„Außerhalb von Mainstreamkorridoren“: Karola Willes Regierungserklärung als neue ARD-Vorsitzende

MDR-Intendantin Karola Wille ist die neue ARD-Vorsitzende
MDR-Intendantin Karola Wille ist die neue ARD-Vorsitzende

Fernsehen Im Schatten der Kritik an den öffentlich-rechtlichen Medien und ihrer Berichterstattung zu den Übergriffen von Köln hat MDR-Intendantin Karola Wille den ARD-Vorsitz von NDR-Intendant Lutz Marmor übernommen. Der Wechsel fällt in eine Zeit "enormer Herausforderungen", erklärte die neue Chefin beim Antrittstermin in Leipzig.

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Eine der „Herausforderungen“ war an diesem Montag vor der eigenen Haustür des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) aufmarschiert. Bereits am Vormittag fuhren Mannschaftswagen der Polizei in der Leipziger Innenstadt Patrouille, am Montagnachmittag sollten hier Legida-Anhänger (der Leipziger Ableger der Pegida) und Gegendemonstranten aufeinandertreffen. Rechte Gesinnung auf den Straßen, internationaler Terror, Flüchtlingsfrage. „Wir spüren eine Erosion von Wertegrundlagen, zunehmende Gewaltbereitschaft, auch gegenüber Journalisten, die Gegenstand von Hass werden“, erklärte Wille.

Es klang fast so, als hätte die neue ARD-Vorsitzende ihre Begrüßung auch an sich selbst gerichtet. Wille wünschte für das neue Jahr „Kraft und Optimismus“. Beides wird nötig sein. Das Glaubwürdigkeitsproblem der Medien und die Kritik wird – zuletzt erkennbar nach den Übergriffen in Köln – eher größer statt kleiner. Eine Entwicklung, der Wille als neue ARD-Chefin mit „Impulsen“ für die öffentlich-rechtlichen Anstalten entgegen treten will. Öffentlich-rechtliche Medien seien für die Bedeutung der Demokratie nicht weniger wichtig, sondern bedeutsamer geworden. Wie sich bereits Welt-Chefredakteur Stefan Aust vorgenommen hat, müsse auch die ARD „erklären, was ist“ sowie die Werte des Grundgesetzes vermitteln und zum „freien Meinungs- und Willensbildungsprozess“ beitragen. Die späte Reaktion im Fall Köln u.a. des ARD-News-Flaggschiffs „Tagesschau“ ist zuletzt von anderen Medien aber auch aus der Politik massiv kritisiert worden. Ex-Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) warf Medien ein „Schweigekartell“ in Bezug auf Herkunft der Tatverdächtigen von Köln vor. Diese Kritik will Wille nicht stehen lassen. Ein „Schweigekartell“ sei innerhalb der ARD nicht zu erkennen, sagte sie. Eine Reflektion der Arbeit in Köln müssten die zuständigen Redaktionen vornehmen, so Wille weiter. 

Öffentlich-rechtliche sollen „außerhalb von Mainstreamkorridoren“ denken 

Das eigene Handeln überprüfen sowie Fehler korrigieren und sie öffentlich machen, werde wichtiger. Transparenz trage zur Glaubwürdigkeit genauso bei wie Dialog. Öffentlich-rechtliche Medien sollten sich „an der Lebenswirklichkeit der Menschen“ bewegten, aber auch „außerhalb von Mainstreamkorridoren“ arbeiten, so Wille. Auf Nachfrage erklärte die neue ARD-Chefin dazu, dass es dabei um das „Denken außerhalb gewöhnlicher Muster“ gehe. Erkennbar sei dies bereits in der Kommentarkultur, beispielsweise in den „Tagesthemen“. Bei den Konsumenten gäbe es ein Verlangen nach Differenzierung und Qualitätsjournalismus, der die Medien „und besonders die öffentlich-rechtlichen Medien“ fordere. 

Unabdingbar für die Funktionalität des öffentlich-rechtlichen Rundfunk seien neben der Glaubwürdigkeit auch eine breite gesellschaftliche Akzeptanz und eine überzeugende Legitimation. „Diese drei Felder sind untrennbar miteinander verbunden“, sagte die ARD-Vorsitzende, auch wenn diese Legitimation in Teilen der Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich sei: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sich dieser Tatsache weiterhin stellen, sich damit auseinandersetzen, gegensteuern und aufklären.

Wille will auf Kooperationen mit privaten Medien setzen 

Zum Erreichen der breiten Masse ist auch in der Amtszeit von Wille der Ausbau von technischen Möglichkeiten ein wichtiges Thema. An erster Stelle steht weiterhin die Expansion ins Digitale. Im Oktober 2016 soll das bereits mehrfach erwähnte und diskutierte Online-Angebot für Jugendliche starten. 

Einen Ausbau des Angebots soll es aber auch über die öffentlich-rechtlichen Grenzen hinweg geben: „Wir wollen auch strategische Partnerschaften mit anderen Marktteilnehmern wie dem privaten Rundfunk oder den Verlagen weiter ausloten“, so die ARD-Vorsitzende. Als Beispiele verwies sie auf den Austausch von Inhalten mit privaten Medien wie auch auf das Recherchenetzwerk von WDR, NDR und der Süddeutschen Zeitung. Was vorstell- und machbar sei, erläuterte Wille an diesem Tag nicht. 

Sportrechte: ARD ohne olympische Spiele nur „schwer vorstellbar“ 

Offen ließ Wille, wie sich die ARD im Zusammenhang den Rechten an den Olympischen Spielen verhalten wird. Die Exklusivrechte für den Zeitraum zwischen 2018 und 2024 hatte sich überraschenderweise der Eurosport-Mutterkonzern Discovery gesichert. Das sportliche Großereignis treffe auf großes Interesse der Öffentlichkeit, erklärte Wille, weshalb der Event auch für die ARD von Bedeutung sei. Eine ARD ohne die Spiele sei „schwer vorstellbar“. Wie groß die finanzielle Bereitschaft ist, machte Wille indes nicht deutlich. Der Sportetat sei begrenzt. Kurz zuvor wies sie darauf hin, dass Mehrausgaben zu Kürzungen an anderen Stellen führten. Gleiches gelte auch für den Finanzbedarf der öffentlich-rechtlichen Sender. 99 Millionen Euro zusätzlich seien von 2017 bis 2020 pro Jahr notwendig. Über die Erhöhung hat die zuständige Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) noch nicht entschieden. Auf die Frage, ob letztlich die Rundfunkbeiträge erhöht werden müssen, sagte Wille, das politische Ziel, diesen bis 2020 unangetastet zu lassen.

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Alle Kommentare

  1. Wer „Mainstream-Korridore“ verlassen will, muss sich fragen: Was gehört heute zum Informationsauftrag? Wieviel Prozent Programmbudget darf es denn sein für Unterhaltung oder Filmpakete, Bundesliga- oder Champions League-Rechte? Nachrichten und Meinung, Einordnen und Erkennbar machen von Positionen, das Erklären von Hintergrund und Zusammenhängen in der Tiefe ohne Rücksicht auf Quote und politische Correctness: Das sollten die GEZ-Gebühren ermöglichen. Die Werbeeuros bitte gerne für Shows, Soaps, Blockbuster und Formel 1 an die Privaten. „Qualität ohne Quotendruck“, heißt die Parole, Frau Wille – KEIN Olympia muss für die ARD vorstellbar sein!

  2. hallo,

    „Karola Willes Regierungserklärung als neue ARD-Vorsitzende“

    schöner kann man es gar nicht beschreiben wie weit es bei uns mittlerweile mit der Pressefreiheit gekommen ist.
    Wer hat Frau Wille in die Regierung gewählt?

  3. ARD-Chefin Wille muss zuerst die kontrastlose Personalpolitik der Sender ändern lassen, wenn sie dort auch „außerhalb von Mainstream-Korridoren denken“ lassen will.

    Die Personalpolitik in den ´TV-Anstalten ist nur noch nach dem internen Mainstream ausgerichtet. Ja-Sager sind risikolos.

    Das Ergebnis sind ein dramatisch fehlender Pluralismus in Konferenzen zur Themenfindung – sonst wäre das Thema „Köln“ nicht „versehentlich“ unter den Tisch gefallen. Keiner hat mehr Lust zum Risiko, eventuell als „rechter Querdenker“ dazustehen – nur weil dpa was meldet, und noch nicht SPON. Die Redaktions-Schalten von ARD und ZDF sind stets beflissenes Schulterklopfen. Engagierte Kritik nach Fehlern? Viel zu gefährlich, das rächt sich…

    Der Kölner Berichterstattungsskandal war keine linke, ferngesteuerte Schweigespirale. Es war lediglich die lethargische Einäugigkeit der führenden CvD’s bei den ersten, womöglich „politisch unkorrekten“ Agentur-Meldungen. Falls die Planer ihre dpa-Agenturen überhaupt noch lesen und sich nicht nur eilfertig auf das einäugige SPON verlassen. Prüft Euch mal selbst!.

    Ohne die leidenschaftliche Einäugigkeit bei der Einschätzung eines umstrittener Themas wäre der Berichterstattungsskandal in Köln schon am 1. Januar aufgefallen. . Selbst heute – am 11.Januar – erwachen noch immer verspätete Feuilletonisten und tippen verliebt selbstkritisch: „Wir müssen mal reden!“

    Redaktioneller Pluralismus als interne Gegenkontrolle fehlt überall. Ein vergleichendes Beispiel: Das alte „frontal“-Format (Hauser & Kienzle) erzielte mit seiner pluralistischen Doppelspitze satte 12 – 16 % Marktanteil . Der streitbare Rechts-Links-Kontrast der Filmbeiträge des alten „Frontal“ erzielte in den neunziger Jahren die höchste Einschaltquote aller deutschen Magazine.

    Dann kam der Wechsel: Das neue „frontal21“ startete ab dem Jahr 2000 mit nur noch einem einzigen (qualifizierten) Redaktionsleiter. Der neue Chef engagierte fast nur politisch „homogene“ Mitarbeiter, auch die waren alle qualifiziert.
    Doch die früher wechselhaft kritischen Themen wurden – trotz hervorragender Filme – in der Auswahl zunehmend einäugiger. Vielleicht stimmt das ja nicht objektiv. Doch die Medienanalysen ergeben: Der frontal21-Mix ist subjektiv „erwartbar“, „überraschungsfrei“ – ähnlich wie die ARD-Magazine auch. Der Pluralismus-Vorteil ist weg.

    Die Folge ist eine dramatische Quotenhalbierung bei „frontal21“ – im Vergleich zu „H & K“ . Die Hälfte der Zuschauer ist dauerhaft weggeblieben – nicht nur von vom „rechten Spektrum“, sondern auch von „linker Seite“. Nur noch sieben bis acht Prozent Zuschauer – statt 12 – 16 %. wie früher, mit der krachend streitenden Doppelmoderation. Frontal ist jetzt auf die letzten Plätzen gerutscht.

    Wenn heute ein kritischer Journalist wie Jan Fleischhauer von SPON schon als aufregender Sonder-Exot gilt, dann zeigt das, was sich bei der Personalpolitik der Leitmedien verändert hat: Nicht die „unpolitischen Zuschauer“, nicht die „neue Zeit“ ist am Zuschauer-Verlust schuld. Sondern eine einäugige Personalförderung, die (demokratische) Andersdenkende („…rechtes Ticket“) kalt stellt oder gleich gar nicht einstellt. Obwohl sie als journalistischer Kontrast zu den rund 75 Prozent links-grüner Redakteure (Umfrage-Zahl) eine wichtige Funktion gegen Erstarrung hätten.

    Andersdenkende werden intern mehrheitlich gebasht, sie können auch kaum in neue,, „homogene“ Redaktionen wechseln. Grund: „Den/die wollen wir nicht!“. Die raren Anders-Denker fehlen als journalistische Aufpasser und Aufmischer – und zwar überall.

    Sonst hätte man bei ARD und ZDF und SPON die Übergriffe „Köln“ nicht tagelang mehr oder minder „übersehen“. Der weltweit blamable deutsche Medien-Skandal nicht passiert. Oder?

  4. „Schweigekartell“ in Bezug auf Herkunft der Tatverdächtigen von Köln vor. Diese Kritik will Wille nicht stehen lassen.“

    Hmmm… haben ARD und ZDF jemals seit ihrem Entstehen eine Kritik als berechtigt anerkannt?
    Ich glaube, es geht weiter wie bisher: Fernsehen, daß Keiner braucht, aber jeder bezahlen muß – Frau Wille, man muß elektrische Energie als Zwischenschritt nicht erst in Hochfrequenz verwandeln, wenn man Wärme erzeugen möchte.

  5. Der öffentlich rechtliche Rundfunk ist in einer veritablen Krise, nicht erst seit Köln. Die Konzepte von Frau Wille sehen nicht danach aus, als ob sie das erkannt hätte.

    In Zeiten wie diesen ist Unabhängigkeit und Staatsferne ein hohes Gut, dass weder ARD noch ZDF liefern können.

  6. „Außerhalb von Mainstreamkorridoren“: Karola Willes Regierungserklärung als neue ARD-Vorsitzende

    Der freudsche Versprecher „Karola Willes Regierungserklärung“ legt die verschleierte Funktion der öffentlich rechtlichen Sender als Regierungssprachrohr offen.

    Ein Freudscher Versprecher, auch Lapsus linguae genannt, ist eine sprachliche Fehlleistung, bei der ein eigentlicher Gedanke oder eine Intention des Sprechers unwillkürlich zu Tage tritt.

    Der Witz ist dabei die derzeitige Kritik an der polnischen Medienpolitik, die ihren Einfluß demokratisch legitimiert ohne Verschleierung ausübt.

    Was ist nun besser verschleierte oder offene Einflußnahme auf die Medien ?

    Wenn unsere Volksvertreter wirklich Pluralität in der Meinungsbildung zulassen wollten, müßten sie bei den öffentlich rechtlichen Sendern z.B. jeder demokratischen Partei eigene selbst gestaltete Zeitfenster unter ihrem Namen im Programm zubilligen. Parteien mit 1 bis 5% bei der Bundestagswahl wechselweise in einem „Sammelfenster“.

  7. „erklären, was ist“
    Nein! Zuallererst sollt ihr BERICHTEN was ist! Danach könnt ihr dann erklären, für diejenigen, die nicht selbst in der Lage sind, sich eine Meinung zu bilden. Die Frau bestätigt also: Sie will Meinung „machen“

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