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Regionalblatt bekämpft Terror an der Sprach-Front: Weser-Kurier nennt IS nur noch „Daesch“

Moritz Döbler, Chefredakteur des Weser Kurier
Moritz Döbler, Chefredakteur des Weser Kurier

Nach dem Vorbild einiger ausländischer Medien benennt der Bremer Weser-Kurier die Terrororganisation Islamischer Staat künftig nicht mehr mit ihrem selbstgewählten Namen, sondern bezeichnet sie nur noch als Daesch - ein Begriff, der im arabischen Sprachraum als abwertend gilt. So will es Chefredakteur Moritz Döbler und sorgt damit für Diskussionen über die Neutralität der Journalisten.

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Von Eckhard Stengel

Erst ISIS, dann IS, manchmal auch ISIL: Schon bisher war es etwas verwirrend, wie deutsche Medien die islamistische Terrormiliz bezeichneten. Inzwischen hat sich allgemein Islamischer Staat (IS) durchgesetzt – mal mit Anführungsstrichen, mal ohne, wie einst bei der DDR. Die Leserschaft des Weser-Kuriers (WK) und des identischen Schwesterblattes Bremer Nachrichten muss sich jetzt aber noch einmal umgewöhnen. Denn unter dem Eindruck der Anschläge von Paris hat die WK-Redaktion beschlossen, lieber das Wort „Daesch“ zu verwenden.

Chefredakteur Döbler schreibt dazu in der Kommentarspalte auf der Titelseite unter der Überschrift „Ohne uns“: „Der selbst ernannte Islamische Staat ist eine gotteslästerliche Mörderbande, die für Unterdrückung und Terror steht. An ihr ist nichts islamisch, und sie ist kein Staat. Und doch hat sich der Begriff Islamischer Staat in den deutschen Medien etabliert.“

Aber warum jetzt ausgerechnet Daesch? Auch das erklärt Döbler in seiner Randspalte: „Daesch ist eigentlich nur die lautmalerische Abkürzung des gleichen irreführenden Namens, aber auf Arabisch. Doch hat er sich bei den Gegnern weltweit eingebürgert und wird im arabischen Sprachraum abwertend verwendet. Wenn wir also die Wahl haben zwischen zwei umstrittenen Begriffen, dann nehmen wir lieber diesen. Denn der Daesch verkörpert keinen der Werte, für die unsere Gesellschaft steht.“

Auf Seite 3 erläutert die Nahost-Korrespondentin Birgit Svensson, was es mit dem hierzulande eher unüblichen Namen auf sich hat: „Daesch steht im Arabischen für ‚Al-Daula al-Islamija fil-Irak wal-Scham’, übersetzt ‚Der Islamische Staat im Irak und der Levante’. Das ist im Grunde wieder so etwas wie ISIL – aber von der Bezeichnung Daesch fühlen sich die Terroristen beleidigt und diskreditiert. Der Begriff ist nämlich im Arabischen äußerst negativ behaftet, da er sprachlich sehr dem Wort ‚Daeschi’ ähnelt. Damit bezeichnet man scheinheilige Glaubenseiferer, die anderen ihre Meinung aufzwingen und durch Säen von Zwietracht der Gemeinschaft schaden.“ In der gesamten arabischen Welt, so die Korrespondentin weiter, habe sich dieser Begriff längst etabliert.

Auch in Europa sprechen manche Politiker inzwischen von Daesch statt IS, zum Beispiel der britische Regierungschef David Cameron. Denn, so Cameron laut AFP, die Extremistengruppe dürfe durch die Bezeichnung „Islamischer Staat“ nicht aufgewertet werden.

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Sein Appell, nur noch von Daesch zu sprechen, wird allerdings nicht von allen befolgt. Laut Weser-Kurier lehnt die BBC den Begriff als nicht neutral ab. Viele französische Medien wiederum machen es wie Präsident François Hollande und verwenden die abwertende Bezeichnung.

„Die Entscheidung ist schwer“, schreibt dazu WK-Chef Döbler. Denn „auch diese Zeitung ist stolz auf ihre Unabhängigkeit“. Seinen Abwägungsprozess beschreibt er so: „Wer für den einen ein Terrorist ist, ist für einen anderen ein Freiheitskämpfer – dieser Satz stimmt zwar. Aber in ihm steckt die Frage nach der Haltung. Und hat diese Mörderbande nicht schon eines ihrer Ziele erreicht, wenn wir sie so nennen, wie sie sich selbst nennt? Wer Sprache prägt, verändert die Wirklichkeit. Dieser irreführende, anmaßende, blasphemische Begriff sickert wie ein Gift in unsere Sprache ein.“ Beim Weser-Kurier also künftig nicht mehr.

Chefredakteur Döbler, seit elf Monaten im Amt, kümmert sich aber nicht nur bei hochpolitischen Fragen um die richtige Wortwahl: Ende November hat er den Begriff „Samstag“ aus der Datumszeile der Zeitung verbannt und durch das norddeutsche „Sonnabend“ ersetzt – diesmal, ohne die Leserschaft auf die Neuerung hinzuweisen (siehe dazu das Korrektur-Update unter dem Artikel).

Und noch eine stillschweigend vorgenommene Änderung: Seit wenigen Tagen werden Agenturmeldungen im WK wieder als solche gekennzeichnet. Döblers Vorvorgänger Lars Haider hatte die Agenturkürzel weitgehend abgeschafft, so dass die Leserschaft fortan rätseln durfte, welche Berichte vom WK und welche zum Beispiel von dpa stammten – ein Verstoß gegen das Prinzip der Quellenklarheit und -wahrheit, wie er auch von manchen anderen Zeitungen praktiziert wird. Döblers Reform der Reform ist allerdings nur halbherzig: Namentlich gekennzeichnete Berichte von Agenturjournalisten erscheinen weiterhin ohne Quellenhinweis, so dass sie immer noch wie Texte eigener WK-Korrespondenten aussehen.

 

Update, 13.12.15: Diese Darstellung basierte auf einer missverständlichen Twitter-Meldung von Döbler vom 29. November an seine 700 Follower: „Übrigens ist seit gestern das Wort ‚Samstag’ wieder aus dem Titelkopf des @WESER_KURIER getilgt.“ Nachträglich hat sich jetzt herausgestellt, dass der WK den „Samstag“ lediglich einmal und nur aus Versehen anstelle von „Sonnabend“ verwendet hatte, nämlich in der Ausgabe vom 21. November. Am folgenden Wochenende kehrte der WK dann zum gewohnten „Sonnabend“ zurück.

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Alle Kommentare

  1. Sprachgebrauch ist politischer Kampf offen oder subtil:
    Flugverbotszone = Angriffskieg;
    Terroristischer Hintergrund = immer nur islamistischer;
    an Weihnachten, Ostern, Silvester, Pfingsten = zu Weihnachten…;
    in 2016 = 2016.
    Und selbsternannt sind alle.

  2. Nachtrag: Es ist auch inhaltlich völlig falsch. Der Islamische Staat benimmt sich in seinem Herrschaftsgebiet wie ein Staat. Wichtiger aber ist, dass er natürlich islamisch ist. Innenpolitisch unterscheiden sich Staaten wie Saudi-Arabien weniger vom IS als von gemäßigten Staaten mit dem Islam als Staatsreligion. Es ist natürlich bequem, wenn man für den IS einen anderen Begriff verwendet, weil man dann darum herumkommt, darüber zu diskutieren, wie islamisch der islamische Staat ist. Und dann kann man auch weiter Waffen an unsere „Freunde“ in Saudi-Arabien liefern, ohne sich dabei etwas denken zu müssen.

  3. Tja, früher galt insbesondere bei Regionalzeitungen: Schreibe so, dass dich auch Oma Erna in Hintertupfingen versteht. Heute sind politische Korrektheit und Haltung viel wichtiger.

    Was sind die möglich Folgen:
    Oma Erna: Daesch? Was ist das denn? Versteh ich nicht!
    Weser-Kurier: Oma Erna kündigt ihr Abo? Warum das denn? Versteh ich nicht!

  4. Erstaunlich wie es dieses „Käseblättchen“ ,welches ansonsten mit hochwertigen Journalismus wenig zu tun hat, es immer wieder schafft sich ins Gespräch zu bringen.

  5. Moritz Däubler sollte diesen Sprachbegriff allen Chefredakteuren unserer Medien mitteilen/begreiflich machen.

  6. Im Nahen Osten gibt es vor allem islamische Staaten. Der IS ist ein Propagandatrick, das geht den Redakteuren aber sehr spät auf.

  7. JournalistInnen sollten möglichst verständlich, klar und schön schreiben. Mit Begriffen, die die Leserinnen und Leser auch benutzen. Die Welt ist schon kompliziert genug. DAESCH geht da in die Irre.

  8. Döbler: „Der selbst ernannte Islamische Staat ist eine gotteslästerliche Mörderbande, die für Unterdrückung und Terror steht. An ihr ist nichts islamisch, …“

    Dann kennt er den Islam nicht.

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