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Presserat: „Totes Flüchtlingskind am Strand ein Dokument der Zeitgeschichte“

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Gleich doppelt musste sich die erste Beschwerdekammer des Presserates mit umstrittenen Foto-Veröffentlichungen auseinandersetzten. Doch sowohl beim Bild des toten Flüchtlingskindes, das am Strand lag, wie auch beim Bild eines Lasters, in dem 71 Menschen ums Leben kamen, entschieden die Medienwächter, das es in Ordnung war, die Bilder zu zeigen.

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Für viele Tage hatten die Bilder des toten Jungen am Strand von Bodrum die Menschen und die Presse bewegt. Insgesamt 19 Beschwerden waren deshalb gegen unterschiedliche Zeitungen und Zeitschriften eingegangen. Sie alle wurden vom Presserat als unbegründet abgewiesen. „Aus Sicht des Beschwerdeausschusses steht das Foto symbolisch für das Leid und die Gefahren, denen sich die Flüchtlinge auf ihrem beschwerlichen Weg nach Europa aussetzen. Die Dokumentation der schrecklichen Folgen von Kriegen, der Gefahren des Schlepperwesens und der Überfahrt nach Europa begründet ein öffentliches Interesse“, argumentiert der Presserat. „Das Gesicht des Kindes ist nicht direkt zu erkennen. Seine Persönlichkeitsrechte werden nicht verletzt.“

Das Foto hatte zu einer großen Debatte geführt. So sehr dieses eine Foto den Betrachter emotionalisiert, so sehr polarisiert es Medienmacher. Darf man dieses oder ähnliche Bilder zeigen, lautet die Frage, und die Antworten fielen unterschiedlich aus. Es zeigten sich diametral entgegengesetzte Positionen.

Die dpa hatte das Bild im Gegensatz zu praktisch allen anderen Nachrichtenagenturen überhaupt nicht verbreitet und holte dies einen Tag später nach, nicht ohne zuvor das Foto sinnlos zu verpixeln. Ein grotesker Akt der Absicherung, um bloß nichts falsch zu machen, nachdem man seine von Bedenken getragene Entscheidung schon revidieren musste, weil Zeitungskunden das Foto einforderten.

Ebenfalls als unbegründet sieht das Gremium die Beschwerden zum Foto der toten Flüchtlinge in einem Lastwagen, der in der Nähe von Wien abgestellt wurde. 71 Menschen waren in dem Schlepper-Fahrzeug erstickt und verschiedene Boulevard-Zeitungen hatten Fotos der Leichen im Lastwagen gedruckt. In der Berichterstattung sahen die Berliner ein öffentliches Interesse, weil es sich um ein schweres Verbrechen handele. „Die Redaktion dokumentiert mit dem Foto nach Meinung des Ausschusses die schreckliche Realität, ohne die abgebildeten Menschen zu entwürdigen“. Auch weil diese nicht identifizierbar waren. „Der Beschwerdeausschuss hält das Foto für furchtbar. Dennoch darf die Realität gezeigt werden, solange die Darstellung nicht unangemessen sensationell ist in dem Sinne, dass die Opfer erneut zu Opfern werden“.

Auch dieses Bild hatte zu erheblich Debatten geführt. Andreas Rüttenauer, Chefredakteur der taz, hatte das Foto  nicht gezeigt. Aber er sagte auch: „Die Entscheidung, durch das Zeigen der Toten an die Gefühle der LeserInnen zu appellieren, ist durchaus nachvollziebar. Ein grundsätzliches moralisches Urteil darüber abzugeben, ist äußerst schwierig. Auch wir haben bereits Bilder von toten Flüchtlingen gezeigt, die in Plastiksäcke verpackt in einer Kühlkammer aufeinandergestapelt worden waren. Natürlich haben wir über die Würde der Toten diskutiert. Die war ihnen indes längst genommen – und genau das wollte wir abbilden.” Ähnlich äußerte sich Lorenz Maroldt vom Tagesspiegel.

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Neben den beiden Entscheidungen zu den großen Foto-Debatten der vergangenen Wochen, beschäftigten sich die Pressewächter auch noch mit anderen Fällen. So rügten sie Bild Online wegen Sensationsberichterstattung in einem Mordfall und die Bild und B.Z. wegen eines Verstoßes gegen die Sorgfaltspflicht.

Wegen zwei vermeintlich spielerischer Angebote wurden sowohl der Mannheimer Morgen als auch TV Movie gerügt. Die Tageszeitung hatte ein Sommerrätsel („Ein Spaß für Kreuz- und Querdenker“) produziert, in dem nach der Herkunft einer jungen Frau gefragt wurde, die ermordet und missbraucht worden war. Des weiteren hatten die Mannheimer den Vornamen und abgekürzten Nachnamen des Opfers genannt und ihr Foto abgedruckt. „Der Ausschuss beurteilte dies als Verletzung der Würde und des Persönlichkeitsschutzes des Opfers. Zugleich erkannte er eine Beschädigung des Ansehens der Presse. Zwar hatte die Zeitung den Fehler eingeräumt, eine öffentliche Entschuldung gegenüber den Lesern war aber unterblieben.“

TV Movie dagegen hatte auf seiner Facebook-Seite ein Quiz unter dem Titel „Ex-Kinderstar wegen Ausbeutung verklagt“ veröffentlicht. Zur Auswahl standen vier verschiedene ehemalige Kinderstars. „Der Leser konnte raten, welcher in ein Verfahren verwickelt ist. Die Spekulation mit einer Straftat als Quiz hält der Ausschuss für eine menschenunwürdige Methode und einen schweren Verstoß gegen den Kodex“, erklärt der Presserat.

Zudem sprachen die Berliner noch drei Rügen wegen Schleichwerbung aus. Sie richten sich gegen TV Hören und Sehen, die Leipziger Volkszeitung und Petra. Die Frauenzeitung hatte in einer Beilage 32 Sommer-Bücher vorgestellt. Alle Titel stammen allerdings aus einer einzigen Verlagsgruppe.

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Alle Kommentare

  1. Und das Wichtigste nicht vergessen!
    Der Vater war der Schlepper und hat das Boot überladen.
    So hat er statt der bewilligten 10 deren 17 Flüchtlinge geladen.
    Das musste unweigerlich in einer Katastrophe enden.

  2. Der Autor läßt den entscheidenden Einwand weg: Das Abdrucken des Bildes wurde deswegen kritisiert, da das tote Kind
    1. kein Kind aus Kriegsgebieten und damit kein Flüchtlingskind war
    2. auf Grund mangelnder Aufsicht durch seinen Vater zu Tode kam
    3. von Journalisten die Leiche am Strand für das Foto drapiert wurde
    4. um die Emotionen (Mitleid) gezielt hervorzurufen
    die man für unbegrenzte Einwanderung brauchte und dies in Gafferquote umzusetzen.

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