Experiment „offene Tür“ vorläufig gescheitert: Wie arabische Medien Deutschland sehen

Constantin Schreiber hat die Berichterstattung im arabischen Raum analysiert.
Constantin Schreiber hat die Berichterstattung im arabischen Raum analysiert.

Die massenhaften sexuellen Übergriffe in der Silvester-Nacht beschäftigen Medien weltweit – auch in der arabischen Welt, aus der die mutmaßlichen Täter stammen sollen. n-tv-Moderator und Nahost-Experte Constantin Schreiber hat die Berichte gesichtet und stellt fest: Auch in der arabischen Welt macht sich die Sorge breit, dass die Willkommenskultur kippen und die Merkel-Politik scheitern könnte.

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Von Constantin Schreiber

Deutschland ist eine Großmacht – das könnte man meinen, wenn man in diesen Tagen arabische Zeitungen oder Websites liest oder den Fernseher einschaltet. Das, was in „Almania“ passiert, wird sehr genau beobachtet, analysiert und kommentiert. „Bab maftuh“ – „offenes Tor“ – so wird die Merkel-Politik in arabischen Medien genannt. Ob diese nun auf der Kippe steht, ist derzeit eines der großen Themen in der Medienwelt.

So titelt Al-Jazeera nach den Vorfällen an Silvester inzwischen „In Deutschland steigt nach den Geschehnissen von Köln die Feindseligkeit gegenüber Muslimen“. Und erklärt weiter: „Die Geschehnisse von Neujahr in Köln (…) haben eine neue Ebene des Hasses gegen führende muslimische Organisationen in Deutschland und Helfer ausgelöst.“

Der populäre Sender Sky News Arabia aus Abu Dhabi nimmt die Übergriffe auf einen Syrer und mehrere Pakistani in Köln ebenfalls zum Anlass, über eine gestiegene Aggressivität gegenüber Ausländern in Deutschland zu berichten. Auch die Politik der Kanzlerin stehe jetzt auf dem Prüfstand: „Die Vorfälle haben eine große öffentliche Debatte über den Kurs der Kanzlerin ausgelöst.“

Die viel gelesene ägyptische Zeitung „al-Ahram“ stellt in der Berichterstattung fest, dass „die Geschehnisse von Köln die Parole der Kanzlerin ‚Wir schaffen das‘ zunichte gemacht“ hätten.

Die libanesische Zeitung „al-Nahar“ greift die Reaktion der Regierung auf und titelt: „Die Regierung erleichtert die Abschiebung von kriminellen Ausländern.“ Al-Nahar spricht von einem Schockzustand, in dem sich Deutschland seit der Silvesternacht befinde und der nun die Regierungskoalition zum Handeln zwinge.

Bedeutenden Raum nimmt die Berichterstattung über die Geschehnisse von Köln bei den großen Auslandssendern des Westens ein, die arabische Programme unterhalten. Das mag auch daran liegen, dass Großbritannien, Frankreich und natürlich Russland eine grundsätzlich andere Politik gegenüber Flüchtlingen verfolgen als Deutschland – getragen von einer eher ablehnenden öffentlichen Meinung, in der „refugees welcome“ kaum eine Rolle spielt. Mit entsprechendem Interesse wird beobachtet, ob Deutschland nun in einen Flüchtlingskoller verfällt.

Rusiya al-Youm ist das arabische Programm des Staatssenders Russia Today aus Moskau. Der Sender gilt als außenpolitisches Propagandainstrument. In seinen Beiträgen stellt RT seit Wochen das Versagen der westlichen Politik gegenüber der Flüchtlingsherausforderung dar und unterstützt die harte Linie osteuropäischer Staaten, die sich gegen eine Aufnahme von Syrern stellen. „Wieso fragt niemand nach dem Ursprung der Flüchtlingskrise? Ist es nicht das Eingreifen des Westens, den Irak, Libyen, Syrien und Afghanistan durch Granatwerfer und Raketen demokratisieren zu wollen?“ RT stellt damit die Nahostpolitik des Westens in Frage, die in Opposition zum Vorgehen Russlands in der Region steht.

Das arabische Programm der BBC berichtet von „Angst unter den Muslimen in Deutschland“ und berichtet mit viel Pathos: „Ein Vorfall scheint den Traum der von Kriegen gefolterten Menschen im Nahen Osten zu zerstören, der Tragödie zu entkommen hin zu einer neuen Welt (Deutschland). Deutschland, das sich tausenden syrischen Flüchtlingen geöffnet hat, um sie vor der Tötungsmaschine zu bewahren, überdenkt nun seine Politik.“

Als Kanzlerin Merkel das so genannte „Dublin-Verfahren“ außer Kraft setzte und so Flüchtlingen aus Syrien die Reise nach Deutschland ermöglichte, wurde sie dafür in arabischen sozialen Medien gefeiert. An einigen Stellen wird mittlerweile aber auch die Sorge deutlich, dass diese Willkommenskultur eine falsche war. Auch im arabischen Raum zeigen sich die Menschen besorgt um den sozialen Frieden in Deutschland. „Deutschland wird einen hohen Preis zahlen, für seine Politik der offenen Tür“, kommentiert ein Nutzer die Berichterstattung bei al-Arabiya.

Fazit: Die arabische Medienwelt geht von einer Politikänderung Merkels aus und erwartet zunehmende gesellschaftliche Spannungen in Deutschland. Das Experiment „Bab maftuh“ wird als vorläufig gescheitert angesehen.

Über den Autor:

Constantin SchreiberConstantin Schreiber ist Reporter im Hauptstadtstudio von RTL und moderiert beim Nachrichtensender n-tv, für den er die erste Sendung für Flüchtlinge in Deutschland („Marhaba“) produziert und für den er ebenfalls regelmäßig Stimmungsberichte aus dem arabischen Raum zusammenfasst. Schreiber war bereits als Korrespondent im Nahen Osten tätig und arbeitet auch für das arabische Fernsehen.

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