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„Nur manchmal nachdenklich“: So würdelos verabschiedet sich der Spiegel in seiner Chronik von Hellmuth Karasek

Würdeloser Nachruf auf Hellmuth Karasek in der Spiegel Chronik
Würdeloser Nachruf auf Hellmuth Karasek in der Spiegel Chronik

B.Z.-Chefredakteur Peter Huth teilte auf Twitter den Kurz-Nachruf auf den Ende September gestorbenen Publizisten und Kritiker Hellmuth Karasek mit dem Kommentar: "Ist 'unverschämt' hier noch ausreichend?" In der Tat ist der kurze Text im Spiegel-Jahresrückblick bestenfalls verunglückt zu nennen. Der frühere Spiegel-Mann Karasek wird mit unangemessen süffisantem Ton abgefertigt.

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Seine „vielleicht glücklichsten Journalistenjahre“ habe Karasek als Angestellter von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein verbracht, steht in der Spiegel-Chronik, dem Jahresrückblick des Nachrichtenmagazins. Von 1974 bis 1996 sei er führender Kulturmann im Spiegel gewesen, habe sich als „TV-Literaturexperte und Entertainer“ „fröhlich genossenen Ruhm“ erworben. Das klingt fast so, wie wenn in einem Arbeitszeugnis steht, der Arbeitnehmer sei gesellig gewesen und habe sich bei Firmenfeiern großer Beliebtheit erfreut. Nicht nur jeder Personalchef weiß, was von solchen Zeilen zu halten ist.

Karaseks satirischen Schlüsselroman „Das Magazin“, in dem er seine Erfahrungen beim Spiegel literarisch verarbeitete, bezeichnet der Spiegel in der Chronik als „leicht verunglückt“. Der Mini-Nachruf schließt mit den Worten:

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Ein beschwingtes, lustiges, nur manchmal nachdenkliches Journalistenleben lang sorgte er dafür, dass es für ihn und über ihn stets eine Menge zu lachen gab.

Wer nur diese kurze Notiz in der Spiegel Chronik liest, muss glauben, dass man sich da von einem eitlen Hanswurst verabschiedet. Das hat Hellmuth Karasek nicht verdient, und es ist eines Nachrufs schlicht unwürdig. Dabei war im regulären Spiegel zu Karaseks Tod schon ein weitaus passenderer Nachruf erschienen, in dem Karasek als „unterhaltsamer Intellektueller und intellektuelle Entertainer“ bezeichnet wurde. Zu seinem Roman „Das Magazin“ hieß es dort nur leicht sauertöpfisch: „Das Werk bekam gemischte Kritiken.“

(swi)

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Alle Kommentare

  1. Der Volksmund sagt, dass man über Tote nur gut sprechen sollte. Schon der Angehörigen wegen. Und der Respekt vor dem Toten als Mensch kann Schmähungen verbieten, aber nicht erklären, warum das zu Lebzeiten eines Menschen weniger gelten soll als danach. Ich frage mich, ob die Herren der Spiegel-Redaktion es sich zu Lebzeiten Karaseks getraut hätten, derart schlecht über ihn zu schreiben. Vermutlich nicht. Daran erkennt man doch nur den Charakter dieser Leute.

  2. Ich gestehe, Karasek immer nur als genau den Hanswurst wahrgenommen zu haben, als der er hier im Nachruf abgefeiert wird. Ist das angemessen? Vielleicht nicht. Aber akkurat.

  3. Gott sei Dank, ich habe mir den SPIEGEL nach ca. 30 Jahren 2013 abgeschafft, die wenigen News was es nur gibt, kann man Online auch bei FAZ- WELT- FOCUS- SZ nachlesen und die Papiertonne freut sich über weniger …..!!!

    Der SPIEGEL war mal ein „Überblatt“, heute werkeln hier ein paar kleine Karrieristen…, und SPON ist ja direkt von der Straße abgekommen…!!!

  4. Ich glaube, Herr Karasek ist ziemlich überbewertet gewesen, was seine journalistischen Fähigkeiten betrifft. Ich hatte immer den Eindruck, er hechelt Marcel Reich-Ranicki hinterher – ein Weichei, einem geifernden Untgerechten.

  5. Er hatte sich nun mal im Mainstream der Mächtigen als Windrad verdient gemacht und sich als der „Herr Professor“ eitel gesonnt. Sei es ihm vergönnt gewesen. Ein Nachruf als geraden Intellektuellen ist dann allerdings auch nicht angebracht.

  6. Der Nachruf beschreibt präzise den Menschen und sein journalistisches Wirken. So war er eben! Würdelos wäre, ihm nicht nur Krokodilstränen nach zu weinen, sondern auch noch falsche Erinnerungen zu erfinden.

  7. Vielleicht ist der derzeit führende Kulturmann beim Spiegel einfach neidisch. Dessen Namen kennt nämlich kein Schwein.

  8. Habe es heute auch in der Chronik gelesen und nur gedacht: Oha, da teilt jemand über den Tod hinaus noch aus… Das ist in der Tat ein schwerer Lapsus, der der Redaktion da „gelungen“ ist. Man kann über vieles beim Spiegel trefflich streiten, bin selbst ein langlangjähriger Leser, aber dieser kurze Absatz zu Karasek tut echt weh. Dass der Roman „Das Magazin“ nicht gelungen war, finde ich auch – aber was hat das im kurzen Nachruf zu suchen? Nichts!

  9. Da wäre gar keine Erwähnung klüger gewesen. Wahrlich peinlich!, wahrlich schade . Einen wortnahen Nachruf könnte man allerdings trefflich auf den derzeitigen Zustand des Spiegel schreiben. Möge der Shitstorm über Euch kommen, werte Spiegel-Kollegen!

  10. Auf die Frage von Peter Huth habe ich mit „ja“ geantwortet und hinzugefügt:
    würdelos.

    Überrascht hat mich etwas, dass offenbar Peter Huth von der BZ als einer der ersten reagiert hat…
    Trotzdem ein „Bravo“ für ihn und die schnelle Reaktion von meedia.

  11. Peinlich, peinlich, peinlich und sehr, sehr schade. Da darf sch das einst führende und innovative Nachrichtenmagazin nicht wundern, wenn frühere, begeisterte Spiegelleser aussteigen und keine Lust mehr auf die wöchentliche Postille mehr haben.
    Und, egal, wie man zu Hellmuth Karasek steht – der Mann hat viel für den Spiegel, das Feuilleton und ein streitbares Deutschland getan.

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