„Guter Journalismus wird nach wie vor hoch geschätzt“ – das Gipfeltreffen der Economist- und WiWo-Chefinnen

Miriam Meckel, Chefredakteurin der WirtschaftsWoche (l.) und Economist-Chefin Zanny Minton Beddoes
Miriam Meckel, Chefredakteurin der WirtschaftsWoche (l.) und Economist-Chefin Zanny Minton Beddoes

Publishing Mit Zanny Minton Beddoes, Chefredakteurin des britischen Economist, und WiWo-Chefredakteurin Miriam Meckel sind zwei Frauen Chefredakteurinnen zweier renommierter Wirtschaftsmagazine. In einem vierseitigen Interview mit Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart sprechen die Journalistinnen unter anderem über ihre Rollen und den Wandel beider Traditionsmedien im digitalen Zeitalter.

Werbeanzeige

Das Interview sei „Pflichtlektüre für alle Journalisten, die ihre Digitaldepression bekämpfen wollen“, kündigte Handelsblatt-Herausgeber Steingart am Mittwochmorgen in seinem Morning Briefing an Es geht unter anderem um die derzeit größte Herausforderung der Traditionsblätter – um den Schritt in die digitale Welt. The Economist, der weltweit auf eine kombinierte verkaufte Auflage von 1,54 Millionen Exemplaren kommt, habe eine „sehr starke Kultur“, erklärt Minton Beddoes, die seit Februar vergangenen Jahres an der Spitze des britischen Wirtschaftsmagazins steht. Die Herausforderung sei, den Wechsel in die digitale Welt zu vollziehen und die Kultur des Magazins weiter zu stärken. „Seit 1843 veröffentlichen wir wöchentlich. Wie übersetzt man die Werte des Economist, die Art des Journalismus, den wir betreiben, in diese neue Welt?“ Durch das Social Web und die Möglichkeit für jeden, seine Meinung zu posten sei ein verstärkter Wettbewerb entstanden, fährt Minton Beddoes fort. „Guter Journalismus wird aber nach wie vor hoch geschätzt.“ Dabei müsse es nicht unbedingt sein, dass Leser mit der liberalen Einstellung des Economist übereinstimmen. „Sie möchten von diesen Werten herausgefordert werden.“ In der heutigen Medienwelt sei es wichtig zu verstehen, dass Journalisten keinen „Alleinvertretungsanspruch“ mehr hätten, erklärt Meckel. „Unsere Leser haben eine Stimme und können uns herausfordern.“ Die WiWo-Chefin und Kommunikationswissenschaftlerin glaube für Traditionsmedien an zwei Werte: Orientierung und Überraschung.

In der Frage, ob Digitalkonzerne wie Google, Facebook und Twitter Freund oder Feind seien, gehen die Meinungen der Chefredakteurinnen auseinander. „Die großen Technologieunternehmen bieten die Gelegenheit, die Erreichbarkeit zu dem, was wir tun, zu erhöhen. Daher sollten wir sie in einer bestimmten Art und Weise umarmen“, erklärt Minton Beddoes. Meckel gibt zu bedenken: „Werden die großen deutschen Autohersteller in 20 Jahren noch die großen Autohersteller sein, oder wird die IT-Industrie dann Treiber der Entwicklung sein und die deutschen Autoproduzenten liefern dann nur noch das Material für die Produktion? Die alte und die neue Welt sollten kooperieren, aber nicht naiv sein: Das 20. Jahrhundert wird in allen vermeintlichen Gewissheiten durch das 21. Jahrhundert herausgefordert.“

53429410

Zanny Minton Beddoes (l.), Gabor Steingart und Miriam Meckel beim Interview in London. Foto: Ana Cuba

Im Zuge der digitalen Transformation stellen die Chefredakteurinnen auch die Frage, wie bereit Print-Journalisten für den Wandel sind. Es gäbe noch immer Journalisten, die „ihre narzisstische Krise“ zu überwinden versuchten. „Sie verstehen erst allmählich, dass sie nicht die einzigen sind, die die Welt erklären können. Diese demokratische Lernerfahrung im Journalismus ist die Voraussetzung für seine Genesung“, so Meckel. Es sei ihr Job, Kollegen auf diesem Weg mitzunehmen, ergänzt Beddoes. Die digitale Revolution biete „unterm Strich mehr Gelegenheiten als Bedrohungen“, so die Britin weiter. Deshalb, so Meckel, befinde sich die Branche auch in keiner Krise. „Wer mutig und kreativ ist, wird Erfolg haben und neue Wege zu den Leserinnen und den Nutzern finden. Wer verzagt reagiert, hat schon verloren.“

Im Interview mit Steingart gehen die Chefredakteurinnen kurz auch auf ihre Einstieg in die Chefredaktionen der Wirtschaftsblätter ein. „Ich bin von der Menge an Aufmerksamkeit erschreckt worden – und ich kann den Tag nicht abwarten, an dem das Frausein in Chefpositionen kein Thema mehr sein wird“, sagt Minton Beddoes. „Es beginnt immer mit einem gewissen Befremden, dann setzt ein Gewöhnungsprozess ein, und irgendwann wird eine Frau an der Spitze zur Normalität. Erstaunlich finde ich, dass es diesen Dreischritt auch heute noch braucht. Es ändert sich derzeit so viel in der Medienbranche, da sollte eine Chefredakteurin die geringste Überraschung sein“, ergänzt Meckel.

Das komplette Interview, in dem Minton Beddoes und Meckel auch über ihre Haltung zur Flüchtlingsfrage, über Bundeskanzlerin Merkel, den Kampf gegen internationalen Terrorismus und über den Zustand des Liberalismus sprechen, ist in der Mittwochausgabe des Handelsblatt erschienen.

MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt

Werbeanzeige

Mehr zum Thema

Alle Kommentare

  1. Mich würden Informationen über das Privatleben der beiden Powerfrauen interessieren. Familie? Kinder? Auf keinen Fall sollte der Eindruck entstehen, dass ich die Damen an den Herd verbannen will, jedoch ohne Quote werden Männer in Top-Positionen die Übermacht bleiben, und das gut so, weil: Kinder Fürsorge zuerst von der Mama brauchen und die Karriere nicht die Ausrede dafür sein sollte, dass „Frau“ keine Zeit für den Nachwuchs hat. Ich vermute vorauseilend, dass mein Beitrag mit Verschiss belegt werden wird, bleibe jedoch bei meiner Überzeugung, dass auch und vor allem die Frauen mit Potential Zeit für Kinderwagen haben sollten.

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

Werbeanzeige

Werbeanzeige