Weser-Kurier-Chefs über Outsourcing: „Wir schauen auf die Kosten, aber nicht auf Kosten der Qualität“

Moritz Döbler, Chefredakteur des Weser Kurier
Moritz Döbler, Chefredakteur des Weser Kurier

2014 kündigte der Vorstand der Bremer Tageszeitungen AG (BTAG) an, er wolle fünf ausgegliederte Außenredaktionen des Weser-Kuriers ins Stammunternehmen zurückzuholen. Doch daraus wurde nichts. Jetzt wurde bekannt, dass der Verlag seine alte Outsourcing-Politik sogar verschärfen wolle: Laut DJV sollen weitere Redaktionen ausgelagert werden. Chefredaktion und Management verteidigen die Maßnahmen als Teil einer Neuaufstellung der Redaktion.

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Von Eckhard Stengel

Redaktionsmitglieder und Gewerkschafter dürften im Herbst 2014 vor Freude in die Luft gesprungen sein, als sie in der FAZ das Neueste über den Weser-Kurier (WK) lasen: Der WK-Verlag BTAG wolle 2015 die Ausgliederung von Außenredaktionen rückgängig machen, damit „wir das wieder aus einer Hand steuern können“, wie BTAG-Vorstandsmitglied Jan Leßmann sich damals ausdrückte. Dadurch solle auch „eine Corporate Identity wiederhergestellt werden“.

Die war zwischen 2006 und 2013 offenbar verloren gegangen, denn in jenen Jahren hatte der Verlag nach und nach fünf von insgesamt acht Regionalredaktionen im niedersächsischen Umland Bremens in den neu gegründeten Pressedienst Nord (PDN) ausgelagert. Dort wurden und werden die Beschäftigten seitdem erheblich schlechter vergütet als im Mutterhaus. Das sollte sich laut BTAG-Vorstand also eigentlich wieder ändern – wobei die Rückkehrer etwas geringere Vergütungen als die angestammte WK-Belegschaft erhalten hätten. 

Doch nach der angekündigten Kehrtwende herrschte zunächst monatelang Schweigen im Bremer Blätterwald. Erst jetzt wurde durch eine Mitteilung des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) bekannt, woran das wohl lag: Die Rückholaktion sei am BTAG-Aufsichtsrat gescheitert. Das klingt plausibel, denn in dem Gremium sitzt auch der einflussreiche Ulrich Hackmack, also jener 2013 abberufene Vorstandschef, der das Outsourcing einst vorangetrieben hatte.

Doch damit nicht genug: Statt die fünf Ausgliederungen rückgängig zu machen, plant der Verlag jetzt laut DJV-Landesverband Bremen sogar das Gegenteil: Er wolle im Frühjahr 2016 zwei weitere Redaktionen zum Dienstleister PDN verschieben, nämlich in Osterholz-Scharmbeck (Osterholzer Kreisblatt) und in Lilienthal (Wümme-Zeitung). Dann würde von den acht WK-Regionalbeilagen nur noch die Ausgabe für Bremen-Nord von hauseigenem Personal produziert.

Die DJV-Landesvorsitzende Regine Suling verurteilte am Montag die „fortschreitende Tarifflucht“. Das Vorhaben lasse „die Wertschätzung journalistischer Arbeit vermissen“, schrieb sie in einer Presseerklärung. Betroffen seien bis zu 15 Kolleginnen und Kollegen, die dem Vernehmen nach Angebote vom PDN erhalten sollten oder sich für noch nicht feststehende Arbeitsplätze in der Bremer Zentralredaktion bewerben könnten.

Weder der BTAG-Vorstand noch Chefredakteur Moritz Döbler sahen sich bis Montagabend in der Lage, zum DJV-Protest Stellung zu nehmen. Sie wollen sich erst am Dienstagnachmittag gegenüber MEEDIA äußern.

 

Update, 15.12.15: Bei den Umstrukturierungen gehe es nicht ums Sparen, sondern um eine Neuaufstellung der gesamten Redaktion, sagten Chefredakteur Döbler und BTAG-Vorstandsmitglied Eric Dauphin in einem Gespräch mit MEEDIA. Der WK wolle zum Reporter-Editor-Modell übergehen. Jedes Redaktionsmitglied müsse sich entscheiden, ob es lieber schreiben oder lieber die Seiten gestalten wolle. Ein zentraler Regionaldesk solle künftig alle acht Regionalausgaben für das niedersächsische Umland und für Bremen-Nord produzieren. Die acht Außenredaktionen müssten sich dann nicht mehr um Blattgestaltung und Verwaltungsarbeiten kümmern, sondern wären nur noch kleine Reporterbüros.

Abgesehen von Bremen-Nord würden die Redakteure aller Außenbüros unter dem Dach einer BTAG-Schwester arbeiten. Bisher heiße diese Firma PDN, aber, so Döbler: „Wir überlegen, sie umzubenennen, um deutlich zu machen, dass sie Teil der Weser-Kurier-Mediengruppe ist.“

Dass jetzt auch die Büros in Osterholz-Scharmbeck und Lilienthal ausgegliedert würden, werde „für keinen Beschäftigten ein niedrigeres Gehalt“ zur Folge haben, versicherte Döbler. „Es werden auch keine Arbeitsplätze abgebaut.“ Künftig würden in allen Außenbüros durchschnittlich vier Reporter sitzen – ungefähr so viele, wie es schon bisher neben den Blattmachern gegeben habe.

Der zentrale Desk solle alle Regionalausgaben so gestalten, dass sie wie „aus einem Guss“ wirken. Bisher, so Döbler, unterschieden sie sich noch untereinander und vom Hauptblatt.

Dauphin versicherte, es gehe überhaupt nicht um mangelnde Wertschätzung der journalistischen Arbeit oder um Tarifflucht. „Einen Tarif haben wir sowieso nicht mehr.“ Denn die BTAG habe schon vor Jahren die Tarifbindung verlassen. Altgediente Redakteure würden zwar weiter „mit Bezug zum Tarif“ vergütet, aber für Jüngere habe der Verlag mit dem Betriebsrat eine Vergütungsordnung mit niedrigeren Zahlungen ausgehandelt, auch „BTAG-neu“ genannt. Die Bedingungen beim PDN seien ungefähr gleich oder nur geringfügig schlechter als bei „BTAG-neu“ – je nach Betriebszugehörigkeit, Leistung und individueller Vereinbarung.

„Wir schauen natürlich auf die Kosten, aber nicht auf Kosten der Qualität“, so Dauphin. „Denn unser Kernprodukt ist Qualitätsjournalismus.“

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