Fünf Gründe, warum wir die deutschen TV-Serien nicht aufgeben dürfen

„Die Stadt und die Macht“, „Deutschland 83“ und „Morgen hör ich auf“ stehen für die neuen deutsche Serie
"Die Stadt und die Macht", "Deutschland 83" und "Morgen hör ich auf" stehen für die neuen deutsche Serie

Mit "Deutschland 83", "Morgen hör ich auf", "Die Stadt und die Macht" oder "Der Club der roten Bänder" ist die Zeit der neuen deutschen Serie angebrochen. Doch sind nicht alle von ihnen auch ein Quotenhit – ganz im Gegenteil. MEEDIA zählt fünf Gründe auf, warum die deutsche Fernsehlandschaft den Glauben an die TV-Serie aus dem eigenen Land dennoch auf keinen Fall aufgeben darf.

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„Na bitte, es geht doch mit den deutschen Serien!“, jubelte die Süddeutsche Zeitung Anfang dieser Woche über „Die Stadt und die Macht.“ Die neue ARD-Serie sei ein „hervorragend besetzter Sechsteiler“, Psychodrama, Polit-Thriller und Entwicklungsgeschichte in einem. Die Quoten hingegen sprachen eine andere Sprache. Tatsächlich waren es bittere Zahlen, die die Premiere der Polit-Miniserie mit Anna Loos am Dienstagabend erreicht hat. Auf dem Sendeplatz, auf dem sonst immer gute bis fabelhafte Serien-Quoten eingefahren werden, sahen den Auftakt nicht einmal 3 Mio. Leute.

Genauso erging es auch „Deutschland 83“, der großen Serien-Hoffnung von RTL: Die (internationalen) Kritiker überschlugen sich mit Lob, doch schon die zweite Folge des Achtteilers fiel auf eine Zuschauerzahl von gerade mal zwei Millionen. Auch das ZDF hat mit „Morgen hör ich auf“ eine neue, aufwändig produzierte Serie ins Rennen geschickt – die sich aus Quotensicht hingegen beachtlich hält. Den Auftakt sahen am 2. Januar 4,56 Mio. Leute, die zweite Folge eine Woche später immerhin noch 4,19 Mio. Die Marktanteile von 13,7% und 13,3% lagen über dem ZDF-Normalniveau.

Doch auch trotz für die Sender teils enttäuschender Quoten geben diese drei TV-Serien Anlass zu großer Hoffnung: Deutsche Fernsehproduktionen haben gleichermaßen Freude wie Mut am Experiment bewiesen. Beides gilt es nun zu bewahren. Denn:

1. Deutsche TV-Serien suchen erst ihre eigenen Linie

In den letzten Jahren wurden die Rufe in Deutschland nach eigenen großen TV-Serien „wie aus den USA“ immer lauter. Doch tatsächlich ist die deutsche Fernsehlandschaft grundlegend anders aufgebaut als die us-amerikanische und der Versuch, Glanzstücke wie die „Sopranos“ oder „Homeland“ imitieren zu wollen, kann nur schief gehen. Die Zuschauer brauchen kein deutsches „Breaking Bad“, es gibt ja schon ein hervorragendes Original. Sie brauchen eigene Serien, die sich von dem Anspruch lösen, so sein zu wollen wie jene aus den USA. Die meisten Fernsehsender haben dies mittlerweile begriffen und besinnen sich, wie in „Weissensee“ oder „Deutschland 83“, entweder auf die eigene, deutsche Geschichte oder, wie beim „Tatortreiniger“, auf den typisch-deutschen Humor. Die Qualität dieser Produktionen gibt ihnen Recht – und die deutsche Fernsehlandschaft entwickelt nach und nach eine ganz eigene Farbe.

2. Geduld zahlt sich aus

Gute Serien brauchen Zeit: um zu reifen und vor allem um Fans zu finden oder gar einen Hype auslösen. Die wenigsten Produktionen schlagen über Nacht ein. Das berühmteste – und beste – Beispiel dafür ist und bleibt „The Wire“. David Simons Meisterwerk war Anfang des Jahrtausends die erste Serie, die gezeigt hat: Fernsehen kann dem Kino ernsthafte Konkurrenz machen. Dennoch hat sie zunächst kaum jemand gesehen – und HBO hielt trotzdem an ihr fest. Und auch „Breaking Bad“, einer der größten Serienhits dieses Jahrzehnts, startete in den USA tatsächlich schon im Jahr 2007. Bis der Hype sich voll entwickelt hatte, vergingen mehrere Jahre und Staffeln. Außerdem brauchen die Zuschauer hierzulande, verwöhnt durch Streamingdienste mit internationalen Produktionen, sicher ebenfalls noch Zeit – um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass auch Deutschland gutes Fernsehen machen kann. Zu lang war das hiesige TV-Programm als trashig und unkreativ verschrien. Ein Wandel in der Wahrnehmung, genau wie mehr Offenheit gegenüber Neuheiten, findet nicht von heute auf morgen statt.

3. TV-Sender müssen Vermarktung neu lernen

Bei der Vermarktung deutscher Serienhoffnungen ist – wohlwollend formuliert – noch Platz nach oben. Hier lohnt der Blick in die USA in jedem Fall: Der Trailer zur vierten „House of Cards“-Staffel und die Social-Media-Präsenz von „Game of Thrones“ zeigen, wie Werbung für TV-Serien im Jahr 2016 aussehen kann und sollte. Die Plakate und RTL-Fernsehspots zu „Deutschland 83“ wirkten im Vergleich dazu wie aus der Zeit gefallen und erreichten genau diejenigen nicht, die der Achtteiler ursprünglich ansprechen sollte: Serienliebhaber und Binge-Watcher, die mitnichten zum RTL-Stammpublikum gehören. Zwar sind die TV-Sender mit ihren Produktionen in den vergangenen Monaten nach vorn geprescht, bei der Vermarktung müssen und werden sie aber hoffentlich noch einiges lernen.

4. Die Quoten sind (noch) zu wichtig

„Zur Hölle mit den Quoten!“, forderte „The Wire“-Autor David Simon schon 2010. „Die eine Hälfte schaut ‚The Wire‘ auf DVD oder on demand und die andere, wie es ihnen passt. Damit werden Quoten immer bedeutungsloser, egal ob die Leute von den Sendern das wollen oder nicht.“ Sechs Jahre später ist seine Aussage aktueller denn je. Lineares Fernsehen muss immer stärker gegen die Angebote von Streamingdiensten ankämpfen und gerade Serienfans haben oftmals nicht mal mehr einen Fernseher zuhause. Natürlich sind Quoten (noch) wichtig – vor allem für private TV-Sender, schließlich verdienen sie durch Werbung ihr Geld. Doch eine Serie direkt als „Flop“ zu bezeichnen, nur weil sie nicht an das „Tatort“-Niveau – sozusagen DAS Heiligtum der deutschen Fernsehzuschauer – heranreicht, kann nur zu Enttäuschung, Frust und falschen Maßstäben führen.

5. Die Erwartungen sind (noch) zu hoch

Wer hat eigentlich festgelegt, dass zwei Millionen Zuschauer für Serien wie „Deutschland 83“ oder „Die Stadt und die Macht“ zu wenig sind? Stefan Niggemeier stellt in der FAS (Paid Content) zu Recht die Fragen: „Was, wenn das realistische Potential für eine anspruchsvolle, ambitionierte Fernsehserie im Normalfall – von glücklichen Ausreißern abgesehen – nur bei ein, zwei Millionen Zuschauern liegt, auch bei uns?“ und appelliert an die öffentlich-rechtlichen Sender, ihre Ansprüche an die Quoten herunterzuschrauben: Sie könnten und müssten es sich leisten, „konsequent an herausragenden deutschen Serien zu arbeiten und an ihnen festzuhalten, auch wenn sie nicht die halbe Nation erreichen, sondern nur einen relevanten, interessierten, involvierten Teil des Publikums“.

Eins ist sicher: Die TV-Serie wird auch in den kommenden Jahren die Königsklasse des Fernsehens bleiben. Noch nie gab es gab es so viele qualitativ grandiose Serien wie zurzeit – und es werden immer mehr. Jüngst kündigte Netflix für 2016 insgesamt 31 Eigenproduktionen an. Und auch für Deutschland gilt (hoffentlich): Jetzt geht es erst richtig los!

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Alle Kommentare

  1. Schade um eine hervorragende Anna Loos und eine Serie, die zu jeder anderen Zeit – bloß nicht in einer Zeit hoher (und leider gefährlicher) Politikverdrossenheit, wie momentan — garantiert bessere Zahlen eingefahren hätte…

  2. Gründe für eine nicht funktionierende Serie aufzuzählen, macht natürlich am meisten Spaß, wenn die Serie bereits gelaufen ist. Vielleicht sollte man auf diesen Spaß gelegentlich verzichten. Einen mindestens ähnlich großen Spaß entwickeln aber auch Kritiker bereits im Vorfeld solcher Serien, indem sie entweder die üblichen Vergleiche ziehen (in diesem Fall: Borgen & House of cards) oder mal gleich mit Hilfe einer präzise geeichten Kristallkugel prognostizieren, dass eine Serie über Politik und Familie in Deutschland nicht funktionieren kann. Genau das ist das Problem – Vergleiche und Genrehinrichtungen – vorher oder nachher ist egal. Sie schaden mehr, als sie nutzen. Vielleicht sollten wir einfach mal hier und da auf den großen Spaß der Vernichtung und düstern Prophezeiung verzichten und uns allen (auch den Kreativen) ein bisschen mehr Eigenständigkeit gönnen. Wenn das nicht geht, dann sollten wir Formate wie KÜSTENWACHE, HERZENSBRECHER, den einen oder anderen TATORT und natürlich auch die Quizshows unbedingt mit dem nächsten Taratino-Film vergleichen…was für ein Spaß.

  3. US-Serien wie Game of Throns, House of Cards, Dr. House, Criminal Minds, Der Hobbit oder Filme wie Avatar, Pearl Harbor, Fargo (mit Ben Affleck als Regisseur), Armageddon etc. gehören zu den Serien/Filmen an die kein und zwar kein deutscher Regisseur auch nur annähernd hinkommt, Filme machen, das ist das einzige was Amerika wirklich gut kann. Und wenn ich das mit Serien wie Cobra 1, GZSZ, Bianca, Rote Rosen (ich brech gleich) oder diese schrecklich nachgemachten Arzt-Serien die man mit der Serie Dr. House vergleichen soll, dann frag ich mich, ist das Selbstbewußtsein, ist das billig Filme produzieren oder geht man von einem minimalen IQ der deutschen Fernsehzuschauer aus. Ich würde es manchmal gern wissen. Kein Wunder dass Sky und amazon und Netflix immer mehr zulegen denn die Mehrzahl der intelligenten Zuschauer kann sich das inzwischen unzumutbare Fernsehprogramm nicht mehr ansehen.
    Mich beschleicht manchmal das Gefühl, dass man jetzt auch in unseren West-Sendern, das nicht gerade niveauvolle Fernsehprogramm der ehemaligen DDR aufs Auge gedrückt (oder kommen die Programm-Direktoren aus dem Osten?) bekommt, wie auch deren Politik. Natürlich bleibt es jedem überlassen, was er sich gerne ansieht, aber bitte Stolz, auf solchen unerträglich nachgemachten Mist braucht hier keiner zu sein.
    Anmerken möchte ich jedoch, dass der Zweiteiler „Böser Wolf“, „Die Bergretter“, „Der Berdoktor“, „Die Rosenheim-Cops“ (in den Serien sieht man wenigstens eine wunderschöne Landschaft, das ist ja auch schon was) oder auch die letzten „Tatorte“ durchaus positiv zu sehen sind/waren.

  4. Jetzt wissen wir wieder, warum wir Dieter Wedels Arbeit so schätzen! Es ist nicht leicht, einen spannenden 6-Teiler zu produzieren. Und die Besetzung? Na ja …

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