Die große Spiegel-Reform: digitale Expansion, aber 149 Stellen fallen weg

Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass (mi.), Chefredakteur Klaus Brinkbäumer (re.) und SpON-Chefredakteur Florian Harms
Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass (mi.), Chefredakteur Klaus Brinkbäumer (re.) und SpON-Chefredakteur Florian Harms

Publishing Der Spiegel hat in Hamburg vorgestellt, wie er aktuelle und kommende Herausforderungen meistern möchte. Die von den Gesellschaftern frisch abgesegnete Zauberformel lautet „Sparen und Wachsen“, und zwar bitteschön gleichzeitig. Damit das Kunststück gelingt, werden elf neue Digitalprojekte umgesetzt werden. Allerdings werden auch 149 Stellen abgebaut.

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Wie viele Personen hinter diesen 149 Vollzeitstellen stehen, die innerhalb von zwei Jahren abgebaut werden sollen, konnte Geschäftsführer Thomas Hass nicht sagen, weil man sich derzeit noch darüber mit dem Betriebsrat auseinandersetzt. Tatsache aber ist: Auch die Print-Redaktion wird nicht verschont. Dort sinkt der Personalstand von 294 (Stand 2014) auf 259 Stellen. Dazu zählen allerdings auch „technische“ Stellen wie etwa Bild-Redaktion. Zum Vergleich: Spiegel Online hat aktuell 173 Redakteure.

Insgesamt hat sich der Spiegel Verlag auferlegt, bis 2018 knapp über 16 Mio. Euro einzusparen. Die Sparpläne teilen sich auf wie folgt: 9,6 Mio. sollen durch die „Veränderung von Abläufen“ gespart werden, 2,1 Mio durch Auslagern und Outsourcen und 4,4 Mio. bei Sachkosten & Service.

Auch die Redaktion muss abbauen

Auf Abteilungen heruntergebrochen bedeutet dies: 6,4 Mio. Euro an Einsparungen muss die Redaktion beisteuern, 8,2 Mio. der Verlag und 1,5 Mio. die Dokumentation. Diese Zahlen sind freilich mit Vorsicht zu genießen, denn es handelt sich im Prinzip um konkretisierte Planspiele. Wie Spiegel-Geschäftsführer Hass zugab, fangen Gespräche, zum Beispiel mit externen Dienstleistern bezüglich Outsourcings, gerade erst an. Auch die Verhandlungen mit dem Betriebsrat wegen des Personalabbaus haben gerade erst begonnen. Die Spiegel-Geschäftsführung rechnet darum schon jetzt damit, dass das Sparziel von 16,1 Mio. Euro vermutlich um 20 Prozent verfehlt wird. Damit würden auch die zunächst anvisierten 15 Mio. Euro, die bis 2018 nachhaltig gespart werden sollten, nicht erreicht.

Böse könnte man jetzt formulieren: Der Spiegel verfehlt seine Sparziele, bevor er überhaupt mit dem Sparen begonnen hat. Das ließe aber die besonderen Bedingungen außer Acht, unter denen hier gespart werden muss. Mit der starken und nicht immer einigen Mitarbeiter KG als Mehrheitsgesellschafter und nach der überstandenen, öffentlichen Selbst-Zerfleischung im Zuge der Demission des Kurzzeit-Chefredakteurs Wolfgang Büchner ist es schon eine Leistung, dass sich der Spiegel aktuell wenigstens intern darüber einig zu sein scheint, was in welchem Umfang zu tun ist.

Das leidige Spar-Thema wird wohl (nicht nur beim Spiegel!) ohnehin ein Dauerbrenner bleiben. „Es geht darum, diesen Verlag neu aufzustellen, moderner, agiler, flexibler zu werden“, so Thomas Hass. Und was den Personalabbau betrifft sagt er: „Als letzter Schritt können Kündigungen nicht ausgeschlossen werden. Wir werden und wollen alles dafür tun, dass es dazu nicht kommt.“ Bis Mai 2016 werden betriebsbedingte Kündigungen beim Spiegel Verlag ausgeschlossen. Was danach geschieht, hängt davon ab, wie weit das Haus mit „weichen“ Maßnahmen des Stellenabbaus vorankommt. Der Großteil des Personal-Abbaus soll 2016 erledigt werden.

Wer sparen will, der muss auch zahlen. Für das Restrukturierungsprogramm wird ein zweistelliger Mio-Betrag eingepreist, der schon 2015 die Bilanz kräftig drücken wird. Zwar hätten sich die Vertriebserlöse des Print-Spiegel etwas besser entwickelt als erwartet, bzw. befürchtet, trotzdem steht bei Vertrieb und Vermarktung auch in diesem Jahr wieder ein Rückgang zu Buche. Das Erlös-Minus wird wohl im einstelligen Mio-Bereich liegen. Einen kleinen Überschuss werde es aber trotzdem geben, verspricht Hass, und daher auch eine – vergleichsweise bescheidene – Ausschüttung.

Elf Projekte sollt ihr sein …

Das ist die eine Seite, das Sparen. Für das Wachstum haben sie beim Spiegel insgesamt 15 neue Digitalprojekte angeschoben, die innerhalb von sechs Monaten entwickelt wurden. Ganze elf davon sollen nun umgesetzt werden.

Dazu gehört zum Beispiel eine runderneuerte App für den Digital-Spiegel, die schon mit der Ausgabe vom 12. Dezember das Licht des App-Stores erblicken soll. Die neue Spiegel-App (nicht verwechseln mit der Spiegel Online App!) soll auf HTML 5 basieren und responsiv sein (sich also automatisch verschiedenen Geräten anpassen). Es wird ein neues Layout geben, man wird scrollen können statt zu blättern und – vielleicht die bedeutsamste Neuerung – Artikel werden in den sozialen Netzwerken geteilt werden können. Derzeit liege die Auflage des Digital-Spiegel bei rund 57.000 Exemplaren.

Die Macher erhoffen sich sowohl bei der Auflage als auch bei der Vermarktung eine Steigerung. Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: „Wir sind bei digitalen Anzeigen verbesserungsfähig. Da greifen wir an.“

In der Mache ist außerdem eine tägliche App mit dem Arbeitstitel „Spiegel Daily“, die als Bezahlangebot konzipiert ist. Die App soll von Montag bis Freitag einen Überblick über das Nachrichtengeschehen liefern, Lesestoff und Service für den Abend bereithalten und Fundstücke aus den sozialen Medien. Erscheinungstermin soll jeweils der späte Nachmittag sein. Projektleiter bei „Spiegel Daily“ waren Spiegel-Reporter Cordt Schnibben und SpOn-CvD Oliver Trenkamp. Der Launch ist für das erste Halbjahr 2016 geplant.

Stichwort Bezahlangebot: Auch im Web sollen Leser von Spiegel Online künftiger häufiger den virtuellen Geldbeutel zücken. Einzelne Spiegel-Print-Texte aber auch ausgewählte Spiegel Online-Stücke sollen künftig was kosten. Wieviel, das wird noch ausbaldowert und getestet. Für Fans soll es auch Tages- und Wochenpässe geben, bzw. die Pay-Inhalte werden wohl auch in ein Spiegel-Sorglos-Abo samt Heft und App integriert. „Wir werden Inhalte aus dem Spiegel viel stärker bei Spiegel Online präsentieren, als das bisher der Fall ist“, so SpOn-Chefredakteur Florian Harms.

Die bislang noch defizitäre internationale Ausgabe des Spiegel soll ebenfalls als Pay-Angebot neu konzipiert und inhaltlich aufgebohrt werden. Mit dem ersten Bezahl-Artikel auf Spiegel Online ist in den nächsten Wochen zu rechnen, der neue Spiegel International soll im ersten Halbjahr 2016 starten.

Ab Februar 2016 wird der gedruckte Spiegel außerdem mit Regionalseiten experimentieren. Geplant sind drei redaktionelle und zwei Anzeigenseiten speziell für Nordrhein-Westfalen. Der Test ist auf drei Monate angelegt, bei Erfolg können weitere Seiten für andere Regionen folgen.

Die leidige KG-Frage …

Über 400 Mitarbeiter hätten an den 15 Projekten gearbeitet. Dabei beschwört die Führungsriege den neuen Zusammenhalt. Florian Harms: „So etwas hat es beim Spiegel noch nicht gegeben. In diesem Geist, mit dieser neuen Kultur der Zusammenarbeit wollen wir weitermachen.“ Eine „Kultur der Zusammenarbeit“ – das ist mal wirklich eine Innovation im Hause Spiegel.

Bis zum Jahre 2020 erhofft man sich beim Spiegel bis zu 20 Mio. Euro neuen Umsatz aus diesen Neu-Projekte. Wissen kann man das heute aber natürlich nicht. Die leidige Frage, ob auch die Online in die KG dürfen, wurde übrigens erst einmal zurückgestellt. Print-Chef Brinkbäumer: „Die KG-Frage war nicht auch noch Gegenstand dieser Beratungen. Zumal sie nur von den Gesellschaftern entschieden werden kann, nicht im Kreis von Geschäftsführung und Chefredaktion.“ Man sei sich aber sicher, die KG-Frage werde in der Zukunft irgendwann wieder auf die Tagesordnung kommen. Klar. Nicht dass es denen beim Spiegel zu langweilig wird.

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Alle Kommentare

  1. Für Agenda-Apologeten kann man gar nicht genug Agenda machen. In diesem Sinne, Agenda 2018 muss noch viel härter werden, es muss die NavySeal-Variante unter den Agenden werden.

    Der Spiegel könnte heute schon noch ordentlich Auflage haben, wenn er realistisch über Riester-Rente, TTIP, BER, S21 und andere Schweinereien berichtet hätte. Aber mit der Attitüde „Die Hamburger haben sich ihre schöne Olympiade abgewählt, die Doofies“ wird das nichts werden. Die doofen Hamburger haben gegen Bauchaos, Verkehrseinschränkungen, Preis-, Mietsteigerungen und nicht zuletzt gegen das für Olympia obligatorische 20-30 Milliarden-Finanzloch gestimmt. Das werden die meisten hier gar nicht wissen (und auch nicht wissen wollen), aber olympische Spiele verursachen bei den austragenden Städten/Ländern jedesmal ein zig-Milliarden-Finanzloch in den öffentlichen Haushalten. Natürlich sanieren sich Bauunternehmer und andere Mafien, aber die austragenden Orte bekommen z.B. keinen Cent von den Fernsehrechten. Die knapp 50% der Bürger, die für Olympia gestimmt haben, sind entweder einfach uninformiert oder glauben, daß sie für kleine Krümel vom Milliarden-Kuchen dankbar sein müssen oder potentielle Olympia-Abzocker (wahrscheinlich die wenigsten).

  2. Was macht die Spiegelleute so optimistisch, dass die Leser dafür noch zahlen? Zumindest in den Dimensionen, dass es sich wirtschaftlich lohnt. Die Pay Modelle siechen doch vor sich hin. Das Misstrauen gegenüber den Leitmedien ist seit 2014 dramatisch angestiegen und wenn ich erst mal merke, welche Möglichkeiten das Web bietet um mich zu informieren, dann zahle ich doch nicht noch extra Geld für die Einnordung durch solche Salonbolschewisten wie Diez und Augstein.
    Man sieht es ja auch an solchen Leuten wie Blome. Von der Bild zu Spiegel und morgen macht er die Bäckerblume oder verkauft Autos. Käuflich, ohne Herzblut und nicht überzeugend. Der Spiegel ist nur noch Fassade für Gewinnmaximierung. Wer es mag bitte, aber anscheinend mögen es immer weniger.
    Der Witz an der Sache ist ja, dass sich diese intellektuellen Oberschlaumeier seit Jahren selbst aus dem Spiel schreiben, bis keiner mehr ein Stück Brot von ihnen annimmt. Man kann es auch Realitätsverlust nennen.

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