JVBB-Chef Buschheuer: „Im Berliner Zeitungsmarkt wird offensichtlich, dass die Decke immer kürzer wird“

Hans-Peter Buschheuer ist jetzt Gewerkschaftschef in Berlin
Hans-Peter Buschheuer ist jetzt Gewerkschaftschef in Berlin

Der frühere Chefredakteur des Kölner Express und des Berliner Kurier, Hans-Peter Buschheuer, wurde zum neuen Vorsitzenden des Journalistenverbandes Berlin-Brandenburg (JVBB) gewählt. MEEDIA sprach mit ihm über die Herausforderungen auf dem Zeitungsmarkt Berlin und die Rolle der Journalistenverbände in Zeiten der Zeitungskrise.

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Sie waren zuletzt zwölf Jahre lang Chefredakteur des Berliner Kurier, kennen damit das Geschehen hinter den Kulissen des Verlages und den Berliner Zeitungsmarkt sehr genau – müssen die Berliner Verlage nun zittern?

Hans-Peter Buschheuer: Ich stehe für das Modell der Sozialpartnerschaft. Zittern muss also niemand. Was man – gegenseitig – haben muss, ist der notwendige Respekt. Sie haben völlig Recht damit, dass ich vom Geschäft Ahnung habe, weshalb man mir kein X für ein U vormachen kann. Ich bin mir aber auch der Probleme der Branche absolut bewusst. Gerade im Berliner Zeitungsmarkt wird offensichtlich, dass die Decke immer kürzer wird. 

Wie genau sieht die Realität aus?

Die Zeitungskrise ist uns seit mittlerweile 15 Jahren bekannt und deshalb nichts Neues mehr. Niemand mehr glaubt an die Umkehrbarkeit des Trends – also des fallenden Marktes. Damit sind monetäre Verluste verbunden, die nicht nur Berliner Verlage in Existenzkrisen stürzen. Wann der Exit bei dem einen oder anderen Zeitungstitel der Fall sein wird, ist vom jeweiligen Unternehmen und dessen sonstigen Erlösen abhängig.

Das bedeutet, es ist in Ordnung, wenn Journalisten nicht immer nur mehr Geld bekommen?

Selbstverständlich sollen Journalisten gut bezahlt werden, wo gut verdient wird. Es müssen berufliche Erfahrungen und besondere Kompetenzen entsprechend entlohnt werden und es müssen Aufstiegschancen möglich sein.

Sie sind am 2. Dezember zum Vorstand des JVBB gewählt worden, am 10. Dezember haben Sie sich mit ihrem Ex-Arbeitgeber, dem Berliner Verlag, vor dem Arbeitsgericht getroffen – und sich außergerichtlich geeinigt. Aus freien Stücken oder weil es aufgrund Ihrer neuen Funktion notwendig war? 

Ich hatte auf beide Termine keinen Einfluss und konnte auch nicht voraussetzen, dass der Termin am 10. Dezember mit einem Vergleich enden wird. Das eine hat mit dem anderen also nichts zu tun. Über berufliche Dinge, die mit meinem alten Job in Verbindung standen, werde ich nicht sprechen. Mein Verhältnis zum Verlag oder den handelnden Figuren ist – sofern diese nicht auch schon gewechselt sind – nach wie vor gut.

Nun ist Berlin einer der härtesten Zeitungsmärkte der Republik. Sie selbst haben Sparrunden umsetzen müssen und die Krise am eigenen Leibe erlebt, beim Tagesspiegel in Berlin will man noch bis Ende des Jahres auf freie Mitarbeiter verzichten. Wie blicken Sie auf solche gravierenden Probleme?

Wenn die sozial am wenigsten geschützten Teile der Mitarbeiter, nämlich die freien Journalisten, von Knall auf Fall ihrer Existenzgrundlage beraubt werden, ist das ein Missstand für sich. Das kann man trotz allen Verständnisses für die schwierige Lage gar nicht genug rügen. Wenn es überhaupt etwas Positives dazu zu sagen gibt, dann ist das das Versprechen, dass die Journalisten im nächsten Jahr wieder beschäftigt werden sollen. Und es ist zu hoffen, dass dies nicht der Auftakt einer Kürzungsarie ist. Schwindende Redaktionsetats sind für ein solches Vorgehen ursächlich. Was nicht nachvollziehbar ist: In den vergangenen Jahren wurde vorwiegend in den Redaktionen gekürzt, was die Mannstärke wie auch die sonstige wirtschaftliche Ausstattung betrifft. Man muss sich aber die Frage stellen: Wie viel Verlag braucht eine Redaktion in Krisenzeiten überhaupt noch? Hat man auch an Bereichen gespart, die für die Qualität einer Zeitung nicht unmittelbar notwendig sind?

Wie wollen Sie von Verbandsseite Einfluss nehmen? 

Wir unterstützen die betroffenen Kollegen mit juristischem Rat, fordern sie auf, sich zusammenzuschließen und gemeinsam gegen diese Maßnahmen vorzugehen. Und wir sprechen mit den Verlagen und den Chefredaktionen.

Was genau hat Sie nun eigentlich dazu veranlasst, nach so langer Zeit im Beruf noch den Vorsitz in einem Verband zu übernehmen? 

Mir liegt der Journalistenberuf am Herzen. In 45 Jahren, die ich diesen Job ausgeübt habe, wachsen der Beruf und die Kollegen einem so sehr ans Herz, und es schmerzt mit anzusehen, wie der Journalismus an Ansehen und vermeintlich auch an Bedeutung verliert. Das kann mich nicht kalt lassen.

Fast zeitgleich mit der Wahl des Vorstandes des JVBB wurde auch im Bundesverband gewählt. Wieso haben Sie nicht dort kandidiert?

Meine Kandidatur ist mir angetragen worden. Der Posten wurde frei, mein Vorgänger bewarb sich auf den Vorsitz im Bund. Es hat also alles gepasst. Der Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) hat aktiv gesucht, und vielleicht hat man sich einfach gedacht: Der Buschheuer hat jetzt Zeit für so etwas. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn jüngere Kollegen in die Verbandsarbeit einscheren. Ich habe aber genug Erfahrung und bin ganz frisch aus dem Geschäft heraus und deshalb noch nicht weit ab vom Schuss. Für mich ist die neue Branchen-Perspektive auch einfach noch mal spannend.

Als Journalist lernt man bekanntlich, kritisch zu sein. Also wagen wir einen Blick auf die Verbände: Gewerkschaften gelten als laute Protestler, die Verlagen das Leben schwer machen, fordern bei Tarifverhandlungen eigentlich nur mehr Geld. Gleichzeitig verlieren sie stetig Mitglieder. Irgendetwas läuft doch falsch. Sind die Verbände noch zeitgemäß aufgestellt?

Ob „falsch“ an dieser Stelle das richtige Wort ist, weiß ich nicht. Wenn die wirtschaftliche Substanz schwindet, ist die Bereitschaft, Geld für eine Verbandsmitgliedschaft zu zahlen, natürlich auch geringer. Das Problem hat nicht nur der DJV. In Berlin ist es aber auch die nach wie vor vorhandene Spaltung in zwei Verbände, in den JVBB für Berlin Brandenburg und den DJV Berlin. Fusionsversuche waren bisher ergebnislos. Unter mir werden die Bemühungen aber weitergehen und hoffentlich auch erfolgreich abgeschlossen. Sonst schwächen wir uns nur selbst. Wir sehen uns auch als Lobbyverband, der auch für Pressefreiheit eintritt. Hier ist der DJV auf politischer Ebene ein wichtiger Ansprechpartner. Um wieder attraktiver zu werden, müssen sich die Verbände sicherlich auch weiter öffnen. Der Journalistenberuf findet nicht mehr nur in klassischen Medien statt, sondern auch in Blogs und auf anderen Plattformen. Für diese Gruppen, wie auch für die steigende Anzahl an freien Journalisten, gilt es auch attraktiver zu werden.

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