NDR-Dokumentarspiel „Der gute Göring“: Stiller Held im Schatten des Nazi-Antagonisten

Barnaby Metschurat und Francis Fulton-Smith in „Der gute Göring“
Barnaby Metschurat und Francis Fulton-Smith in "Der gute Göring"

Fernsehen „Wer Jude ist, das bestimmte ich.“ Mit diesem wohl bekanntesten Zitat von Hermann Göring, Adolf Hitlers rechter Hand, beginnt „Der gute Göring“. Doch im Vordergrund des Films soll nicht Hermann stehen, sondern sein Bruder Albert – der im Dritten Reich zahllosen Menschen das Leben gerettet hat. Leider verblasst der Held neben seinem Antagonisten und auch politische Zusammenhänge kommen zu kurz.

Werbeanzeige

Zwei Brüder. Den einen kennt jeder – er war Reichsfeldmarschall und die Nummer zwei nach Adolf Hitler: Hermann Göring. Der andere ist vergessen – zu Unrecht, denn er hat im Dritten Reich Menschen vor dem Tod gerettet, indem er ihnen etwa Pässe besorgte oder Geld für sie auf Konten in der Schweiz hinterlegte: Albert Göring. Er war ein stiller Held während der NS-Zeit, der sich gegen seinen von der Nazi-Ideologie zerfressenen Bruder stellte, für Menschlichkeit kämpfte – und für seine Heldentaten niemals die Anerkennung bekam, die er verdient hätte. Heute ist Albert Göring vergessen, sein Nachname vergiftet.

Francis Fulton-Smith brilliert als Hermann Göring

2011 hat sich bereits die BBC mit ihrem Film „Goering’s Last Secret“ der Geschichte des jüngeren Bruders von Hitlers rechter Hand angenommen. Mit „Der gute Göring“ – halb Dokumentation, halb Spielfilm – ziehen der NDR und die Hamburger Produktionsfirma Vincent TV fünf Jahre später nach und präsentieren dem deutschen Fernsehpublikum ein Dokumentarspiel, das sich an den fünf historisch belegten Begegnungen der erwachsen Brüder entlanghangelt. Zum letzten Mal treffen sich die beiden am 13. Mai 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Die Spielszenen der fünf Begegnungen werden von Originalaufnahmen aus der Zeit und Zeugenaussagen unterbrochen: Albert Görings Tochter kommt zu Wort, seine Stieftochter sowie die Kinder von Geretteten. Dazu gibt es ein Interview mit Irena Steinfeldt, der Leiterin der Abteilung der Gerechten unter den Völkern in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Zu Beginn wirken die gespielten Szenen in „Der Gute Göring“ ein wenig hölzern, fast unbeholfen und wie einem Kostümfilm entfallen. Doch das legt sich schnell, alle Schauspieler scheinen im Verlauf des Films stetig in ihre Rollen hineinzuwachsen. Vor allem Francis Fulton-Smith, der zuletzt für seine Rolle als Franz Josef Strauß in „Die Spiegel-Affäre“ mit dem Bambi ausgezeichnet wurde, verkörpert Hermann Göring brillant: arrogant, gefährlich, widerlich. „Je tiefer ich im Vorfeld an die Dreharbeiten in die Materie eingestiegen bin, umso schockierter war ich von dieser abgrundtiefen Schlechtigkeit“, sagt er im Gespräch mit MEEDIA. Dass der Film vorrangig von seinem Bruder, Albert Göring, handeln soll, rückt deshalb stellenweise vollkommen in den Hintergrund. Zu präzise ist das Spiel dessen Antagonisten. Auch das Verhältnis der beiden Brüder wird treffsicher erzählt, die Dialoge sind ausgereift und schnell, der Kampf der gegensätzlichen Ideologien voller Spannung inszeniert. Albert und Hermann duellieren sich mit Worten, in der einen Szene blicken sie sich hasserfüllt an und in der nächsten spielen sie Seite an Seite Klavier. Es sind Paradoxa wie diese, die den Reiz des Films ausmachen.

Komplexe Zusammenhänge werden höchstens gestreift

„Es kommt spät – 50 Jahre nach Albert Görings Tod, 70 Jahre nach Ende der Nazidiktatur. Und doch gerade zur rechten Zeit, da wir mit einer neuen, jungen Generation über Nationalismus und Menschlichkeit wieder streiten wie lange schon nicht mehr“, erklärt Produzentin Sandra Maischberger die Motivation hinter „Der gute Göring“. Regisseur Kai Christensen ergänzt: „Eine neue Generation erlebt Geschichte ja immer wieder neu und es ist kein Zufall, dass auf einmal andere Personen in den Fokus rücken.“ Hermann Göring-Darsteller Francis Fulton-Smith spricht von der „Banalität des Bösen“, die man den jungen Leuten näher bringen müsse. Denn dann wären sie auch achtsamer für Volksverhetzende Tendenzen in der aktuellen Zeit. Filme über das Dritte Reich bleiben wichtig. Sie werden möglicherweise sogar immer wichtiger, da es kaum noch Zeitzeugen aus der Zeit gibt. Doch trotz der aufwändigen Machart des Films und der schauspielerischen Leistung ist es fragwürdig, ob dieses Vorhaben gelingt.

Die Originalaufnahmen bleiben dafür zu sehr an der Oberfläche. Zwar gibt es natürlich bereits unzählige Dokumentationen über die NS-Zeit. Dennoch: Soll eine neue Generation erreicht werden, dürfen die Fakten zu Görings Leben, seiner Karriere und seinen wahnsinnigen Verbrechen nicht fehlen. Ob sich junge Leute für Bilder von Hermann Göring interessieren, die ihn beim „Entspannen auf der Terrasse“ zeigen? Eher nicht. Die komplexen politischen Verkettungen, der Schrecken in den Konzentrationslagern werden, genau wie Görings Verhältnis zu Adolf Hitler, höchstens gestreift. Zusammenhänge bleiben so oftmals unklar.

Gleichermaßen kommen auch die Rettungsaktionen von Albert zu kurz. „Man kann die Geschichte von Albert Göring nicht ohne die Geschichte von Hermann Göring als das Monster erzählen“, erklärt Fulton-Smith. Doch die Figur verblasst neben dem Bösewicht. Das Dokumentarspiel sollte ein Lobeslied auf den vergessenen Helden des dritten Reiches sein – doch dafür stehen die eigentlichen Heldentaten zu wenig im Vordergrund. „Der gute Göring“ ist etwas anderes geworden: Eine Geschichte über zwei Brüder, deren Band trotz eines massiven Ideologiekampfes nicht zerreißt. Und wie Fulton-Smith betont, dass „nicht jeder Mensch schlecht oder gut geboren wird“.

„Der gute Göring“ wird am Sonntag, den 10. Januar 2016 um 21.45 im Ersten ausgestrahlt.

Werbeanzeige

Mehr zum Thema

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige