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Stefan Niggemeier kündigt seine neue Website “Übermedien.de” mit Naidoo-Video an

Neues und Altes von Steil, Niggemeier, Naidoo und Grimberg in diesem Wochenrückblick
Neues und Altes von Steil, Niggemeier, Naidoo und Grimberg in diesem Wochenrückblick

In jüngerer Zeit nicht ganz so viel vom Medienblogger Stefan Niggemeier gelesen? Der war mit dem Aufbau von “Übermedien.de” beschäftigt, einer neuen "medienkritischen Plattform", die nun im Januar 2016 online gehen soll. Focus Online schürt unverantwortlich Terror-Angst in München und der neue ARD-Sprecher Steffen Grimberg hat seine Chefin Karola Wille schon immer gemocht. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Man kann den Eindruck, dass unsere Medien und Teile der Regierung (unser Innenminister) in Sachen Panik-Vermeidung nach Terror-Angriffen einen sub-optimalen Job machen, nicht leicht vom Tisch wischen. Dass Thomas de Maizières Ausspruch nach dem abgesagten Länderspiel in Hannover (Teile seiner Antwort könnten die Bevölkerung verunsichern …) das so ziemlich Verunsicherndste war, was ein Politiker hätte sagen können, wurde mittlerweile schon in gebotenem Maße breitgetreten. Wie aber große Teile der Medien verantwortungs- und skrupellos Terror-Angst schüren und Hysterie befeuern, ist für unsere Zunft wahrlich kein Ruhmesblatt. Besonders hervorgetan hat sich einmal mehr Focus Online. In der Nacht zum Freitag schrieb das Online-Magazin von “Terror-Alarm” in München. “Verdächtige mit falschen Uniformen” würden einen “Anschlag mit Gasflaschen” in der bayerischen Landeshauptstadt planen. Jessas!

Wie das Bildblog dokumentiert sprangen andere Medien eilig auf den Terror-Zug auf. Die Abendzeitung textete online “Polizei verhindert Anschlag, Terroristen auf der Flucht”.  Aus den “Verdächtigen” waren schnell “Terroristen” geworden. Die sich gern klug gebende FAZ titelte: “Hotelangestellte vereitelt offenbar Attentat in München”. Ein “Attentat” jetzt also? Auf wen denn? Dass die Polizei den Focus-Online-Schmarrn schon Minuten (!) später als Falschmeldung bezeichnete, störte die Alarmisten dort nicht. “Focus Online bleibt jedoch bei seiner Darstellung”, schrieben sie drunter. Schließlich stellte sich heraus, dass es sich bei den “Gasflaschen” um Campinggas-Kartuschen gehandelt hatte.

Focus Online hat am Freitag mit einem weiteren langen Artikel in der Sache noch einmal nachgelegt. Der neue Artikel changiert zwischen Rechthaberei und Richtigstellung. Jetzt gibt auch Focus Online endlich Terror-Entwarnung. Aus den “falschen Uniformen” wurde “ein handelsübliches Baseball-Cap mit der Aufschrift ‘Police’” und ansonsten wird im wesentlichen der Stand der Polizeipressemitteilung vom Vormittag wiedergegeben. Der Artikel schließt mit einem Aufruf des Münchner Polizeipräsidenten zu erhöhter Wachsamkeit: „Haben auch Sie ein wachsames Auge auf Ihre Umgebung. Wenn Ihnen etwas verdächtig vorkommt oder Sie etwas Verdächtiges beobachten, rufen Sie umgehend den Polizeinotruf 110 an. Lieber werden wir einmal unnötig gerufen, als zu spät!“

Und lieber rufen Medien wie Focus Online ein paar mal zu viel falschen “Terror Alarm” aus, als dass sie auf ein paar Panik-Klicks verzichten würden. Eigentlich müssten sich die IS-Schergen bei den hiesigen Medien bedanken, wie es der Postillon treffend aufgeschrieben hat.

Der frühere Medienjournalist Steffen Grimberg (taz, “Zapp”) wechselt also 2016 als Sprecher der ARD an die Seite von MDR-Intendantin Karola Wille. Mutiert der Kritiker der Elche nun also selbst zu einem kapitalen Geweihträger?

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Bei der Suche nach kritischen ARD-Artikeln aus der Feder Grimbergs stieß ich aber zuerst auf ein freundliches Porträt von, na jetzt raten sie mal: Karola Wille. Ende 2012 charakterisierte Grimberg seine Chefin in spe in der taz als “Keine für Klüngel”. Die Gelobte guckt in der Story “bescheiden über die Kaffeetasse” und “lacht ihr zufriedenes Kurzlachen.” Grimberg über Wille: “Manche im MDR sehen Wille eher als neuen, aber ziemlich eisernen Besen, der unerbittlich durch die Dreiländeranstalt fegt.” Da war schon mal eine gewisse Grundsympathie spürbar. Das soll jetzt gar nicht kritisch gemeint sein. Vermutlich findet Steffen Grimberg Karola Wille und ihr Wirken beim MDR ja wirklich gut, sonst würde er wohl kaum den Sprecherposten unter ihr antreten. Man kann auch mal Überzeugung unterstellen und nicht immer nur Kalkül und Geldgier.

Und dann war da noch die Entscheidung der ARD, Xavier Naidoo zum nächsten Eurovision Song Contest nach Stockholm zu schicken. Viele erinnerten sich daran, dass Naidoo schon ein paar mal durch merkwürdige Aussagen aufgefallen war, die man als homophob, rassistisch, antisemitisch, verschwörungstheoretisch und rechts auffassen kann. Er selbst streitet solche Gesinnungen immer wieder ab. Fragt sich halt bloß, warum er dann solche seltsam missverständlichen Texte schreibt und bei Vereinen wie den “Reichsbürgern” Reden hält. Spott und die Häme waren den ESC-Verantwortlichen und Xavier Naidoo nach Bekanntgabe der Entscheidung jedenfalls erst einmal sicher. Mutmaßlich wird der letzte Tweet in dieser Sache noch lange nicht abgesetzt sein.

Huch, was ist das denn? Gucken Sie mal ganz am Ende dieses Videos. Da steht “Übermedien.de – ab Januar 2016”. Es handelt sich um das erste Lebenszeichen der neuen Plattform für Medienkritik, die Stefan Niggemeier bei seinem Ausstieg bei den Krautreportern angekündigt hat und die er nun gemeinsam mit Boris Rosenkranz an den Start bringt. Rosenkranz hat auch in Niggemeiers Blog immer wieder Artikel geschrieben. Die Domain übermedien.de ist auch schon online, aber noch ohne Inhalte. Warten wir den Januar ab. Themen gibt’s ja gerade genug.

Friedliches Wochenende!

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Alle Kommentare

  1. Beim besten Willen… – & auch wenn es mir klar ist, wie allergisch viele Medien derzeit auf Medienkritik reagieren: Wenn ich diese milde Kritik an der Panikmache der Medien angesichts des Pariser Terrorakts lese & in Bezug setze zum vorangehenden, in seiner unbedarften Einseitigkeit ebenso hemmungslos einseitigen Loblied auf die „Neue Willkommenskultur“, dann werde ich richtig weißglühend wütend.

    Wenn man heute in unserer eklatant ideologisch aufgeladenen Zeit Handlungen einer Personengruppe in repräsentativer Funktion, wie es ja auch durch ihren erhöhten Zugang zu einer breiteren Öffentlichkeit Journalisten sind, in einen kausalen Zusammenhang zueinander setzt, muss man schwer damit rechnen, flugs eines „verschwörungstheoretischen“ Denkens bezichtigt zu werden. Aber Menschen, die sich selbst in privilegierter Position sehen, müssen damit rechnen, für die Folgen ihrer über Monate getägigten Schreibhandlungen zur Verantwortung gezogen zu werden. Sie können nicht erwarten, einen Freibrief nach der Adenauerschen Devise zu erhalten „Was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an“. Und eben deshalb sollen sich die beteiligten Journalisten & Redakteure doch bitte mal überlegen, welchen Effekt ihre diametral unterschiedlich gefärbte Berichterstattung im Zuge der beiden oben erwähnten ‚Kampagnenwellen‘ auf das Verhältnis der gerade in großen Mengen hierher flüchtenden Migranten zur bereits vorher hier lebenden Bevölkerung hat (inklusive derer, die selbst Migrantenfamilien entstammen):

    Da erfolgt zunächst über Monate eine grenzenlose, geradezu euphorisch hurra-patriotisch aufgeladene Hymne auf die von Angela Merkel ausgerufene „Willkommenskultur“ mit ihrem penetranten „Wir schaffen das!“-Pathos. Völlig ohne Gespür dafür, welche ungeheure Kraftanstrengung die Integration von Menschen aus einem kriegsverwüsteten Land, oft aus ländlichen Gegenden mit archaisch anmutenden dörflichen Regionen stammend, kostet, stimmen da die Medien unisono ein. Bedenken werden, auch wenn sie von Leuten stammen, die Jahrzehnte praktischer Erfahrung mit Integration haben, als politisch suspekt beiseite gewischt. Gedanken, ob diese Menschen denn nun tatsächlich eine so ungebrochen positive Haltung gegenüber einem Europa haben können, das immer noch in ihrer Heimatregion am geopolitischen Poker der US-Administration & Nato-Interventionen beteiligt ist, finden sich nirgendwo. Auch Kritik an einer Politik, deren euphorische Rhetorik mal eben außer Acht lässt, dass an vielen Ankunftsorten bereits die Erstversorgung der Einwanderer auf den Schultern privater Helfer ruht, während hilflose Behörden faktisch durch unterlassene Hilfeleistung glänzen, ist Mangelware. Ebenso wird die Frage nicht gestellt, ob denn eine solche Integration mit einer neoliberalen Kahlschlagpolitik, wie wir sie seit der Angenda 2010 haben, zu leisten ist, Falls jetzt noch in den nächsten Jahren etwa unser Bildungssystem mittels Konzernermächtigungsabkommen wie Ceta, TTIP & vor allem TISA unter den Konzerndruck gerät, doch bitte in seine lukrativen Teile ‚private Investoren‘ reinzulassen (was immer zu einem Zwei-Klassen-Bildungssystem führt), dann werden wir gar keine Chance haben. Die Spekulation des BDI über die Abschöpfungsmöglichkeiten des Arbeitspotenzials der einstrudelnden „Reservearmee für den deutschen Arbeitsmarkt“ wie erste Forderungen nach der Senkung des Mindestlohns ließen Profis der Integrationsarbeit bereits damals die Sorgenfalten im Gesicht sprießen.

    Ergo: In den Medien war die Ankunft der Flüchtlinge ein „Sommertraum“, der ernsthaft mit der WM von 2006 verglichen wurde (was für ein Zynismus angesichts dessen, was die Menschen auch durch kräftiges Zutun „unserer Verbündeten“ in ihren Heimatländern erlitten haben!), aber schon hier bereits zeigte sich noch nicht einmal der Ansatz einer verantwortungsvollen, abwägenden, die Umstände dessen, was sie da abfeierten, nachdenklich reflektierenden Berichterstattung. Als wäre man dadurch ein „Flüchtlingsfreund“ wenn man sich an ihrer Ankunft fähnchenschwenkend freudig beschwipst & nicht erst, wenn man mit ihnen den langen & frustrationsbeladenen Weg der Integration geht, sich aber auch um die Leute kümmern muss, die am unteren Rand der Gesellschaft noch stärker unter Druck geraten. (Denn die leben genau in den Stadtteilen, die die Integration leisten müssen. Der grüne Prenzlberg-Bürger, der sich prima mit „seinem Vietnamesen um die Ecke“ versteht, weiß selten, von welchen Prozessen real die Rede ist.)

    Dann kommt der Umschwung nach Paris: Schlagzeilen, wie oben zitiert, jagen sich im Sekundentakt. Die schlimmste fiel heute Konstantin Schreiber auf ZON ein, nachdem er einen Blick auf Facebook-Kommentare von Arabern geworfen hatte. Seine Schlagzeile lautete ernsthaft: „Sie hassen uns“.
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-11/terrorismus-naher-osten-europa-paris-hass-gemeinsamkeiten

    Natürlich schreibt Herr Schreiber auch in einer späteren Passage seines Artikels, dass er doch sehr hofft, dass die ihn so erschreckenden Posts nur für eine Minderheit der Muslime stehen. (Er kann sich hier auch ein Bashing der kritisch kommentierenden Leser durch den Vergleich mit diesen Hassposts nicht verkneifen – was für ein albernes Zeichen journalistischen Selbstmitleids, das sich hier auf eine Stufe mit Opfern von Kriegen stellt!). Doch die Redaktion, die einen solchen Artikel so abdruckt, muss doch professionell genug sein, um die so viel größere Wirkung einer Schlagzeile im Vergleich zu einem Satz im letzten Drittel des Textes zu kennen. Bei der großen Menge derjenigen Muslime, besonders aber der arabischen, die en passant auf diese Überschrift stoßen, ist die kommunikative Wirkung ihres Wortlauts eine fatale. Zumindest werden sie sich wohl kaum angesichts solcher Worte hier „willkommen“ fühlen.

    Was aber machen Redakteure, die handwerklich zwei in ihrer Botschaft gegenüber Muslimen im Land so divergierende Kampagnen lostreten? Und ich spreche hier nicht von der BILD-Zeitung, von der ich noch nie anderes erwartet hätte! Die Zeit hält sich schließlich für das Qualitätsmedium par exellence. Was aber wurde hier betrieben? Das ist doch in der Kombination eine glatte Divide-et-Impera-Methode! Erst können gar nicht genügend Menschen einer Gruppe herbeigejubelt werden, dann wird vor ihnen exzessiv Panik geschürt! Spielt es da eine Rolle, ob das einer bodenlosen Absicht oder einer ebenso bodenloser Dummheit geschuldet ist? Oder einer zynischen marktbedingten Gleichgültigkeit? Und das betrieben von einer – disons le mot – Journaille, die sich ständig gegenüber kritischen Lesern mit einer „Werte“-Monstranz schmückt, die sich gewaschen hat.

    Es sind solche Situationen, in denen Journalisten bedenkenlos den Hype der Kampagnenpolitik mitmacht, statt sie zu reflektieren, oder sogar in einer überbordenden Skandalisierung mehr Kampagne lostritt, als sie das Handeln der Politiker hergibt, in denen sich geballt Misstrauen einstellt. Besonders wenn in der Summe die Skandalisierung einen Effekt hat, den die Mehrheit der Leser als gegen die eigenen Interessen gerichtet erkennt (schließlich haben eine feste Position, aus der heraus man die Agenda einer Zeitung bestimmen kann, nur diejenigen Platzhirsche, die sich in einer exklusiveren Postion befinden dürften als die meisten Bürger), stellt sich bei den Menschen der Eindruck ein: „Die bedienen eine Agenda irgendwelcher anderer Herren, aber nicht das Interesse ihrer Leser“. Die millionenfach gelesene & im Fernsehen gesehene Darstellung der empirischen Untersuchung von Uwe Krüger (Meinungsmacht, 2014), die durch „Die Anstalt“ Eingang in das Bewusstsein eines Millionenpublikums hielt, ist da weiterhin ein Faktum, mit dem sich Journalisten & Medien ernsthafter als bisher ins Benehmen setzen müssen. Denn wie im Falle der destruktiven Wirkung von Kampagnen ist die Ausrichtung der meisten Ressortleiter an einem Transatlantismus, der immer stärker zum Nachteil Europas gerät, nicht mehr zu leugnen. Den teilen folglich immer weniger & wollen ihn sich auch nicht pastoral einreden lassen.

    Wenn Journalisten, wie es miese Umfragewerte nahelegen, immer weiter von den Bevölkerungen als „Leute, die gegen uns agieren“ wahrgenommen werden, statt als Brücke zwischen politischen Entscheidern & Mehrheitsbedürfnissen, unter anderem durch verantwortungslose Skandalisierungen, unverhältnismäßige Selbstermächtigungen oder auch einen Mangel an Positionsvielfalt, der dafür sorgt, dass die Menschen in ihren Artikeln nichts von ihrem Blick auf das Leben entdecken können, dann ist es um den Journalismus rabenschwarz bestellt – & zwar: zu Recht.

    Es reicht nicht mehr, Vogel-Strauß-Politik zu betreiben & den Unmut zu ignorieren. Erst recht kommen Publikumsbeschimpfungen schlecht an, auch in der Position des „Therapeuten“ oder „Oberlehrers“, der sich dem Publikum paternalistisch nähert: Ich fürchte, es ist eine Selbstabrechnung nötig, in der die Verantwortlichen in den Medien bis an die Schmerzgrenze gehen & ihren Lesern sehr ernsthaft zuhören müssen.

    Wie die Atomuhr steht die Uhr der Medienkritik auf 3 vor 12. Zeit zur Umkehr.

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