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Wenn das Gefühl zur Nachricht wird: Wie Medien auf die PR-Maschine der Terroristen aufspringen

Hasso Mansfeld schreibt über Terror-PR in den Medien
Hasso Mansfeld schreibt über Terror-PR in den Medien

Die Bilder des Terrors des so genannten Islamischen Staates sind allgegenwärtig in den Medien. Medien erfüllen ihre Aufgabe als Berichterstatter und stecken dabei doch in dem Dilemma, gleichzeitig Überbringer der Terror-Botschaften zu sein. Der Berater und Kommunikationsexperte Hasso Mansfeld schreibt in MEEDIA darüber, wie sich Medien manchmal gedankenlos zu Gehilfen der Terror-PR zu machen.

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Ein Gastbeitrag von Hasso Mansfeld

„Einen besonderen Dank sprach der IS-Kämpfer an Bild.de aus. ‚Der gesamte obere Teil der Seite ist für uns reserviert. Überschrift: ‚Terror-Angst in Europa‘ Danke! Vielen Dank! Schöner hätten wir das nicht formulieren können.’“ – mit diesem fingierten Dank an die Bildzeitung trifft das Online-Satiremagazin „Der Postillon“ den Nagel auf den Kopf. Effektivere unfreiwillige Helfer als die europäische Presse hätten sich die Terroristen des islamischen Staates bei der Verbreitung ihrer Botschaft kaum wünschen können. Denn Terrorismus zielt, wie der amerikanische Terrorexperte Brian Jenkins schon in den siebziger Jahren feststellte, nicht auf das Töten als Selbstzweck, sondern auf die mediale Verbreitung der Tötung. Terror ist – so zynisch das auf den ersten Blick klingen mag – PR. Und wir alle, öffentlich-rechtliche und private Leitmedien eingeschlossen, springen dem Anschein nach gezwungenermaßen auf diese unglaublich erfolgreiche PR-Maschinerie auf. Haben wir wirklich keine andere Wahl?

Die gigantischen Armbanduhren des islamischen Staates

Leser über 40 erinnern sich vielleicht noch an einen PR Stunt von Nicolas Hayek. 1984 ließ dieser eine 140 Meter hohe Swatch Uhr als „Größte Armbanduhr der Welt“ am Frankfurter Commerzbankgebäude drapieren. Das Medienecho war überwältigend. Eine eigentlich rein von partikularen Interessen getragene Aktion wurde allein aufgrund der dahinter stehenden Gigantomanie zur Nachricht und schaffte es sogar auf Wikipedia. Das ist Viral Marketing at its best – und es ist wohl kein Zufall, dass sich 2001 die Terroristen von Al Quaida mit dem World Trade Center ebenfalls ein Hochhaus als Zielobjekt auserkoren. Karlheinz Stockhausen bezeichnete den Anschlag (mit antiamerikanischem Zungenschlag) als „größte[s] Kunstwerk, was es je gegeben hat“. Spätestens seit diesem Moment konnten sich Terroristen sicher sein: Je grausamer und spektakulärer ihre Gemetzel, desto rascher und sicherer gehen die Nachrichten um die Welt. Abgeschnittene Köpfe, verbrannte Apostaten und Selbstmordattentäter sind die gigantischen Armbanduhren des islamischen Staates.

Nun ist inszeniertes Spektakel in unserer modernen Welt, in der sich das persönliche Kapital zunehmend aus Likes und Followern zusammensetzt, allgegenwärtig. Kirchentage, Parteitag der Massenparteien, sogar wie ich mich kleide, wie ich mich gebe – in Alltägliches fließen öffentlichkeitswirksame Zur-Schau-Stellungen ein. Doch in all diesen Fällen erwarten wir, dass die freie Presse das Spektakel durchschaut und eine gewisse kritische Distanz zu ihm gewinnt. Als etwa 2013 die FDP nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag ihren Sonderparteitag mit allen Schikanen inszenierte, fehlte in kaum einem Bericht der Hinweis darauf, dass damit wohl weiterhin die Außenwirkung einer großen Partei erzielt werden sollte. Und kein Presseerzeugnis kann es sich leisten, auf PR-Nummern aufzuspringen, ohne zu hinterfragen. Im Angesicht des Terrorismus aber wirkt man hilflos.

Emotionalität – Einfallstor der Terror-PR

Als im Sommer dieses Jahres ein Erlanger Busfahrer via Bordmikro Flüchtlinge in Deutschland willkommen hieß, rang Nachrichtensprecher Claus Kleber allen Ernstes im „heute journal“ vor der Kamera mit den Tränen! Hundertfach wiederum berichteten Zeitungen und Magazine von diesem emotionalen Ausbruch. Auch in der Berichterstattung nach dem 13. November wurden die Ängste journalistischer Korrespondenten, gar noch die Emotionen von ZDF Sport-Moderatorin Kathrin Müller-Hohenstein auf dem Weg zur Arbeit am nächsten Tag zu einem dominanten Thema.

Das Gefühl wird zur Nachricht, die Befindlichkeit zum medialen Ereignis. Diese zunehmende Emotionalisierung des Medienbetriebs ist ein Einfallstor der Terror-PR. Wo sich der Journalist selbst vom Berichteten nicht mehr abgrenzt, wird das auch dem Rezipienten erschwert. Flankiert und teils bedingt wird die Emotionalisierung von einer generellen Auflösung der Trennung von Nachricht und Kommentar, sowie in Teilen von einer boulevardesken Bedienung des vermeintlichen Bedürfnis des Zuschauers nach „Gossip“. Persönliche Informationen aus dem Leben der Attentäter fluteten die Nachrichten der vergangenen Wochen, Relevantes, Irrelevantes, Beängstigendes und Rührendes wurde zu einem Terror-Pottpurri aufgekocht. Eine Form der Berichterstattung die etwa schon mit der Fixierung auf Kleidung und persönliche Beziehungen der „Terror Braut“ Beate Zschäpe im NSU-Prozess unangenehm auffiel.

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Aber – könnte man nun ganz freiheitlich einwenden – so ist der Mensch: ein emotionales Wesen. Und so ist der Markt: Er giert nunmal nach Emotion. Wer will sich anmaßen, Medienunternehmen in ihr Produkt reinzureden?

Bildungsauftrag und langfristige Selbstschädigung

Nun. Im Fall der Öffentlich-Rechtlichen ist die Sache einfach gelagert. Diese haben einen Bildungsauftrag zu verfolgen und dank sehr großzügig bemessener Rundfunkbeiträge, von Jörg Schönenborn vollmundig „Demokratieabgabe“ genannt, die Finanzkraft, nicht mit den Privaten um Affekte konkurrieren zu müssen. Wenigstens so selbstverständliche Standards wie die Trennung von Meinung und Nachricht aufrecht zu erhalten, sollte da eigentlich kein Problem sein. Übrigens ist es natürlich absolut ok, wenn ein Nachrichtensprecher sich angesichts der Schrecklichkeit der Ereignisse von Paris einmal überwältigt zeigt. Auch Tränen vor der Kamera wären da wohl verständlich. Nur kalkuliere man doch bitte nicht kühl mit dem menschlichen Faktor – das ist alles andere als menschlich. Man macht sich im schlimmsten Fall zum verlängerten Arm der Terror-PR.

Aber auch private Medienunternehmer sollten zumindest einmal darüber nachdenken, ob sie mit ihrem Sensationalismus dem eigenen Produkt auf lange Sicht nicht mehr schaden als nutzen. Das mediale Geschäft und dessen Erfolg beruhen nicht zuletzt auf dem Vertrauen, das die Konsumenten diesen entgegenbringen. Alles Bestreben selbsterklärter Qualitätsmedien, sich von der Dynamik sozialer Medien und von kostenlosen Onlineangeboten abzugrenzen, beruht auf diesem Vertrauen. Wenn nun gleichzeitig die Reizschemen sozialer Medien aufgrund deren vermeintlicher Erfolge kopiert werden und man versucht, mit Kostenlos-Angeboten zu konkurrieren (oft mit Etatkürzungen verbunden und somit die redaktionelle Qualität weiter beschneidend) geht dieses Vertrauen mit der Zeit verloren. Zumindest ein Teil der lauter werdenden Misstrauenserklärungen gegenüber der Presselandschaft in den vergangenen Jahren dürfte durch diese Selbstbeschneidung zu erklären sein.

Auch die Tatsache, dass durch die oft unkritische Reproduktion der von Terroristen inszenierten Bilder aus der Verbreitung von Angst und Unsicherheit zumindest mittelbar Kapital geschlagen wird, steigert zwar kurzfristig die Auflagen, untergräbt aber langfristig das Fundament – eine mündige Leserschaft – ohne das eine freie Presse nicht dauerhaft zu existieren vermag.

Das Fatale: Terror-PR ist erfolgreich!

Bis jetzt ist leider zu konstatieren: Die blutige PR des Terrorismus ist unglaublich erfolgreich. Eine Bedrohung, die statistisch geringer ist als die Gefahr an einem Insektenstich zu sterben, hält Europa und die Welt in Angst. Sicher, das liegt in der menschlichen Natur. Wenn aus heiterem Himmel eine gigantische Armbanduhr an einem Hochhaus angebracht wird, schaut man hin. So entsteht öffentliches Interesse, auch die Presse muss hinschauen. Aber doch bitte nicht von den selben distanzlosen Affekten getrieben, wie die Schaulustigen, die es sich auch bei Autounfällen nicht versagen können, langsam vorbeizufahren und so die nächste Unfallgefahr beschwören. Abgrenzen, einordnen, gegebenenfalls kommentieren – bei klassischer PR ist das die Haltung, die wir von Journalismus erwarten, ja verlangen. Auch mit Hinblick auf den Terrorismus fährt damit ein Presseerzeugnis auf Dauer besser statt mit der bloßen Reproduktion dessen publikumswirksamer Bilder.

Unser Gast-Autor Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Kommunikationsexperte. Für seine Ideen und Kampagnen wurde er unter anderem dreimal mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet. Hasso Mansfeld schreibt außerdem regelmäßig für das Online-Debattenmagazin diekolumnisten.de.

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