„Mich hat der Terror nicht losgelassen“: Rückblick auf 2015 mit N24-Chefmoderatorin Tatjana Ohm

Tatjana Ohm blickt auf 2015 zurück
Tatjana Ohm blickt auf 2015 zurück

Terroranschläge, der Germanwings-Absturz, die Flüchtlingskrise – 2015 war ein so ereignisreiches wie dramatisches Jahr. Auch die deutsche Presse stand oft vor großen Herausforderung: "Lügenpresse"-Rufe schallten durch die Straßen und einige Journalisten wurden sogar gewaltsam angegriffen. MEEDIA schaut mit N24-Chefmoderatorin Tatjana Ohm zurück auf zwölf anstrengende Monate.

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Frau Ohm, 2015 war ein Jahr fürchterlicher Tragödien. Angefangen mit dem Angriff auf Charlie Hebdo im Januar über den Germanwings-Absturz im März bis zu den Paris-Attacken im November. Wie haben Sie dieses Jahr als Moderatorin eines Nachrichtensenders erlebt?
Tatjana Ohm: Wenn ich mir all das vor Augen führe sowie natürlich auch die Griechenland- und die Flüchtlingskrise, muss ich sagen: Das Jahr war arbeitsintensiv. Und oftmals auch herausfordernd, weil es immer wieder Momente gab, in denen ich mich erst einmal sammeln musste, bevor ich als Journalistin professionell funktionieren konnte.

Wenn auf einmal eine derartige Nachricht reinkommt: Wie genau funktionieren Sie in einer solchen plötzlich eintretenden Extremsituation?
Tatjana Ohm: Wir alle, das ganze Team, versuchen ganz einfach, gute, saubere journalistische Arbeit abzuliefern. Darauf bin ich dann auch ausschließlich fokussiert. Während und nach den Anschlägen in Paris arbeiteten alle Moderations-Teams bis zu sechs Stunden hochkonzentriert. Ich habe in der Nacht mit Carsten Hädler und Steffen Schwarzkopf moderiert und wir waren durchgehend unter Strom. Vor allem, weil vieles auch noch überhaupt nicht klar war: Wo hat es angefangen? Wer sind die Hintermänner? Wie viele sind es gewesen? Wie viele Opfer haben wir zu beklagen? Dabei war es unser Anspruch, den Zuschauer an die Hand zu nehmen und ihm das Gefühl zu vermitteln: Bei uns bekommen Sie fortwährend den aktuellen Wissensstand und eine verlässliche Einordnung, soweit sie in der aktuellen Situation möglich ist. Auch in diesen Breaking-News-Situationen versuchen wir immer, an der Zwei-Quellen-Regel festzuhalten. Das heißt, erst wenn wir wirklich von zwei Seiten die Bestätigung einer Information haben, bringen wir sie on air.

Wird die Zwei-Quellen-Regel durch die sozialen Netzwerke erschwert? Am 13. November überschlugen sich bei Twitter die News und zwischenzeitlich schien keiner mehr so recht zu wissen, was eigentlich los war. Wie beurteilen Sie die neue Rolle, die vor allem Twitter hier eingenommen hat?
Tatjana Ohm: Ich bin da hin- und hergerissen. Richtig ist, dass die Social Networks uns einen größeren Zugang zu Augenzeugenberichten und darüber hinausgehenden Informationen bieten. Wir müssen diese Quellen aber genauso behandeln wie alle anderen auch. Gerade aufgrund der Fülle an Informationen und der Schnelligkeit, mit der sie verbreitet werden, ist es wichtig, das Handwerkliche unserer Arbeit nicht zu vernachlässigen: zu recherchieren und zu versuchen herauszufinden, was wirklich hinter den Informationen steckt. Auch sollten wir uns immer wieder die Frage stellen: Wer hat eigentlich welches Interesse daran, bestimmte Informationen zu verbreiten? Dabei kann es hilfreich sein, gelegentlich das Tempo herauszunehmen und nicht gleich auf jeden Twitter-Zug aufzuspringen.

Die deutschen Medien wurden in diesem Jahr gleich mehrmals in einen Ausnahmezustand versetzt: Hat sich Ihr Verhalten als Moderatorin im Laufe des Jahres verändert?
Tatjana Ohm: Wir haben immer professionell auf alles reagiert. Teilweise arbeiten wir schon sehr lange zusammen, was uns vor allem in solchen Situationen hilft. Wenn ich zum Beispiel mit Thomas Klug oder Carsten Hädler moderiere, ist das schon fast wie Gedankenlesen. Wir haben viele Breaking-News-Situationen erlebt und im Studio gemeinsam bewältigt. Ein Jahr wie dieses hatten wir allerdings selten. Es wäre gut, wenn es jetzt etwas ruhiger würde und wir einen Schritt zurücktreten könnten.

Stellt sich bei der Moderation so etwas wie eine traurige Routine ein?
Tatjana Ohm: Nein, auf keinen Fall. Wir sind Menschen. Das ist nie Routine. Bei den redaktionellen Abläufen sieht das natürlich anders aus, die sind in auch in Extremsituationen sehr routiniert. Als uns zum Beispiel am 13. November die Breaking News aus Paris erreichten, ließen die Kollegen – wo auch immer sie gerade an einem gewöhnlichen Freitagabend waren – die Gläser stehen, den Film einfach weiterlaufen und fuhren direkt in den Sender. Diejenigen, die die Nachricht nicht gleich bemerkt hatten, wurden angerufen. Das ging alles sehr schnell und irgendwie selbstverständlich. Auch mich schockieren solche Nachrichten zunächst. Trotzdem gehe ich damit dann ganz schnell journalistisch professionell und mit dem nötigen Abstand um. In dem Moment, in dem ich das Studio betrete, bin ich absolut fokussiert.

Sie waren zunächst im Schockzustand, dann konnten Sie in die Professionalität umschalten. Was kommt danach, wie geht es Ihnen, wenn die Kameras ausgeschaltet werden?
Tatjana Ohm: Als nach diesen Tagen und Nächten die Lichter im Studio ausgingen, blieb ich noch einen Moment sitzen. Drei oder vier Stunden durchgehend bei einer sich permanent verändernden Nachrichtenlage zu moderieren, ist mental wie körperlich sehr anstrengend. Nach den Paris-Anschlägen war an Schlaf nicht zu denken. Ich bin erst frühmorgens nach Hause gekommen und war mittags schon wieder im Sender. Dazwischen habe ich weiter die Berichterstattung von beispielsweise CNN und BBC verfolgt und gleichzeitig unsere Arbeit mit der der internationalen Kollegen abgeglichen: Haben wir sauber gearbeitet? Ist alles so gelaufen, wie es in einer solchen Situation laufen sollte? Mich hat der Terror definitiv nicht losgelassen.

Wenn derartige Katastrophen eintreten, fordern viele Menschen unmittelbare Informationen und rufen nach Fakten. Empfinden Sie das als Druck?
Tatjana Ohm: Nein, überhaupt nicht. Ich finde die ganze Diskussion um die Glaubwürdigkeit der Medien, die uns dieses Jahr begleitet hat, vom Ansatz her erst einmal positiv. Schließlich zeigt sie, dass mehr und mehr Menschen Nachrichten nicht nur hinnehmen, sondern sich aktiv mit ihrem Medienkonsum auseinandersetzen. Das darf aber nicht dazu führen, dass Journalisten bei ihrer Arbeit physisch angegriffen werden, wie zuletzt geschehen. Prinzipiell ist das Bedürfnis nach Fakten gerechtfertigt. Für uns ist es wichtig, mit unseren Informationen und Quellen so offen wie möglich umzugehen. Wir sollten noch mehr erklären, wie guter Journalismus funktioniert. Und wenn eine Information noch nicht bestätigt ist, hilft nur Offenheit: Leute, die Lage ist aktuell unübersichtlich, die Geschichte entwickelt sich noch und das bilden wir ab.

Nun war das Schlagwort „Lügenpresse“ 2015 nahezu omnipräsent und auch alternative Medien wie der Kopp Verlag erleben einen Aufschwung. Wie erklären Sie sich dies?
Tatjana Ohm: Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die sich gern den einfachsten Weg suchen. Und diese Medien bieten ihren Lesern simple Lösungen, die sie leider dankbar annehmen. Vielleicht passen die Informationen, die dort verbreitet werden, auch sowieso schon ihr Weltbild, was sie dann nicht mehr revidieren müssen.

Wie können denn genau diese Menschen erreicht werden, denen sehr komplexen Fakten zum Beispiel der Flüchtlingskrise zu anstrengend sind?
Tatjana Ohm: Ich glaube, das ist keine Frage der Komplexität. Wir haben jahrelange Erfahrung darin und es ist unser täglicher Anspruch, auch schwierige Zusammenhänge verständlich und in all ihren Facetten darzustellen. Wer darauf allerdings mit Gewalt und Hass reagiert, interessiert sich wahrscheinlich nicht wirklich für Fakten.

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