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„Online stimmt dir immer irgendjemand zu“: BBC Global News-CEO Jim Egan über Social Media und „Lügenpresse“

BBC Global News-CEO Jim Egan
BBC Global News-CEO Jim Egan

Über 400 Millionen Menschen weltweit erreicht der Fernsehsender BBC Global News. Sein CEO, Jim Egan, ist sicher: Gerade in Zeiten internationaler Krisen ist die Rolle von Nachrichtenmedien so klar wie nie. MEEDIA hat mit ihm über den Einfluss der sozialen Netzwerke auf die Glaubwürdigkeit der Medien gesprochen, die Gefahr von Filterblasen sowie über die Entwicklung von Bewegungen wie Pegida.

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Herr Egan, BBC Global News erreicht aktuell mehr als 400 Millionen Menschen weltweit. Welche Rolle spielen Nachrichtenhäuser in Zeiten internationaler Krisen, wie zum Beispiel in diesem Jahr?
Jim Egan: In Zeiten internationaler Krisen ist es sogar einfacher, die Frage zu beantworten, welche Rolle wir spielen. Denn immer wenn wichtige Ereignisse geschehen, seien es schöne Momente oder Katastrophen, wächst unser Publikum sehr schnell. Die Menschen kommen über soziale Netzwerke auf ihren mobilen Endgeräten zu uns sowie immer noch übers Radio und das Fernsehen. Tatsächlich wird das News-Programm immer stärker globalisiert, zum Großteil natürlich weil die Geschwindigkeit von Nachrichten durch Social Media immer höher wird und Nachrichten immer leichter zugänglich werden. Deshalb war das Interesse an Tragödien auch nie größer. Am Wochenende der Paris-Attacken war aus diesem Grund völlig klar, was unsere Aufgabe war: zügig informieren und einordnen.

Die Rezeption von Nachrichten ändert sich: Vor allem während Terrorattacken wie in Paris nehmen die sozialen Netzwerke einen immer größeren Stellenwert ein. Informationen werden dort verbreitet, teilweise noch bevor sie bestätigt sind. Ist Social Media Fluch oder Segen?
Jim Egan: Ich habe vor Kurzem noch darüber nachgedacht, wie wohl die Berichterstattung über 9/11 hätte aussehen können, wenn es damals schon soziale Netzwerke wie Twitter gegeben hätte. Damals waren die Menschen noch überhaupt nicht übers Internet miteinander verbunden und News wurden komplett anders verbreitet als jetzt während der Paris-Anschläge. Am 13. November 2013 wussten, anders als bei 9/11, innerhalb von nur einer Stunde nahezu alle Menschen in Europa und viele auch weltweit, was passiert. Das heißt, Social Media hat die News-Rezeption in der Tat komplett umgewandelt. Meiner Meinung nach ist das jedoch weder vollständig gut noch vollständig schlecht. Die sozialen Netzwerke sind da und sie sind ein wichtiges Medium unserer Zeit geworden, das wir selbstverständlich bespielen müssen. Ein großer Nachteil ist allerdings, dass dort nicht nur Nachrichten, sondern ebenfalls jede Menge Gerüchte oder auch Hetze verbreitet werden. Die BBC als ein traditionelles Medium agiert in den sozialen Netzwerken genau wie auf all unseren anderen Kanälen auch: sorgfältig, unparteiisch und bemüht, den Menschen nicht nur die Fakten verständlich zu machen, sondern ihnen auch die Story hinter der Story zu zeigen.

In Deutschland ändert sich die Wahrnehmung der Presse. Immer weniger Menschen vertrauen traditionellen Medien, vor allem in der Politik-Berichterstattung. Dafür erleben alternative, nicht selten rechtspopulistische, Newsseiten einen Aufschwung. Ist diese Situation vergleichbar mit der in Großbritannien?
Jim Egan: Ja, das kennen wir hier auch. Allerdings wissen wir von Studien, zum Beispiel von einer, die das Reuters Institute Anfang dieses Jahres durchgeführt hat, dass das Vertrauen vor allem in Großbritannien, Deutschland und Skandinavien nach wie vor viel größer ist als in anderen Ländern, was natürlich an unserem öffentlich-rechtlichen Modell und dem Aufsichtssystem vieler nordeuropäischer Länder liegt. In Amerika zum Beispiel ist das Vertrauen in Nachrichtenquellen sehr viel schwächer als bei uns hier in Großbritannien oder in Deutschland.

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Der Slogan „Lügenpresse“ hat sich bei uns zum Schlachtruf der sogenannten Pegida-Bewegung entwickelt und ist deren ultimativer Vorwurf gegenüber Medien. Wie beurteilen Sie diese Situation hier in Deutschland?
Jim Egan: Ja, was ist da los? Aber Bewegungen wie Pegida gibt es zurzeit natürlich auch in anderen Ländern der Welt und das ist sicherlich zum Teil eine Begleiterscheinung der digitalen Medien. Im Netz gibt es sehr viele unterschiedliche Ebenen der Information und gleichermaßen viele unterschiedliche Meinungen. Online findest du immer jemanden, der dir zustimmt. Es ist ein wunderbarer Ort für Verschwörungstheorien. Oftmals bleiben diese einsam, aber manchmal stimmen einer Meinung mehrere 1.000 Menschen zu. Diese Filterblase ist eine gefährliche Seite der sozialen Netzwerke, da die Menschen in ihr aufhören, beide Seiten einer Geschichte zu betrachten und ihre eigenen Ansichten um jeden Preis durchsetzen wollen. Das kommt in der Tat immer häufiger vor und ist möglicherweise der Ursprung für das „Lügenpresse“-Phänomen.

Was tut die BBC, um in Zeiten wie diesen so vertrauenswürdig wie möglich zu bleiben?
Jim Egan: Unsere Vorstellungen von Vertrauen und Objektivität gibt es schon sehr lange, tatsächlich verfolgen wir diese Ziele in unserer Berichterstattung mittlerweile seit über 90 Jahren. Und wir halten nach wie vor an diesen redaktionellen Werten fest – vor allem in Krisenzeiten, wenn es darum geht, komplexe Situationen wie die in Russland, der Ukraine oder Syrien zu erklären. Die technologischen Neuerungen geben uns dafür jedoch neues Werkzeug an die Hand: Wir können zum Beispiel Online-Erklärstücke oder -Hintergrundgeschichten veröffentlichen, um unseren Lesern beim Verstehen der Probleme zu helfen. Das heißt also: Wir rühren unsere alten Werte nicht an, investieren aber trotzdem Zeit und Kraft in neue Formen der Distribution und in neue Wege, Menschen zu erreichen, die Nachrichten nicht mehr auf traditionellem Wege konsumieren wollen. Meine Antwort ist also: Ändert nicht die redaktionellen Werte, sondern präsentiert sie auf einem modernen Weg.

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