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„Internet ist gleich mit Essen“ – Studie zur Bedeutung der digitalen Medien für Flüchtlingskinder

Smartphones und mobiles Internet sind gerade für Flüchtlingskinder existenziell wichtig
Smartphones und mobiles Internet sind gerade für Flüchtlingskinder existenziell wichtig

Die Universität Vechta und das Deutschen Kinderhilfswerkes haben eine Studie über die Nutzung digitaler Medien durch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge durchgeführt. Dabei kam heraus, dass vor allem Smartphones und mobiles Internet für junge Flüchtlinge unverzichtbar sind.

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Während ihrer Flucht dienen Mobiltelefone und soziale Netzwerke vor allem dazu, Fluchtwege zu organisieren, Kontakt mit der Familie aufzunehmen, Notrufe abzusetzen, und relevante Informationen über Fluchtwege durch Nachrichtenaustausch und Navigations-Apps zu erhalten. In Deutschland stehen für sie die Kommunikation mit der Familie, das Erlernen der deutschen Sprache, der Austausch mit Gleichaltrigen und die Information über Nachrichten im Vordergrund.

„Insgesamt sind digitale Medien und Dienste für die soziale und bildungsbezogene Teilhabe der jungen Flüchtlinge immens wichtig und alternativlos. Gleichzeitig sind sie nur unter erschwerten Bedingungen verfügbar, da in den Inobhutnahmeeinrichtungen Internet und Computer wenn überhaupt nur sehr eingeschränkt für die jungen Flüchtlinge zugänglich sind – teils aus technischen, teils aus erzieherischen Gründen. Dabei eröffnet der Zugang zu den digitalen Medien in vielerlei Hinsicht integrierende Potenziale – über die Verbindung mit Peers aber auch mit Fachkräften, das Erlernen der Sprache, die Orientierung in der Aufnahmekultur und den neuen Orten. Digitale Medien haben sowohl eine verbindende Funktion, im Kontakthalten mit der Herkunftsfamilie, Verwandten an anderen Orten und Peers, als auch eine Brückenfunktion in die Aufnahmegesellschaft. Deshalb brauchen gerade unbegleitete Flüchtlingskinder einen besseren Zugang zu digitalen Medien als bisher“, sagt Prof. Dr. Nadia Kutscher, Professorin für Soziale Arbeit und Ethik an der Universität Vechta.

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Die jungen Flüchtlinge nutzen laut der Studie vor allem Dienste wie Facebook, Viber, Skype, YouTube oder Whatsapp. In den Interviews zeigten sich teilweise äußerst geringe Kenntnisse datenschutzrelevanter Aspekte in der Mediennutzung dieser Dienste, so dass die Frage, wie Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen sich zu diesen medienerzieherischen Fragen verhalten, relevant werde, so die Macher der Studie.

„Mit Blick auf die besondere Bedeutung digitaler Medien für unbegleitete Flüchtlingskinder wird deutlich, dass an zwei Stellschrauben gedreht werden sollte. Zum einen braucht es eine digitale Grundausstattung der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, und zum anderen sollte eine befähigende Medienbildung fest in den Aufnahmeeinrichtungen verankert werden. Dazu ist geschultes Personal notwendig, das die Medienbildung der Flüchtlingskinder risikobewusst begleitet. Kinder und Jugendliche dürfen bei der Kommunikation im Web 2.0 nicht alleine gelassen werden, und ihre informationelle Integrität besser geschützt werden. Das gilt für Kinder und Jugendliche in Deutschland insgesamt, und aufgrund ihrer besonderen Lebenssituation ganz besonders für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“, sagt Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes.

In den Inobhutnahmeeinrichtungen ist in den wenigsten Fällen Internet für die Jugendlichen zugänglich, da entweder riskantes Mediennutzungsverhalten befürchtet wird, kein Geld dafür vorgesehen ist oder restriktive Regeln zum Beispiel bei der Nutzung von WLAN nur innerhalb bestimmter Zeiten gelten. Dies führt einerseits dazu, dass die Kontaktmöglichkeiten zu den Familien eingeschränkt oder äußerst kostenintensiv für die Jugendlichen sind. Andererseits stehen den Jugendlichen in den Einrichtungen oftmals nicht ausreichend Computer für die Erledigung von Schulaufgaben zur Verfügung. Dagegen berichten die Jugendlichen aus vielen Einrichtungen, dass die Fachkräfte mit ihnen über digitale Medien, insbesondere Whatsapp, kommunizieren. Dies sei insofern bemerkenswert als einerseits relativ streng mit Mediennutzung umgegangen wird, andererseits datenschutzrechtliche Aspekte mit der Nutzung von Whatsapp in institutionellen und fachlichen Zusammenhängen Standards des Klientendatenschutzes verletzen.

In den Interviews wurden die jungen Flüchtlinge auch gefragt, ob sie im Netz rund um Asylverfahren und Ankommen in Deutschland hilfreiche Informationen gefunden haben, die ihnen das Einleben in Deutschland erleichtern. Alle Befragten bekundeten Interesse an solchen Angeboten, berichteten aber fast ausschließlich von nichtfachlichen bzw. kommerziellen Diensten (Facebook als Nachrichtenbörse, Google als Übersetzungstool, Navigationshilfe und Suchmaschine etc.) und gaben auf Nachfrage an, dass ihnen speziell für sie entwickelte Informationsbroschüren unbekannt sind.

In einem der Interviews habe eines der unbegleiteten Flüchtlingskindern gesagt: „Internet ist gleich mit Essen.“

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