Doppelte Attacke: Springers zwei Fronten-Strategie im Kampf gegen Ad-Blocker

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Digital Economy Zwei Marken, zwei Strategien, ein Ziel: Das Ende der Nutzung von Ad-Blocker-Tools auf den Web-Angeboten von Axel Springer. Seit einigen Monaten geht der Verlag massiv gegen die Werbe-Sperren vor. Dabei setzten die Berliner auf eine Doppeltaktik: Bild sperrt einfach alle Nutzer der Spezial-Programme aus, während die Welt versucht, ihnen juristisch beizukommen. An beiden Fronten scheinen mittlerweile die Erfolge zu überwiegen.

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Mittlerweile dürften die Springer-Anwälte vor lauter Reisetätigkeiten wohl längst nicht mehr wissen, wie ihre Büros aussehen. Seit einigen Monaten nutzt der Verlag nun schon die Möglichkeiten des fliegenden Gerichtstandes exzessiv aus und überzieht eine Vielzahl von Ad-Blocker-Anbietern in verschiedenen Städten mit Klagen, Berufungen oder einstweiligen Verfügungen.

Eine Auswahl:
– Am 6. November erließ das Landgericht Frankfurt eine für WeltN24 beantragte einstweilige Verfügung gegen AdShield, die es dem App-Betreiber untersagt, Werbung in der Web-Welt zu blockieren. Nicht ohne einen gewissen Stolz verweist Springer zudem auf den Umstand, dass die Applikation mittlerweile aus dem App-Store genommen wurde.

– Wiederum in Frankfurt erließ eine andere Kammer am 26. November eine einstweilige Verfügung gegen Adblock. „Bei Adblock handelt es sich um den weltweit zweitgrößten stationären Werbeblocker, dessen Geschäftsmodell neben dem Blockieren von Werbung auf Internetseiten auch das sogenannte Whitelisting umfasst, bei dem die zunächst blockierte Werbung gegen Zahlung eines Entgelts wieder freigeschaltet wird. Gegen den Beschluss kann Widerspruch eingelegt werden“, erklärt ein Springer-Sprecher gegenüber MEEDIA den Fall.

– Am 8. Dezember erließ das Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung gegen den Betreiber der kostenpflichtigen Werbeblocker-App „AdBlocker Browser“. Auch in diesem Fall wurde untersagt, Werbeinhalte auf welt.de zu blockieren. Unter anderem ging es um das Argument, dass das Unterdrücken von Anzeigen die Refinanzierung und damit langfristig die Existenz von Presseangeboten im Internet gefährden würde.

„Die Entscheidungen der Gerichte waren überfällig. Das Blockieren von Werbung auf Verlagswebseiten ist ebenso illegal wie das Aushebeln von Schutzmaßnahmen der Verlage gegen Adblocker. Beides kann man nicht tatenlos hinnehmen“, kommentierte Claas-Hendrik Soehring, Leiter Medienrecht bei Axel Springer.

Eine Schlappe kassierte der Verlag dagegen in Stuttgart. Dort scheiterte Springer mit seiner Argumentation, dass der Werbeblocker Blockr unmittelbar in das Angebot von welt.de eingreifen würde. Nach Einschätzung dieses Landgerichtes ist das Geschäftsmodell des Nachrichten-Portals rechtlich nicht geschützt. Es sei deshalb an der Welt, die Besucher der Internetseite davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, für die zur Verfügung gestellten Inhalte entweder Werbung in Kauf zu nehmen, den Werbeblocker auszuschalten oder für die Inhalte ohne Werbung zu zahlen. So fassen zumindest die Anwälte der Gegenseite die Entscheidung zusammen. Weiter sagen sie: „Dieser Erfolg ist insbesondere deshalb höher zu bewerten als die Erfolge der Springer-Tochter in ähnlich gelagerten Fällen vor verschiedenen Handelskammern in Frankfurt, weil in den Frankfurter Verfahren bislang lediglich die Antragstellerin vortragen konnte und es sich dementsprechend im Gegensatz zum Urteil des Landgerichts Stuttgart um Entscheidungen ausschließlich im einseitigen Verfahren ohne eine mündliche Verhandlung handelt. Die Entscheidungsgründe im Urteil des Landgerichts Stuttgart sind daher sehr viel tiefgreifender und umfassender als in den Frankfurter Verfahren“.

Alle diese juristischen Schritte gehen die Berliner im Namen der Welt. Die blaue Gruppe bleibt für alle Nutzer sichtbar, gleichzeitig klagt man.

Die rote Gruppe dagegen probiert die gegenteilige Strategie. Mit einem klaren Schnitt hat Bild Online am 13. Oktober Werbe-Muffel von der eigenen Seite verbannt. Wer die Inhalte des Boulevard-Portals sehen will, muss entweder seinen Ad-Blocker abschalten oder ein spezielles Abo für 2,99 Euro im Monat abschließen.

Ganz ohne Einsatz der Rechtsabteilung läuft aber auch dieser Schritt nicht ab. Nach der Aussperrung der Werbe-Muffel hatte Tobias Richter in seinem YouTube-Kanal Tobis Tricks eine Anleitung veröffentlicht, in der er erklärte, wie sich die Bild-Schranke umgehen lässt. Sofort flatterte ihm Post von den Rechtsvertretern des Verlages ins Haus. In einer ersten Reaktion wollte der Video-Blogger die Forderung auf Unterlassung nicht auf sich sitzen lassen und sammelte stattdessen Geld für eine negative Feststellungsklage. Immerhin 6.000 Euro kamen so zusammen.

Eine weitere Bild-Klage richtete sich aus demselben Grund gegen die Ad-Blocker-Plus-Mutter Eyeo. In den User-Foren der Kölner sollen ebenfalls Anleitungen wie die von Tobis Tricks weiterverbreitet worden seien. Ein Springer-Sprecher stellte gegenüber MEEDIA klar: „Wer zur Umgehung von BildSmart beiträgt – also die Umgehung unseres Schutzmechanismus befördert –, der handelt rechtswidrig.“ Am 3. Dezember entschied das Landgericht Hamburg noch einmal in der Sache im Sinne der Bild.

Tatsächlich gehören die beiden Bild-Fälle eher in die Kategorie Nebenkriegsschauplätze, die an der grundsätzlichen Strategie nichts ändern. Die Welt kämpft mit juristischen und das Boulevard-Portal eher mit pädagogischen Mitteln. Beide folgen allerdings dem Motto: Wer nicht hören will, muss fühlen. Bzw. darf nicht lesen.

Die jüngsten Erfolge von Springer lassen jedoch noch keine Rückschlüsse zu, ob sich am Ende die Doppelstrategie auch auszahlen wird. Die wohl wichtigste Schlacht wird noch immer von dem Grundsatzverfahren gegen Ad-Block Plus von Eyeo erwartet. Bis dieser Prozess ein Ende findet, kann es allerdings noch Jahre dauern. Dabei geht es um ein Betriebsverbot für den Werbeblocker.

Allerdings unterlag der Verlag in dieser Frage bereits vor mehreren Gerichten. Die letzte Niederlage gab es vor dem Landgericht in Köln. Springer zieht nun in die nächste Instanz. Bis es eine endgültige Entscheidung gibt, verlegen sich die Berliner auf eine Art Guerillataktik, in der sie auf möglichst viele Nadelstiche setzen. Selbst wenn dabei nur sehr kleine Erfolge erzielt werden, wird jeder einzelne, von weiten Teilen der Branche als Erfolg gefeiert werden.

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Alle Kommentare

  1. Warum ist Springer nicht konsequent und bietet seine Artikel nicht nur noch grundsätzlich gegen Bezahlung an? Dinge frei ins Netz zu stellen, dann aber Leser zur Ansicht der oft penetranten Werbung zwingen zu wollen, kann nicht rechtens sein. Folgerichtig müssten auch die privaten Fernsehsender ihren Zuschauern das Wegschalten während der Werbung verbieten.

  2. Das Einzige, was der ASV damit erreicht, ist eine größere Popularität von Ad-Blockern (oder generell Blockern, die Cookies, externe Skripte etc. verhindern). Wer sie noch nicht kannte, wird nun mit der Nase darauf gestoßen.

  3. Ich finde es richtig das diese Blocker verschwinden. Werbung ist für viele Websites die einzige Einnahmequelle. Ich selbst musste erleben, wenn Einnahmen durch Blocker auf null gehen.

    1. Tja, da wird man sich wohl was besseres ausdenken müssen!
      Werbung ist ansträngend und wie ich finde eine Zumutung. Wenn man kein besseres Finanzierungsmodell entwickelt, dann müssen einige Dienste wohl wieder zu Grunde gehen.
      Seine Nutzer so anzugehen halte ich für strategisch unklug 🙂
      Ich stelle das Benutzen dieser Seiten dann eben ein, wenn sie mich zu Werbung zwingen wollen.
      Ich gucke auch kein Fernsehen wegen diesem verlogenen Zeug!

  4. Ich habe noch immer ein laufendes BILD PLUS Abonnement (bitte keine Fragen, warum), kann die BILD Online Inhalte jedoch trotzdem nicht lesen, da ich trotzdem meinen Ad- und Scriptblocker deaktivieren soll. Das steht im krassen Widerspruch zu den von BILD genannten Gründen für das Blockieren der Inhalte, denn ein zahlender Leser sollte in jedem Falle die Wahl haben, ob er das Tracking auf den Inhalten möchte, oder nicht. Man möchte mich zwingen, ein weiteres, sogenanntes gesponsertes Abo abzuschliessen. Warum? Ich habe daran kein Interesse. Bleibt also die einzige Konsequenz, die Seiten nicht mehr zu besuchen. Mein Guthaben wird also ungenutzt verfallen müssen und ein neues Abo wird nicht abgeschlossen. BILD hat damit einen zahlenden (!) Kunden weniger. Ich kann ohne die BILD leben. Falls jemand also Argumente gegen die Springer Argumentationen benötigt – hier sind sie. Ich bin sicher kein Einzelfall.

  5. Mhm…wenn du für das Bild-Abo bezahlt hast und Sie dich hindern das Angebot zu nutzen, würde ich sagen, dass Sie Vertragsbruch begehen und du vom Vertrag zurücktreten kannst…

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