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Produktivitätskiller, Sucht- und Frust-Objekt: die schizophrene Beziehung der Deutschen zu ihrem Smartphone

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Alle Jahre wieder stellt sich vor dem Fest die alte Handy-Frage: Abschalten oder anlassen. Die Antwort auf das vermeintlich einfache Entweder-oder-Szenario offenbart jedoch die gesamte Schizophrenie, mit der die meisten Deutschen mittlerweile mit ihrem Smartphone zusammen leben. Immerhin gehört es längst zu den treuen Lebenspartnern.

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Das ganze Dilemma mit dem Mobile-Geräten offenbart sich bereits in zwei Zahlen. So kommen aktuelle Studien zu dem Ergebnis, dass die modernen Menschen bis zu drei Stunden pro Tag mit ihren Smartphone beschäftigt sind. Dabei sollen sie sogar alle 18 Minuten auf die Displays der kleinen webfähigen Telefonknochen blicken.

„Das Smartphone spiegelt uns vor, wir wären zu Multitasking fähig“

Ein konzentriertes Arbeiten oder auch Leben ist da kaum noch möglich – meint zumindest der Psychologieprofessor Christian Montag. Er hält Smartphones deshalb für absolute Produktivitätskiller. Denn durch die ständigen Unterbrechungen käme man in keinen „Flow“. Darunter versteht der Wissenschaftler den Zustand, „wenn wir von einer Aufgabe völlig absorbiert sind, Zeit und Raum vergessen und produktiv sind“. Im Interview mit dem SZ-Magazin Plan W erklärte Montag weiter: „Das Smartphone spiegelt uns vor, wir wären zu Multitasking fähig, aber unser Gehirn ist nicht auf parallele Verarbeitung programmiert.“

„Um gut arbeiten zu können, müssen wir uns fokussieren und eins nach dem anderen machen. Dazu kommen wir aber gar nicht mehr.“ Diese Aussagen lassen sich natürlich auch eins zu eins auf alle weiteren Lebenssituationen übertragen. Bei den meisten Menschen dauert es selbst nach dem Aufstehen nicht mehr lang, bis der erste Griff zum Mobiltelefon erfolgt. Das selbe gilt – nur anders herum – vor dem Schlafengehen.

Interessant ist die Antwort des Psychologieprofessors auf die Frage, warum wir eigentlich ständig auf die Mini-Displays starren? „Weil wir konstant erwarten, dass uns etwas Nettes widerfährt. Aber das passiert nur unregelmäßig.“ Damit dürfte die Smartphone-Nutzung eindeutig Symptome aus der Suchtforschung aufweisen.

Viele Deutsche leben im digitalen Dauerstress

Eine Diagnose, die Alexander Markowetz vollumfänglich bestätigen kann. Der Informatikprofessor der Uni Bonn entwickelte zusammen mit Psychologen und Informatikern eine App, die das Nutzerverhalten auf Mobile-Geräten analysiert. Die Kurzzusammenfassung der Ergebnisse nach rund 1,5 Jahren lautet: Viele Deutsche leben im digitalen Dauerstress. „Das wirklich Überraschende an den Ergebnissen war nicht so sehr die Zeit der Nutzung, sondern die riesige Anzahl der Unterbrechungen“, sagt Markowetz gegenüber Tagesschau.de. „Das Problem ist die daraus resultierende Fragmentierung des Alltags und das permanente Multitasking.“

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Die Research-Profis von Fittkau und Maaß analysierten gerade ebenfalls das Mobile-Verhalten der Deutschen. Sie kamen zu dem Schluss, dass die große Mehrheit der Befragten die Vorzüge der Smartphone-Nutzung, wie zum Beispiel die Erleichterung des Alltags (rund vier Fünftel) sowie die Zeitersparnis (über die Hälfte) schätzen würden.

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Zeitgleich stimmen aber auch rund drei Viertel der Studienteilnehmer der Aussage zu: „Der Alltag wäre angenehmer, würden mehr Leute ihr Smartphone ab und zu ausschalten.“

Wie lässt sich nun dieses Dilemma lösen? Montag empfiehlt klare Regeln, die jeder für seine eigenen Smartphone-Nutzung aufstellen soll. So soll man beispielsweise feste Zeiten bestimmen, zu denen man E-Mails oder Nachrichten checkt und beantwortet. Solche und ähnliche gute Vorsätze nehmen sich sicherlich auch in diesem Jahr wieder viele für die Weihnachtstage vor.

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Ob es etwas nutzt, darf bezweifelt werden. Im vergangenen Sommer beobachteten die meisten Nachrichten-Portale erstmals den Effekt, dass es so gut wie keinen Traffic-Einbruch wegen der Urlaubszeit gab. Grund dafür waren die gestiegenen Mobile-Zugriffe. Statt im Büro surfen die Menschen dann mit ihrem Smartphone zu Spiegel Online und Bild.de. Für die Macher der Online-Portale eigentlich eine sehr gute Nachricht. Psychologieprofessoren wie Montag sehen das dagegen vermutlich gänzlich anders.

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Alle Kommentare

  1. Ganz ehrlich, dieses Probleme kenne auch ich aus meinem Bekanntenkreis. Auf Dauer kann das wirklich ganz schön nerven…

    Auch wenn ich in meinem Beruf ja eigentlich auch immer ständig erreichbar sein muss. 😀

  2. Grundsätzlich habe ich nix gegen Leute die ihr Smartphone benutzen, auch wenns im Bus ist, im Restaurant oder so klar, da muss das nicht sein, bei fremden ist mir das Generell Egal, wenn man mit bekannten dort ist und einer die ganze Zeit am Smartphone hängt ist das natürlich doof.

    Aber ich finde an sich das es gut ist das es Smartphones gibt und man damit so viel machen kann, ausschalten würde ich mein Smartphone nie, es kann immer etwas sein und dann ist man nicht mehr erreichbar, es gibt mittlerweile soviele Apps das man auch mal eine Nummer Blockieren kann wenn man für diese Person nicht erreichbar sein will, also ich finde es ist gar kein Problem ein Smartphone 24/7 an zu haben.

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