Die große Blase der Followerzahlen auf Twitter: nicht einmal 30% sind aktiv

Im freien Fall: die Twitter-Aktie

Fernsehen Die offiziellen Follower-Zahlen, die Twitter für jedes Account angibt, haben nahezu keine Aussagekraft. Das zeigt eine aktuelle Analyse von MEEDIA. So sind nur rund 30% der Follower deutschsprachiger Medien-Accounts überhaupt aktiv. Der Rest besteht größtenteils aus Karteileichen, der die Statistiken verfälscht.

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Es ist ein offenes Geheimnis: Die Zahl der Follower, die ein Twitter-Account im Laufe der Zeit eingesammelt hat, enthält massenhaft Karteileichen – Follower also, die Twitter zwar mal genutzt haben, es aber längst nicht mehr tun. Dennoch schmücken sich Twitterer gern mit ihren Zahlen und feiern den 100.000 Follower, etc. Twitter kommt das ganz gelegen, man filtert die ehemaligen Nutzer nicht aus, sondern lässt die Zahlen weitgehend unangetastet – so sehen sie ja auch schöner aus. Um das komplette Ausmaß dieser aufgeblasenen Zahlen aufzuzeigen, hat sich MEEDIA die tatsächlich aktiven Nutzer unter den Followern der 100 populärsten Twitter-Accounts deutschsprachigen Medienmarken angeschaut. Mit teilweise erschütternden Ergebnissen.

Für unsere Analyse haben wir die Pro-Version des Twitter-Analyse-Tools Followerwonk genutzt. Damit lässt sich u.a. veranschaulichen, wann die Follower eines bestimmten Twitter-Accounts zuletzt aktiv getwittert haben, welche Sprache sie eingestellt haben, wie viele Follower sie wiederum haben und vieles mehr. Entscheidend für unsere Analyse ist der Faktor Aktivität. Wir haben untersucht, wie viele der Follower der 100 Top-Medien-Accounts innerhalb der jüngsten sechs Monate selbst einen Tweet abgesetzt haben. Diese Aktivität ist das stärkste Indiz dafür, dass ein Follower Twitter tatsächlich noch nutzt. Twittert er nicht selbst, ist die Chance hoch, dass er die Plattform längst nicht mehr besucht, also auch nicht mehr mitbekommt, was die Accounts, denen er mal gefolgt ist, von sich geben. Zwar gibt es auch einen Anteil von passiven Twitter-Nutzern, die nur lesen und grundsätzlich nicht selbst twittern, doch dieser Anteil dürfte recht gering sein.

Kommen wir zu den Ergebnissen: Insgesamt haben im Durchschnitt nur 30,2% der Follower eines der untersuchten 100 Medien-Accounts innerhalb der jüngsten sechs Monate selbst einen Tweet veröffentlicht, sind also auf jeden Fall in dieser Zeit aktiv gewesen. Vor zwei Jahren, als wir zuletzt eine ähnliche Analyse durchführten, waren es noch rund 40%. Die Zahl der Karteileichen wächst also unaufhörlich.

Der genaue Blick auf die 100 Accounts zeigt dabei zum Teil große Unterschiede. So liegt der Durchschnitt auf den ersten 20 Plätzen gar nur bei 27%. Auf den hinteren Rängen der Liste nach absoluten Followerzahlen finden sich hingegen auch ein paar Accounts mit immerhin mehr als 40% aktiven Followern – und in einem Fall auch eins mit mehr als 50%. Dabei handelt es sich um das Satire-Blog Der Postillon. 52,8% seiner Twitter-Follower waren in den jüngsten sechs Monaten aktiv. Ein Rekordwert.

Bei über 40% liegen das NDR-Magazin „extra 3“, die deutschen Ausgaben von InStyle und Vogue, die dpa (mit starken 47,0%), die SRF News aus der Schweiz, die „heute“-Nachrichten des ZDF, 11 Freunde, arte, Gründerszene, t3n, das Bildblog (48,8%), sowie Branchenmedien wie w&v, kress (47,4%) und MEEDIA (49,6%).

Auf der anderen Seite gibt es Extremwerte, die kaum zu glauben sind. So verfügt das Twitter-Account von „Deutschland sucht den Superstar“, über nur noch ganze 7,7% aktive Follower. Statt über 306.000 Leute zu erreichen – wie es die Follower-Zahl aussagt – wird hier für nur etwas mehr als 23.000 Leute getwittert. Ein dramatischer Unterschied zwischen Schein und Realität. Ebenfalls weit unter dem Durchschnitt liegen „Berlin – Tag & Nacht“ mit 11,0%, RTL mit 15,8% und auch ProSieben. Zwar ist hier der genaue Wert der aktiven Follower mit Followerwonk nicht ermittelbar, da nur Accounts mit weniger als 1 Mio. Followern untersucht werden können, allerdings verfügte ProSieben vor zwei Jahren bereits nur über 26% aktive Follower. Hochgerechnet auf die Entwicklung seitdem dürfte der Wert inzwischen bei 18% angelangt sein.

Insgesamt lässt sich sagen, dass Accounts zum einen über mehr Karteileichen verfügen, je älter sie sind. Zum anderen spielt aber auch die Zahl der Follower eine Rolle. Je mehr Follower sie theoretisch erreichen, desto höher ist die Chance, dass ein großer Anteil an Karteileichen dabei ist. Das liegt u.a. auch daran, dass Twitter neuen Nutzern solche populären Accounts zum Folgen empfiehlt – diese neuen Nutzer dann aber oft schnell wieder aufhören Twitter zu nutzen.

Für Twitter wäre es sehr einfach, „ehrliche“ Followerzahlen zu veröffentlichen, schließlich nutzt Followerwonk ausschließlich offizielle Twitter-Daten. Das Interesse daran dürfte bei dem Network allerdings überschaubar sein. Würden anstelle der 1,49 Mio. ProSieben-Follower z.B. nur noch 263.000 stehen, wäre nicht nur ProSieben verwirrt, sondern auch alle Beobachter von der Presse bis hin zu Börsen-Analysten. Die Angst vor der Ehrlichkeit dürfte also groß sein bei Twitter.

MEEDIA arbeitet zur Stunde hingegen an neuen Twitter-Charts, die wir am Freitag veröffentlichen wollen. Die „ehrliche“ Top 100 beachtet dann nur die aktiven Follower – und einige weitere Faktoren, die für „bessere“ Zahlen sorgen.

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Alle Kommentare

  1. Sorry, Jens, ich schätze deine Arbeit sehr, seit sehr vielen Jahren, aber das hier ist, wenn du mir verzeihen magst, dass ich so deutlich werde, völliger Blödsinn. Was mich wundert, weil du ja auch Twitter nicht erst seit gestern nutzt.
    Die reißerische Schlussfolgerung aus deinen Zahlen basiert ja sogar in deinem Text nur auf Vermutungen: „dürfte gering sein“, „ist die Chance hoch“. Ja, du schreibst hier, aber ich dachte, du wärest Journalist, Menü.
    Dass ein sehr großer Teil der Twitter-Nutzerinnen Twitter nur (oder fast nur) passiv nutzt, ist ja nun auch nicht solo neu. Dazu kommen noch die vielen, vielen Leute, die Twitter nicht eingeloggt nutzen – also ist so ungefähr das Gegenteil von dem, was du schreibst, richtig. Aktives Twittern ist vollkommen unbrauchbar als Kriterium für eine Analyse.
    Spannender ist sicher, anzusehen, wie viele Nutzerinnen ein Tweet tatsächlich erreicht, was Twitter in den Analytics ja ausweist (nur für einen selbst sichtbar). Die Zahl ist zwar erschreckend klein bei den meisten (weit kleiner als deine Mutmaßung), aber die wächst beispielsweise bei fast allen massiv über eine sehr viel längere Zeit als früher.
    Ich ärgere mich wirklich sehr über diesen Text. Dass bei Twitter nicht alles rund läuft, sieht ja jede, die sich damit beschäftigt – aber das hier ist nicht das Problem, das Twitter hat…

    1. Danke für dein Feedback. Bei so einer Fundamental-Kritik, bei der Du mir vorwirfst „völligen Blödsinn“ zu schreiben, mich sogar so dermaßen beleidigst, kein Journalist zu sein, muss ich mich schon sehr wundern, dass Du selbst keinen einzigen Fakt zum Thema beiträgst. Stattdessen zählst Du nur Behauptungen und Vermutungen auf – das, was Du mir vorwirfst. Ein „sehr großer Teil“ der Leute nutze Twitter also nur passiv, schreibst Du. Belege? Studien? Konkrete Zahlen? Fehlanzeige. Und warum sollten viele Leute Twitter auch noch nutzen, ohne eingeloggt zu sein? Also ohne eine individuelle Timeline anzuschauen? Mit Bookmark zu twitter.com/spiegel_eil oder wie? Solche Fälle mag es geben, aber auch hier behauptest Du nur, es wären „viele, viele“. Zudem haben diese Nutzer im Zweifelfall ja gar kein Account angelegt, folgen also auch niemandem und spielen für meine Betrachtung keine Rolle. Und dann nennst Du auch noch ausgerechnet die Tweet Impressions als viel besseres Kriterium. Eine Zahl, die Twitter nur hochrechnen kann, da logischerweise nicht in jedem Tweet ein Zählcode drin ist, der exakte PIs misst. Und wie diese Hochrechnung zustande kommt, weiß nur Twitter – ich nehme sie auf jeden Fall nicht ernst.

      Mit Verlaub, aber so eine Kritik – in einer solchen Sprache verfasst – kann ich beim besten Willen nicht ernst nehmen.

      1. Och Mensch, ich werfe dir doch nicht vor, kein Journalist zu sein, im Gegenteil: ich wundere mich, wie du so einen Blödsinn schreiben kannst. Denn der Punkt bleibt ja, dass du nur eines zeigst: dass um die 70% der Follower also keine Tweets schreiben. Daraus kannst du aber exakt nichts schließen. Und schon gar nicht diese steilen Thesen. Das ist schon echt sehr dünn.
        Nach allem, was ich an Zahlen gesehen habe (ok, Twitter-Zahlen, keine selbst recherchierten), ist deine These und Vermutung einfach falsch. Und wer sich nicht ausschließlich in der Heavy-User-Blase von Twitter bewegt, kann schon durch Durchzählen der Menschen, die er oder sie kennt, feststellen, dass die Vermutungen, die du anstellst, nicht plausibel sind. Das ärgert mich daran so.

  2. Ich vermute eher, dass es unter den „Karteileichen“ in Deutschland prozentual mehr passive Twitter-Leser gibt (die also nicht mal retweeten oder favorisieren) als unter den „Karteileichen“ im englisch- oder spanisch-sprachigen Raum – zwei Gegenden, in denen Twitter besonders populär ist. Wir haben einfach eine andere Kommunikationskultur: Tweets oder Kommentare wie „Thanks for the great info!“ sind eher selten in unseren Gefilden, weil wir vermeintlich belanglosen Smalltalk in aller Öffentlichkeit nicht gewohnt sind. Interessanter wäre hier also, wann sich jemand das letzte Mal in seinen Twitter-Account eingeloggt hat.

  3. Ich habe gehört, dass man beim linearen Fernsehen demnächst auch nur noch die Quoten nach aktiven Zuschauern bemessen möchte, da die Daten der GFK zu unzuverlässig seien.
    Es werden die Zuschauer gezählt welche an Gewinnspielen und Votings teilnehmen.

    Wie man an meinem ersten Absatz erkennen kann zähle auch ich mich zu den aktiven Passivtwitternutzern.
    Ggf. sollte man in der Medienwelt irgendwann mal mitbekommen haben das Twitter in Deutschland völligst anders genutzt wird als in den USA und, dass man diese Aktivität nicht 1:1 auf DE übertragen kann.

    Twitter hat tatsächlich mehr mit einem CSS-Feed gemein als mit einem Social Network.

    Sinniger wäre tatsächlich zu erfassen wie häufig man sich einloggt und ob die Beiträge über eine API abgerufen werden.

  4. Das Problem ist – wenn man auf die allgemeine Nachrichtenlage schaut – grundsätzlicher Natur: Viele Medienleute können zwar die Angebote wie Facebook und Twitter benutzen, verstehen aber nicht wirklich etwas von der Analyse der Zahlen. Beispiel: #Aufschrei (Brüderle) – bei den Talkshows von Jauch und Co. hieß es dann „Die Republik empört sich – schon 60.000 haben den Hashtag genutzt – massenhafte sexuelle Belästigungen im Alltag!“ Jemand hat sich die Mühe gemacht und Retweets, Tweets mit der gegenteiligen Meinung („Sehe ich anders #Aufschrei“) usw. usw. rausgerecht – übrig geblieben sind ein paar hundert Tweets mit inhaltlichen Zustimmungen/Vorfallsbeschreibungen – aber das hätte nichts hergegeben.

    Ähnlich Facebook-Likes: „Pegida-Seite hat XYZ Likes! Rechte beleidigen immer öfter Flüchtlinge!“ usw.

    Dazu kommt – selbst wenn man „Karteileichen“ abzieht – auch vom Rest nimmt nur ein Bruchteil der Follower einen speziellen Tweet zur Kenntnis.
    Ich werte ja die Statistiken meiner Tweets aus. Nun bin ich kein Medienunternehmen, aber mal als Anhaltspunkt: je 1.000 Follower bleiben ca. 20, die aktiv etwas mit einem Tweet „machen“ (Link anklicken, Foto vergrößern usw.). Selbst wenn ich die Zahl durch „stille Mitleser“ mal verdoppele, das ist doch sehr, sehr ernüchternd …

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