Verdeckte PR von Microsoft gegen Google? Wie sich der stern und WMP Eurocom beharken

WMP Eurocom-Vorstand Klaus-Peter Schmidt-Deguelle, stern-Autor Hans-Martin Tillack: verdeckte PR-Kampagne oder „Privatfehde“ eines Reporters?
WMP Eurocom-Vorstand Klaus-Peter Schmidt-Deguelle, stern-Autor Hans-Martin Tillack: verdeckte PR-Kampagne oder "Privatfehde" eines Reporters?

"Ließ Microsoft den Rivalen Google schlechtmachen?" fragt stern.de unter dem Stichwort Lobbyismus und zieht sich damit den Zorn der PR-Agentur WMP Eurocom zu. Die einflussreichen Meinungsmacher um Ex-Bild-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje sehen sich zu Unrecht verunglimpft, ja sogar vom stern-Autoren Hans-Martin Tillack regelrecht verfolgt. Der hält dagegen und wittert eine verdeckte Kampagne.

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In seinem am Mittwoch bei stern.de veröffentlichten Artikel schreibt Tillack: „Der US-Digitalkonzern Microsoft muss sich des Verdachts erwehren, in Deutschland verdeckte Negativ-PR gegen seinen großen Rivalen Google verbreiten zu lassen.“ Und weiter: „Wie der stern in Erfahrung gebracht hat, lässt Microsoft die Berliner Beratungsagentur WMP Eurocom für sich arbeiten.“ Dies, so Tillack, gehe aus einer dem stern vorliegenden „internen Kundenliste“ der Agentur hervor.

Dass WMP für Microsoft arbeitet, war bislang nicht bekannt. Entsprechend sensibel reagierten die Chefs der Agentur. Über ihren Anwalt, den renommierten Juristen Gerhard Strate, ließen sie Tillack schon vor der Veröffentlichung wissen, dass die Veröffentlichung von vertraulichen Unternehmens-Dokumenten strafbar sei und sie rechtliche Schritte im Falle einer Berichterstattung unter Verwendung solcher Informationen einleiten würden. Tillack, der schon früher kritisch über die WMP berichtet hatte, ließ sich davon nicht beirren. Neben stern.de wird auch das am Donnerstag erscheinende Print-Magazin über den Verdachtsfall berichten.

So habe der Medienexperte Prof. Jo Groebel, dessen Deutsches Digital Institut (DDI) enge Verbindungen zu WMP habe und sogar unter derselben Postadresse firmiere, eine staatliche Reglementierung von Google gefordert und wiederholt die Allmacht des Suchmaschinen-Konzerns beklagt. Laut stern betreibt Microsoft, das die Google hoffnungslos unterlegene Suchmaschine Bing betreibt, seit „Ende 2012 eine öffentliche Kampagne gegen den Konkurrenten Google“. Tillack schreibt zudem, dass beide Autoren des Buchs „Die Akte Google – Wie der Konzern Daten missbraucht, die Welt manipuliert und Jobs vernichtet“ zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Mitarbeiter des „WMP-Firmenverbunds“ gewesen seien. Besonders brisant: „Einer der beiden Autoren betreute bis vor wenigen Monaten als Teammanager für WMP den Kunden Microsoft.“

WMP-Vorstand Klaus-Peter Schmidt-Deguelle sieht den Artikel als Teil einer Schmäh-Kampagne. Schließlich hatte das Unternehmen gegen den stern-Journalisten bereits früher wegen „übler Nachrede“ Strafanzeige erstattet, allerdings vergeblich. Bei dem damals strittigen Artikel war es um den Verdacht einer verdeckten CDU-freundlichen Partei-Werbung in Thüringen gegangen. Gegenüber MEEDIA sagte Schmidt-Deguelle: „Herr Tillack setzt offenbar seine Privatfehde mit WMP weiter fort. Verwunderlich ist nur, dass der stern diese abstruse Geschichte eines freien Mitarbeiters seinen Lesern zumutet.“ Laut eigener Aussage ist der stern-Journalist kein Freelancer, sondern fest angestellt, „und das seit 20 Jahren“.

Zur Sache: „Der von Tillack unterstellte Skandal ist schon allein durch die Fakten widerlegt“, so Schmidt-Deguelle,  denn: „Prof. Groebel ist seit langem als Direktor des DDI mit der WMP verbunden und hat zuletzt auf den Münchner Medientagen, aber auch auf vielen Veranstaltungen vorher, sich ganz offen und öffentlich mit der Datenmacht von Google beschäftigt. Von verdeckter PR kann also hier keine Rede sein. Das Gleiche gilt für die beiden Autoren des Buches ‚Die Akte Google‘. Auf der Webseite der WMP-Tochter TV Media war zumindest Herr Torsten Fricke auffindbar.“

Schmidt-Deguelle bestreitet zudem eine aktive Rolle von Fricke im Zusammenhang mit Aktivitäten des Kunden Microsoft: „Es stimmt nicht, dass der Autor Torsten Fricke als Teammanager für das Microsoft-Projekt zuständig war.“ Tillack dagegen versichert: „Dass Fricke Teammanager für Microsoft war, geht aus einer internen Kundenliste hervor, die dem stern vorliegt.“ WMP-Manager Schmidt-Deguelle hingegen verweist darauf, dass die Debatte über Google und seine Datenmacht ein „großes öffentliches Thema“ seien. Es fehle „eigentlich nur noch, dass Herr Tillack auch Herrn Döpfner oder Herrn Schirrmacher heimliche Anti-Google-PR nachsagt.“

Und über die vom stern behauptete Rolle des Anti-Google-Buchautoren Fricke beim Microsoft-Mandat erklärt er: „Er war lediglich zweimal bei Besprechungen dabei und hat das Panel für die Münchner Medientage vorbereitet.“ Offen ist hier, warum der Kunde Microsoft in Besprechungen über ein journalistisches Panel bei dem Medienkongress eingebunden gewesen sein sollte.

Der Vorstand legt aber noch nach: „Fakten scheinen für den stern-Autor eine vernachlässigbare Größe zu sein, wie wir bei mehreren ‚Recherche-Wellen’ von Herrn Tillack gesehen haben. Weitere Unterstellungen in Anfragen an andere Kunden von WMP lassen eine Fortsetzung erwarten.“ Tillack selbst sieht die Aufregung als Zeichen, in ein Wespennest gestochen zu haben: „Erst durch unsere Recherchen wurde bekannt, dass Microsoft Kunde von WMP ist, und die Tatsache, dass WMP mit strafrechtlichen Schritten droht, wenn man aus ihrer internen Kundenliste zitiert, zeigt, dass sie das Kundenverhältnis zu Microsoft geheim halten wollten.“

Die Fronten zwischen Agentur und Berichterstatter scheinen verhärteter denn je. Demnächst trifft man sich womöglich vor Gericht. Klein beigeben will Tillack aber keinesfalls. Er sagt: „Bei WMP glaubt man offenbar, dass man von weiteren Recherchen verschont wird, wenn man einen Journalisten öffentlich attackiert. Das ist ein Irrtum.“

 

 

 

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