Focus Online-Macher Oliver Eckert und Daniel Steil: „Es ist keine Schande, SEO gut zu beherrschen“

Geschäftsführer Oliver Eckert (li.) Chefredakteur Daniel Steil: historischer Tag für Focus Online – zum ersten Mal #1 im Newsportal-Ranking der AGOF
Geschäftsführer Oliver Eckert (li.) Chefredakteur Daniel Steil: historischer Tag für Focus Online – zum ersten Mal #1 im Newsportal-Ranking der AGOF

Focus Online hat Bild.de erstmals in der AGOF-Reichweite überholt. Im MEEDIA-Interview erklären Geschäftsführer Oliver Eckert und Chefredakteur Daniel Steil, das Geheimnis ihres anhaltenden Wachstums und wehren sich gegen Kritiker. Das Erfolgsgeheimnis der Plattform erklärt Eckert mit Seitenhieb auf die Konkurrenz so: "Wir richten unsere Produkte anders als üblich voll auf User und Kunden aus."

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Sie haben die Marktführerschaft in der Reichweite übernommen. Fühlen Sie sich jetzt als neue Nummer eins? Oder sind die AGOF-Zahlen nur ein Parameter von einem ganzen Set von Messgrößen, bei deren Mehrheit die Bild oder auch Spiegel Online noch immer die Nase vorn hat?
Oliver Eckert:
Naja. Wir sind momentan vorne bei Social, Video, Mobile und der Gesamt-Reichweite, der für die Werbetreibenden wichtigsten Kenngröße – nicht die uninteressantesten Parameter. Bei Visits liegen wir auf Rang 3 und wachsen sechs Mal schneller als der Führende, Bild.de. Aber das nur der Ordnung halber. Denn: Solche Ranglisten geben zwar Orientierung und aktuell auch Grund zur Freude, aber in unserem primären Fokus stehen andere Dinge.

Welche denn?
Wir arbeiten mit Leidenschaft und Freude daran, für unsere User und Kunden Produkte zu schaffen, die einen echten Unterschied machen und einen großen Mehrwert bieten. Wenn wir also im nächsten Monat im Reichweiten-Ranking auf Rang zwei stehen sollten, ändert das nichts daran, dass unser Team einen großartigen Job macht.

Wie haben Sie es geschafft die Nummer eins in der AGOF zu werden, wie kommt der sprunghafte Reichweitenzuwachs zustande?
Eckert
: Wenn ich mir unseren kontinuierlichen, erfolgreichen Weg der vergangenen Jahre ansehe, möchte ich drei Gründe besonders hervorheben: Erstens haben wir ein exzellentes und gleichberechtigtes Zusammenspiel von Redaktion, Technologie, Produktentwicklung, Data Science und Vermarktung. Es war nicht einfach, dieses integrierte System zu schaffen. Aber jetzt zahlt es sich aus. Zweitens sind wir ein pures Online-Unternehmen. Das macht uns schnell und wendig. Eine unserer Stärken ist zum Beispiel, dass wir keinen dieser weit verbreiteten Print-Online-Newsrooms haben. Das würde uns defokussieren. Drittens, und das ist mir am wichtigsten: Ich bin sehr dankbar, mit einer solch talentierten Truppe zu arbeiten – ich sehe so viele Kollegen im Unternehmen, die bereit sind, die Initiative zu ergreifen, mit Ideen zu experimentieren und mutig Entscheidungen zu treffen.
Daniel Steil: Absolut. Wir sind in der Reichweite konstant ziemlich schnell gewachsen, der September hatte aber Sondereffekte für uns: Wir haben zum Oktoberfest das Projekt „Wiesnliebe 2015“ gestartet. Dabei hatten wir zum ersten Mal eine neue Social-Media-Technologie im Einsatz und zusätzlich ganz bewusst auf Oktoberfest-Nutzwert gesetzt.

Können Sie einmal ganz konkret erklären, was Sie dabei gemacht haben?
Steil
: Ein Team von sechs Reportern hat rund um die Uhr vom Oktoberfest berichtet. Unser Ziel war, dass wir jeden Oktoberfest-Interessierten im Netz auf unsere Seite bekommen. Das haben wir natürlich nicht geschafft, aber wir hatten Tage mit über einer Million Visits allein auf unserem Wiesn-Spezial.

Warum führt die Bild noch immer so deutlich bei den Visits?
Eckert
: Erstens: Weil Bild einen sehr guten Job macht. Zweitens: Weil wir sie noch nicht eingeholt haben. In den vergangenen zwölf Monaten sind wir hier um 61 Prozent gewachsen, Bild um 9 Prozent. Die Richtung stimmt also.

Wie entgegen Sie dem Vorwurf, die absoluten SEO-Könige zu sein, die sich für keine Trickserei zu schade sind?
Eckert
: Auf zwei Wegen. Zuerst erkläre ich, dass es keine Schande ist, SEO gut zu beherrschen. Das ist digitaler Vertrieb – bei Google unter den ersten Suchergebnissen aufzutauchen, ist wie eine sehr gute Platzierung im Zeitschriftenhandel. Wird Bild, Spiegel und Focus vorgeworfen, dass sie häufig direkt an der Kasse liegen, dem attraktivsten Verkaufsplatz? Eher nicht. Und dann möchte ich erklären, dass Suchmaschinen-Traffic für uns zwar immer noch wichtig ist, seine Bedeutung aber abnimmt. Wir erreichen immer mehr Menschen direkt über unsere Apps und über soziale Medien.

Focus.de wird immer wieder vorgeworfen keine Journalistische Identität zu haben. Für welchen Journalismus der Focus im Web?
Steil
: Wir stehen für schnellsten Nachrichtenjournalismus und für erstklassige Nutzwertinhalte. Wir begleiten den User mit News durch den Tag und mit Nutzwert durch alle seine Lebensabschnitte.

Reicht dieser Ansatz, um mittelfristig genügend Vermarktungskunden zu überzeugen?
Eckert
: Da sind wir sehr optimistisch. Kurzfristig hat es zumindest sehr gut geklappt. Wir sind hochprofitabel und wachsen auch in Umsatz und Ergebnis zweistellig.

Finden Sie es unsportlich, dass es die Wettbewerber immer wieder versuchen, mit Hinweis auf fehlende journalistische Qualität ihre Leistungsdaten in Zweifel zu ziehen?
Eckert
: Unternehmen, die mit einer neuen Herangehensweise oder innovativen Produkten erfolgreich sind, haben mit den immer gleichen Vorbehalten zu tun: Skepsis, Kritik, Unverständnis. Wir richten unsere Produkte anders als üblich voll auf User und Kunden aus, umarmen Technologie und erfinden neue Business-Modelle. Von daher schauen wir sehr gelassen auf die Angriffe bestimmter Marktbegleiter und freuen uns lieber über die schönste Belohnung: den Zuspruch der User und Kunden.

Was entgegen Sie den Vorwürfen, dass Sie – gerade bei Facebook – viele Postings so formulieren würden, dass sie in Pro-AfD und Pegida-Kreise besonders erfolgreich sind?
Steil
: Wir haben in der Flüchtlingsdebatte sehr ausgewogen berichtet, eben nicht einseitig. Wir haben das ganze Bild gezeigt und zeigen es auch weiter. Das alleine stößt manchen Journalisten schon auf. Diese Kritik nehmen wir nicht an. Es ist allerdings zutreffend, dass wir ein paar Facebook-Posts nicht in dieser Form hätten absetzen sollen, weil die Zeile einen falschen Eindruck hätte erwecken können. Hierfür haben wir intern einen weiteren Kontrollschritt eingeführt. Erlauben Sie mir aber noch folgende Randbemerkung: Interessanterweise bestand bei uns gerade bei diesen Themen nicht immer ein direkter Zusammenhang zwischen hoher Interaktion auf Facebook und Seitenbesuch. Das heißt: Menschen diskutieren häufig auch intensiv in sozialen Medien, ohne sich den dahinter liegenden Artikel überhaupt durchzulesen. Wir werden in Zukunft versuchen, auch diese User auf unsere Seite zu bekommen, damit sie die ganze Vielfalt von Focus Online sehen.

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