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Deutscher Reporterpreis 2015: Fünf Auszeichnungen für die Zeit

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Am Montagabend ist in Berlin der 7. Deutsche Reporterpreis vergeben worden, die Auszeichnung von Journalisten für Journalisten. Aus insgesamt 95 nominierten Texten haben vier Jurys elf Stücke ausgezeichnet, die vor 300 Gästen verliehen wurden. Die Zeit konnte sich alleine über fünf Preise freuen.

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Als Beste Reportage wurde in diesem Jahr „Der Junge, der in den Krieg ging“ von Jana Simon im Zeit Magazin ausgezeichnet. Simon beschreibt darin einen jungen Mann aus einer deutschen Durchschnittsfamilie, der zum Islam konvertiert, sich dem IS in Syrien anschließt und nach Syrien geht, um dort Familien zu helfen, die alles verloren haben, und um seinen Glauben als Moslem intensiv leben zu können. Doch dann gerät er in ein Auffanglager des IS, aus dem er nur mit viel Mühe lebend wieder herauskommt. War er naiv? Ist er ein Terrorist? Ein Schläfer? Die Frage bleibt offen – was eine der vielen Stärken dieses Textes ist. Wie Jana Simon die Sprachlosigkeit der Eltern beschreibt, die Suche des Jungen nach Eindeutigkeit, die „stille Toleranz“ der Umgebung – das mache dieses Stück zu einem besten, das bislang zu diesem Thema erschienen ist, urteilte die Jury.

In der erstmals in diesem Jahr verliehenen Kategorie Innovation gewann ein Buch – die Graphic Novel „Weiße Wölfe“ von David Schraven und Jan Feindt. Die Jury sah in dem Werk „eine knallharte Recherche“, die im rechtsradikalen Milieu in Dortmund beginnt und von dort aus den militanten Neonazi-Strukturen durch halb Europa folgt. Die Graphic Novel gibt es auch als Website und als Ausstellung, die in einem fort durch Deutschland tourt – ein Projekt, das wegweisend zeige, auf wie vielen Kanälen man eine gute Geschichte erzählen könne, so die Jury.

Der Preis für die Beste Wissenschaftsreportage ging an Malte Henk und sein Stück „Die Jagd auf 67P/C-G“, erschienen in der Zeit. Henk beschreibt darin den Versuch der Europäischen Raumfahrtbehörde, eine Sonde auf einem durch das Sonnensystem rasenden Kometen zu landen; eine Sonde, die jahrelang unterwegs ist und irgendwann so weit von der Erde entfernt, dass Funksignale zu ihr eine Dreiviertelstunde brauchen. Wie Henk die abstrakte Arbeit der Wissenschaftler erlebbar mache, wie er sie als Menschen, mit ihren Schwächen, ihren Streitigkeiten auftreten lasse – all das sei exemplarisch für eine moderne Wissenschaftsreportage, meint die Jury.

In der Kategorie Freier Reporter gewann Claas Relotius mit seinem Stück „Gottes Diener“, erschienen im Spiegel. Die Geschichte handelt von Willie Parker, dem letzten Abtreibungsarzt im amerikanischen Bundesstaat Mississippi, einem Staat, in dem die Sexualaufklärung aus den Schulen verbannt, die Hilfen für alleinerziehende Mütter gekürzt, Abtreibungskliniken mit Klagen überzogen werden. Willie Parker ist selbst gläubiger Christ und war lange Abtreibungsgegner. Wie Claas Relotius dessen moralisches Dilemma schildert, wie geschickt er nach und nach die Facetten von Parkers Persönlichkeit entfaltet – all das begeisterte die Jury.

Der Preis für die Beste Lokalreportage ging an Nik Afanasjew vom Tagesspiegel für seinen Text „Die Kids aus unserem Hinterhof“. Afanasjew wohnt in einer Erdgeschosswohnung in Berlin-Kreuzberg, seit fünf Jahren kennt er die drei Jungen mit Migrationshintergrund, sieht sie heranwachsen – auf einem messerscharfen Grat zwischen schulischem Versagen, krimineller Karriere und Faszination für den radikalen Islam. Die Direktheit, mit der Afanasjew die Sprache und die Welt der Jungen wiedergibt, sei ungewöhnlich, urteilte die Jury. Das Stück sei „sehr originell, sehr jung, sehr schnell.“

Bastian Berbner wird für seinen Text „Die Hölle, das ist der andere“, erschienen in der Zeit, in der Kategorie Bestes Interview ausgezeichnet. Es ist ein Doppel-Interview mit zwei Amerikanern, die als Geiseln von Al-Kaida in Syrien sieben Monate gemeinsam in einer Zelle verbringen mussten – und die sich von Anfang an hassten. Nicht die Folter war das Schlimmste, sondern der jeweils andere. Die Jury lobte das ungewöhnliche Interview auch formal: Die durchdachte Dramaturgie und die gelungene Verzahnung der beiden Perspektiven sei eine gelungene Ausweitung des Interview-Genres.

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Ebenfalls neu in diesem Jahr ist die Kategorie Investigation, Preisträgerin ist Anne Kunze von der Zeit mit ihrem Text „Die Schlachtordnung“. Sie beschreibt darin die unhaltbaren Zustände in der deutschen Schlachtindustrie, die gnadenlose Ausbeutung von ausländischen Leiharbeitern, die so wenig verdienen, dass sie nachts in Erdlöchern im Wald schlafen. Die Jury sagte, dies sei ein Text, der die Verhältnisse der Massentierhaltung in Deutschland verändern könne – wenn er es nicht sogar schon getan habe.

Als Beste Kulturkritik zeichnet die Jury das Stück „Sie sprechen nicht zu uns“ von Peter Kümmel aus, ebenfalls erschienen in der Zeit. Darin analysiert er brillant das gestörte Verhältnis vieler Theatermacher zur Tradition ihrer Zunft. Die Frage nach dem heutigen Stellenwert des Theaters sei oft gestellt worden – Peter Kümmel beantworte sie derart zugespitzt, dass alle Widersprüche offen zutage liegen.

Emilia Smechowski bekommt den Preis für den Besten Essay für ihr Stück „Ich bin wer, den du nicht siehst“, erschienen in der taz. Sie schreibt darin über die größte und zugleich kaum wahrgenommene Gruppe von Migranten, die nach Deutschland zuwandern: die Polen. Emilia Smechowski, selbst in Polen geboren, beschreibt sehr persönlich eine Einwanderergruppe, die sich durch „perfekte Integration“ unsichtbar macht. Ihr Stück, so die Jury, überzeuge sprachlich, sei überraschend, direkt, anschaulich und gleichzeitig von feiner Ironie.

„M29 – Berlins Buslinie der großen Unterschiede“ heißt das Web-Projekt, das in der erstmals in diesem Jahr vergebenen Kategorie Datenjournalismus gewinnt. Erstellt wurde es von einem Team der „Berliner Morgenpost“, zu dem Theresa Rentsch, Julius Tröger, Moritz Klack, Max Boenke, David Wendler und André Pätzold gehören. Die Buslinie 29 beginnt inmitten der feinen Villen im Grunewald und endet im armen Neukölln – wer ihr folgt, wer all die Statistiken aufbereitet, die sich entlang des Weges zeigen, begibt sich auf eine Reise durch die sozialen Unterschiede der Stadt. Eine Reise, die das Team der „Berliner Morgenpost“ hervorragend gestaltet habe, so die Jury.

Der Preis für die Beste Webreportage geht in diesem Jahr in die Schweiz und zwar an ein Team der NZZ für ihre Videoreportage „Good Night, Malaysia“. Das Team um Fabian Biasio, Alice Kohli, Simon Wimmer und Thomas Preusse erzählt nach, wie Flug MH370 verschwand, wie danach gesucht wird und wie die Angehörigen trauern. Die Jury lobte den geschickten Wechsel zwischen den einzelnen Formaten und die Unaufgeregtheit, mit der diese eigentlich so emotionale Geschichte nacherzählt wird.

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Alle Kommentare

  1. Ich will hier nur berichtigen, dass „Der Junge, der in den Krieg ging“ sich nicht dem IS in Syrien angeschlossen hat. Dies ist eine Deformierung des jungen Mannes. Er ist in guten Absichten nach Syrien gegangen, nämlich um Menschen in Not zu helfen und um seinen Glauben besser leben zu können. Diese Absichten wurden zerstört, als er in ein Auffanglager des IS gekommen ist, aus dem er nur mit sehr viel Mühe und viel Gottvertrauen wieder lebend heruas gekommen ist.

  2. Ich kann der Jury für die Wahl der besten Webreportage nur gratulieren. Insbesondere der sachliche, aber doch sensibel geschnittene Videobeitrag ragt aus den vielen ähnlichen Beiträgen zu diesem Thema heraus.

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