Bild-Chefin Donata Hopfen über den AGOF-Erfolg von Focus Online: „Die machen alles, wenn es nur klickt“

„Reichweite ist nicht alles“: Bild-Geschäftsführerin Donata Hopfen hält Bild.de und Focus Online für „nicht vergleichbar“
"Reichweite ist nicht alles": Bild-Geschäftsführerin Donata Hopfen hält Bild.de und Focus Online für "nicht vergleichbar"

Bei den aktuell veröffentlichten AGOF-Reichweitenzahlen hat Focus Online zum ersten Mal Bild.de überholt und sich an die Spitze des News-Rankings gesetzt. "#1: Focus Online" titelt der Verlag in seiner Pressemeldung voller Stolz. Doch vom Wettbewerber kommt harsche Kritik. Bild-Geschäftsführerin Donata Hopfen wirft den Münchnern im MEEDIA-Interview vor, Klickpotenzial vor Qualität zu setzen.

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Schon immer lebt die Bild auch vom Nimbus der Nummer eins. Der Standardsatz von Deutschlands größter Boulevard-Zeitung ist fester Bestandteil der Bild-DNA. Wie stark trifft es Sie, dass Focus Online sie jetzt erstmals in der Reichweite überholt und die Marktführer-Position übernommen hat?
Zum einen hängt es natürlich davon ab, wie Sie die Marktführerschaft definieren und zum anderen ist es nicht so, dass wir es nicht haben kommen sehen. Uns war schon lange klar: Wenn wir an unseren Qualitäts-Standards festhalten, könnte es passieren, dass wir – zumindest bei der Reichweite – überholt werden. Das Risiko sind wir bewusst eingegangen.

Wenn die Reichweite für die Bild nicht ganz so wichtig ist. Welche Messgrößen erachten denn Sie denn als besonders relevant?
Relevante Messgrößen sind mittlerweile vor allem die Tagessnutzung, die Nutzungsdauer und auch die Nutzungsfrequenz. Reichweite ist immer noch wichtig, aber nicht mehr ausschließlich.

Alles Größen bei denen die Bild noch immer klar vor Focus Online liegt?
Ganz konkret: In der IVW kommen wir auf 322 Millionen Visits. Focus.de aber auf 168 Millionen. In der Nutzungsfrequenz kommen wir auf 17,4 Besuche pro Nutzer, Focus.de auf 7,5.

Wie erklären Sie sich den Reichweiten-Erfolg von Focus?
Man kann BILD.de und Focus.de nicht vergleichen, das ist ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Wir setzen auf eigene journalistische Inhalte, auf Paid Content und eine vermarktungsrelevante Leserschaft. Der Focus hat da wohl eine andere Strategie. Salopp gesagt machen die Kollegen alles, wenn es nur klickt.

Können Sie Beispiele nennen?
Wenn die Kollegen von Focus.de eine Story über Verbrechen in Deutschland machen, produzieren sie gleich ganz viele Artikel mit jeweils einem anderen Städtenamen in der Überschrift und einem angepassten Teaser. So etwas erhöht die Sichtbarkeit bei Google massiv. Wir  setzen vor allem auf eine Redaktion voller Journalisten, die recherchieren, die eigene Geschichten machen. Ein interessanter Unterschied zwischen Bild.de und Focus.de ist auch, dass 70 bis 80 Prozent unserer Nutzer bewusst Bild ansteuern. Beim Focus liegt alleine der Anteil an Social- bzw. SEO-Traffic bei 70 bis 80 Prozent. Zudem dürfen Sie eine Sache nicht vergessen…

Welche?
In gewissem Sinne ist es ein Wunder, dass wir solange die Nummer eins bei der Reichweite geblieben sind. Wir haben ein funktionierendes Paid-Content-Angebot und gehen sogar noch aktiv gegen Ad-Blocker vor. Wir können wirklich mit guten Gewissen sagen, dass wir erst einmal alles unter Qualitätsgesichtspunkten und nicht nur nach seinem Klickpotenzial betrachten.

Trotzdem lässt sich die Erfolgsgeschichte des Focus nicht wegdiskutieren.
Wegdiskutieren will ich nichts, ich frage nur: Zu welchem Preis und mit welchem Mittel? Das ist wie im Print-Geschäft, wo zum Teil die Auflage mit Bordexemplaren und Sonderverkäufen künstlich in die Höhe getrieben wird. Bei Bild geht es immer um die harte verkaufte Auflage. Digital beobachten wir jetzt das gleiche Phänomen.

Bei aller Kritik an Focus.de: Zeigt der Aufstieg der Münchner aber nicht auch, dass es die Bild sich etwas zu bequem in ihren bisherigen Erfolgen eingerichtet hat?
Man kann immer noch besser werden. Es ist ja auch nicht so, dass wir die Zuwächse von Focus.de ignorieren würden.

Dem Focus wird immer wieder gerne vorgeworfen, gerade aus einer Pro-Pegida-Ecke sehr viel Facebook-Traffic zu ziehen. Was meinen Sie dazu?
Für billige Reichweite selbst nationalistischem Gedankengut eine Plattform bieten, halte ich journalistisch für unverantwortlich.

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Alle Kommentare

  1. Es ist wirklich Realsatire, wenn sich das mittlerweile nur noch zweitschmierigste Online-Angebot über das nun oberschmierigste aufregt und dann auch noch das Wort Qualität in den Mund nimmt.

  2. Aha, es ist also „journalistisch unverantwortlich“, sich mit Pegida anzulegen. Klar, Geschichten auf Focus Online wie „So entfreunden Sie auf Facebook Pegida-Fans“ bringt hunderte Hass-Kommentare (allein die veröffentlichten, die von der Redaktion geblocktem will ich gar nicht lesen…), und natürlich auch die entsprechenden Klicks. Aber soll man deswegen vor Pegida zurückweichen, wie es offenbar jetzt die Bild empfiehlt? Da darf ich doch wohl an den Bild-Pranger der Facebook-Hetzer erinnern, das hat mindestens genauso viel Rückgrat wie die Anti-Pegida-Haltung von Focus Online

    1. Es geht nicht um ein Zurückweichen. Es geht darum, dass Focus mit seiner reißerischen Berichterstattung über Flüchtlinge Pegida und anderen rechten Gruppierungen in die Hände spielt. Dass sich auch Bild da nicht mit Ruhm bekleckert hat, steht auf einem anderen Blatt.

  3. Die Ausreden von Frau Hopfen wirken künstlich. Natürlich sind Zahlen vergleichbar; und natürlich sagen sie etwas über den Erfolg der eingesetzten Methoden. Es kommt eben nicht nur auf – selbst passend definierte – „Qualität“ an, sondern auch auf deren Akzeptanz im Markt. Selbst wenn alle Erklärungen zuträfen, änderte das nichts an Auf- und Abstieg. Am Ende dürfte es darauf ankommen, ob das wirtschaftliche Ergebnis den Aufwand rechtfertigt.

    Aus journalistischer Sicht ist die neue „Doppelspitze“ (bei AGOF) interessant: „Bild“ hat sich von seinem Erfolgsrezept, „Stimme des Volkes“ gegen (!) „die da oben“ zu sein, verabschiedet und ist nun links-grüne Gesinnungspresse mit ganz viel Missionseifer für die (jeweils?) Regierenden nebst von Goebbels/Streicher übernommenem „Pranger“ gegen als „Pack“ geoutete Regierungsgegner; Bild ist „Regierungssprecher“. Bild macht sich eine bestimmte Politik zu eigen und drischt auf Andersdenkende ein.

    Dabei hat sich wohl insbesondere der „Über-Chefredakteur“ Diekmann verpokert. Denn ganz offenbar konnte er sich nicht vorstellen, dass sich der Erfolgskurs von „Mutti“, den er für Bild nutzen wollte, seit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ („Refugees welcome“) ins Gegenteil wandelt. Als Zentralorgan für politisierende Moraltheologen ist Bild eher ungeeignet – die „Käsmannisierung“ ist ein Doomsday-Konzept, das die durchaus vorhandene journalistische Kompetenz bei Bild leider immer mehr überlagert.

    Dass Focus „pro Pegida“ sein könnte, drängt sich nicht gerade auf. Allerdings hat man sich dort klugerweise nicht mit Haut und Haaren einer Antifa-„Moral“ verschrieben, sondern versucht (mit Rückfällen ins Gutmenschliche und Kirchentags-Konforme) den journalistischen und juristischen Grundsatz „Audiatur et altera pars“ zu beachten – bemerkenswerterweise mit Erfolg.

    Da bleibt – für Frau Hopfen – nur die missliche Konsequenz: Man sollte absteigen, wenn das Pferd tot ist.

    1. Entschuldigung mal bitte! Ohne hier irgendeine Redaktion samt ihrer Kampagnen in Schutz zu nehmen: Bei der Pranger-Aktion wurden Facebook-Nutzer geoutet, die menschenverachtende Kommentare gepostet haben! „Regierungsgegner“ – dreimal laut gelacht! Und die Bild hat sich schon mal gar keiner „Antifa“-Moral verschrieben. Überlassen Sie mal die Medienschelte den Leuten, die was davon verstehen!

  4. Liebe Leser*Innen!

    Es ist nun wahrlich keine Neuigkeit wenn bild.de als das herausgestellt wird, was es ist:

    DAS Disneyland der schöngeistigen Avantgarde !

    Gegen die wohldurchdachten Traktate über das Schöne und Hochwertige auf bild.de sind Portale wie zeit.de oder Sendungen wie Aspekte, kulturzeit oder ttt regelrechte GOSSENFORMATE!

    In meinem Betkreis lauschen wir stets mit größtem Entzücken den Episteln von bild.de

  5. Wenn man jetzt noch diese „journalistischen Inhalte“ vergleichen könnte, aber nein, bild.de schließt ja User aus die sich nicht von Werbung berieseln lassen wollen.

    Ist schon ein Dilemma.
    Kaum ist man nicht mehr oben, wird die neue Nr.1 schlechtgeredet und die eigenen Zahlen schöngeredet.

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