Deutsche Internetaktien 2015: Kursrakete Xing, Rohrkrepierer Rocket Internet

Ein Börsenjahr der Gegensätze: Oliver Samwers (li.) Rocket Internet geriet ins Trudeln, Xing-CEO Thomas Vollmoeller freut sich über rasante Kursgewinne
Ein Börsenjahr der Gegensätze: Oliver Samwers (li.) Rocket Internet geriet ins Trudeln, Xing-CEO Thomas Vollmoeller freut sich über rasante Kursgewinne

Deutschlands Internet-Wirtschaft gewinnt an Statur: Neben dem Neuen Markt-Veteran United Internet verzeichnet Deutschlands Digitalindustrie durch die Börsengänge der Samwers mit Rocket Internet und der Beteiligung Zalando im vergangenen Jahr gleich zwei neue Einhörner, die sich 2015 höchst unterschiedlich entwickelten. In diesem Jahr verbuchte der illustre Internet-Milliardärsclub gleich zwei neue Mitglieder: die Scout24-Gruppe durch den Börsengang und Xing durch eine gigantische Börsenrallye.

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5. Rocket Internet:  – 46 Prozent

Was hoch fliegt, stürzt auch wieder ab: So könnten die Samwers ironisch das Börsenjahr 2015 abhaken. Schließlich schossen die Aktien ihres Beteiligungskonglomerats Rocket Internet nach dem Börsengang im Oktober vergangenen Jahres auf den letzten Metern 2014 noch um 22 Prozent nach oben und legten damit die zweitbeste Performance unter den deutschen Internetaktien hin.

Dass es 2015 der letzte Platz unter den höher kapitalisierten Internet-Unternehmen werden würde, stand im Grunde schon seit Monaten fest. Seit Februar, als bei 58 Euro noch einmal ein neues Allzeithoch  aufgestellt wurde, geht es beständig bergab – immer tiefer, immer rasanter. Bis auf sage und schreibe 21 Euro rasselte Rocket im Jahresverlauf nach unten: Das entsprach einem Minus von mehr als 50 Prozent gegenüber dem Ausgabekurs 2014 und einem enormen Aderlass von 64 Prozent gegenüber den Allzeithochs.

Anleger sind offenkundig höchst verunsichert, ob die aggressiven Start-up-Wetten der Berliner mittelfristig aufgehen. Die jüngst vorgelegte 9-Monatsbilanz der 13 „Proven Winner“ hat die Börse  weiterhin nicht überzeugt. Die Wachstumsdynamik gibt leicht nach, Profitabilität ist weiter auf Jahre nicht in Sicht, auch die deutschen Hoffnungsträger Westwing und Home24 wachsen nicht mehr so furios.

Bei kulminierten Erlösen von 2,17 Milliarden Euro verloren die 13 „bewährten Gewinner“ vor Steuern, Abschreibungen und Zinsen (Ebitda) saftige  772 Millionen Euro. Wie Rocket nun betonte, sollen die Verluste in den kommenden Jahren sukzessiv auf dem „Pfad zur Profitabilität“ begrenzt werden – bis Ende 2017 sollen drei Beteiligungen bereits schwarze Zahlen schreiben.

Vor allem aber das in letzter Minute abgesagte HelloFresh-IPO wog schwer. Die Berliner sind der Star im Portfolio und können im Moment explosionsartigen Umsatzzuwachs verbuchen. „HelloFresh wird weitaus größer als viele erwarten“, gab Rocket Internet Anlegern in der Kurspräsentation mit auf den Weg. Die Argumente für einen Börsengang sind also vorhanden – umso ärgerlicher für die Samwers, dass das IPO auf den letzten Metern von Großaktionär Kinnevik anwaltlich gestoppt wurde.

4. Scout24: + 3 Prozent

Es war neben dem abgesagten IPO von HelloFresh der meist erwartete Börsengang der deutschen Internet-Landschaft – und gleichzeitig der langweiligste. Nach XingZalandoRocket Internet und Neuer Markt-Dauerbrenner United Internet sollte Deutschland sein nächstes Einhorn aus dem Internet-Sektor bekommen: die Scout24-Gruppe.

Im Oktober ging die langjährige Telekom-Tochter, die 2013 an die Finanzinvestoren Hellman & Friedman und Blackstone  veräußert wurde, schließlich im zweiten Versuch an die Börse. Und das gleich zu dreifacher Milliarden-Bewertung: Mit 3,2 Milliarden Euro wurde die Scout-Gruppe zum Ausgabepreis bewertet, der bei exakt 30 Euro gelegen hatte.

Das Münchner Internet-Unternehmen hatte den erschwerten Rahmenbedingungen an der Börse im Herbst Rechnung getragen und die Anteilscheine lediglich in der Mitte der Bookbuildingsspanne zugeteilt, die zwischen 26,50 und 33 Euro gelegen hatte.

Anleger blieben indes abwartend und bewegten die Aktie in den ersten drei Monaten an der Börse kaum – die Handelsspanne fällt zwischen 29 und 32 Dollar erkennbar eng aus. Bei gestern 31 Euro blieb 2o15 gerade mal ein Plus von 3 Prozent über.

Die Zurückhaltung erscheint angesichts der bisherigen  Geschäftsentwicklung nicht überraschend: Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Scout24 einen Umsatz von 342 Millionen Euro und verdiente operativ (Ebitda aus gewöhnlicher Geschäftstätigkeit) 149 Millionen Euro. Die aktuelle Bewertung von 3,3 Milliarden Euro erscheint da durchaus sportlich.

3. United Internet: + 34 Prozent

Online-Pionier United Internet bleibt auch 2015 ein Phänomen: Der Neue Markt-Veteran konnte mit einem Kursplus von abermals 34 Prozent nicht nur erneut den Leitindex TecDax schlagen, sondern auch erfolgreich seine Stellung als Deutschlands wertvollster Internet-Konzern verteidigen.

Die Rheinländer, die in erster Linie durch das Internet-Zugangsgeschäft des Providers 1&1 groß geworden sind, durchbrachen in den vergangenen Monaten mit immer neuen Allzeithochs eine bemerkenswerte Bestmarke: Bereits 10 Milliarden Euro ist United Internet nun schon an der Frankfurter Börse wert! Das TecDax-Schwergewicht könnte damit sogar 2016 zum ernsthaften Kandidaten für die erste deutsche Börsenliga werden.

Sowohl Umsatz als auch Gewinn legten in den ersten neun Monaten des Jahres weiter zweistellig zu – die Erlöse zogen bis Ende September um 27 Prozent auf 2,75 Milliarden Euro an, während der Vorsteuergewinn sogar um erstaunliche 46 Prozent auf 555 Millionen Euro zulegte.

Der frühere Neue Markt-Liebling hat neben ProSiebenSat.1 eine der bemerkenswerten Börsen-Turnaroundstories des laufenden Jahrhunderts an den deutschen Aktienmärkten hingelegt. Nach dem Platzen der Dot.com-Blase wechselte der von Ralph Dommermuth bereits 1988 gegründete Internet-Dienstleister kurz nach der Millenniumswende tatsächlich als Pennystock den Besitzer.

Für ganze 50 Cents waren Aktien von United Internet 2001 noch zu haben. In anderen Worten: Wer seinerzeit im Wert von nur 10.000 Euro Aktien des Internet-Dienstleisters aus Montabaur einsammelte, wäre heute Millionär.

2. Zalando: + 40 Prozent

Es ist eine bemerkenswerte Gegenreaktion zum Crash-Kurs des Mutterschiffs: Zalando verzauberte auch im zweiten Jahr an der Börse seine Aktionäre. Nicht, wie im Vorfeld erwartet worden war, der Internet-Inkubator Rocket Internet, sondern der Zögling Zalando, der 2008 erst mit dem Kapital und Knowhow der Samwers gegründet wurde, hat sich zum eigentlichen Star des Beteiligungsimperiums gemausert.

Während die Anteilsscheine von Rocket Internet ihren Besitzern 2015 happige Verluste von nunmehr als 46 Prozent eingebrockt haben, sind die Zalando-Aktien in den vergangenen zwölf Monaten um fast jenen Prozentsatz in die Höhe geschossen.

Zum Jahresende wurden sogar noch einmal die bisherigen Allzeithochs vom Juli getoppt und bei 36,50 Euro eine neue Bestmarke aufgestellt. Der Grund: Die Banken stufen immer weiter hoch. Zahlreiche Analysten sehen in den kommenden Monaten beim Berliner Modeversender, der im Juni in den Nebenwerte-Index MDax aufgenommen wurde, immer noch erhebliches Kurspotenzial.

Davon profitiert vor allem Großinvestorin Cristina Stenbeck: Die schwedische Aufsichtsratschefin, die auch vor Konfrontationen mit den Samwers nicht zurückschreckt, hält über ihre Holding Kinnevik rund ein Drittel an Zalando.

1. Xing: + 86 Prozent

Der Spitzenreiter unter den deutschen Internetaktien erscheint seit Monaten uneinholbar: Bemerkenswerterweise gelang dem Vorjahrsgewinner 2015 die Titelverteidigung – auch in den vergangenen zwölf Monaten führte kein Weg an der Xing-Aktie vorbei.

Die Anteilsscheine des Hamburger Business-Netzwerks schossen 2015 mit dem ersten Handelstag wie ein Rennpferd aus der Box: Die Xing-Aktie, die zuvor viele Jahre in einer engen Handelsspanne pendelte, wirkte seit Jahresbeginn wie ausgewechselt – nach Bank-Empfehlungen schoss der Kurs höher und höher und höher.

Selbstredend, dass die Anteilsscheine des Karriere-Netzwerks  2015 immer neue Allzeithochs knackten. Im August wurde schließlich als Krönung des Börsentraumlaufs noch ein weiterer Meilenstein genommen: Zum Schlusskurs des Xetra-Handels am 12. August durchbrach das neun Jahre alte Web 2.0-Unternehmen bei 180 Euro erstmals die Marktkapitalisierung von einer Milliarde Euro.

Deutschlands Internet-Landschaft hatte damit ein neues Einhorn! Zum Jahresende mussten die erfolgsverwöhnten Hamburger den Titel allerdings erst einmal wieder  abgeben: Bei aktuell 172 Euro wird Xing mit exakt 969 Millionen Euro bewertet – Aktionäre werden es nach satten Kurszuwächsen von 86 Prozent in den letzten zwölf Monaten verschmerzen können.

Größter Profiteur der enormen Xing-Hausse ist Hubert Burda Media. Das Verlagshaus hatte vor drei Jahren über seine Digitaltochter die Mehrheit an Xing für kolportierte 44 Euro pro Aktie übernommen. Auch nach kleinen Veräußerungen hält Burda Digital weiter mehr als 50 Prozent an Xing.

Erster Verkäufer (bereits 2009 und damals schon an Burda): Xing-Gründer Lars Hinrichs. Die frühe Veräußerung war indes nicht die beste Investmententscheidung des Hamburger Seriengründers: Sein 25-Prozent-Anteil, für den Hinrichs damals 48 Millionen Euro erlöste, wäre heute eine Viertelmilliarde Euro wert.

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