorieren.

  2. Für die Samwers läuft’s doch super: Erst Milliarden mit Ideen-Klau gemacht, dann nochmal Milliarden mit „Aktien“ eingesammelt. Ob diese dann abschmieren, kann ihnen doch egal sein 🙂 So krank läuft Wirtschaft.

  3. Rocket Internet hat und hatte nie irgendwelches Potenzial. Deren Geschäftsmodell funktioniert nur, solange a) die Börse gut läuft und b) es genug dumme Investoren gibt die da Geld reinstecken. Wobei ersteres ja derzeit nicht der Fall ist.

    Rocket Internet und seine Investoren bewerten Investments die nicht mal ansatzweise profitabel sind mit 2 Mrd Euro!!! Hier sei HelloFresh genannt. Wenn wenigstens die Investments profitabel wären, dann könnte man mit viel Fantasie ja noch irgendein Geschäftsmodell erkennen, so aber nicht…

    Wer Geld verlieren will, dem sei auf jeden Fall angeraten in diese substanzlose Firma zu investieren.

  4. Rocket Internet funktoniert vom Prinzip wie ein Kettenbrief. Mit dem Geld neuer Investoren werden die Verluste von neuen Investments (Firmen) ausgeglichen. Genau wie bei einem Kettenbrief, bricht das System irgendwann zwangsläufig zusammen, weil nicht mehr genug Geld reinkommt, um die aktuellen Verluste auszugleichen. Die Ankündigung von Gewinnen ist natürlich nur eine Hinhalte-Taktik. Gewinne sind nie das Ziel gewesen und werden es auch nie sein. Es würde mich nicht überraschen, wenn Rocket irgendwann insolvent wird, was sehr schnell geschehen kann, wenn die Investoren nicht immer wieder frisches Kapital nachschiessen. Spätenstens wenn die Investoren dies verstehen, dann ist der Ofen aus.

    1. Sehr richtig. Im Volksmund sagt man halt Schneeballsystem dazu, während es an der Börse Rocket Internet heißt.

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