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Seltsame „Sorgfaltspflicht“: Wie die Lübecker Nachrichten in einer Anzeige das Wort „Medienkrise“ strich

Die Lübecker Nachrichten haben den Begriff „Medienkrise“ aus einem Stellengesuch gestrichen.
Die Lübecker Nachrichten haben den Begriff "Medienkrise" aus einem Stellengesuch gestrichen.

Ein Journalist suchte im Anzeigenteil der Lübecker Nachrichten per Annonce nach "anderweitiger" Beschäftigung. Bevor sein Gesuch erschien, bekam er aber einen Anruf der Anzeigenabteilung. Man werde den Begriff "Medienkrise" aus der Anzeige herausstreichen – aus "Sorgfaltspflicht", wie es später schriftlich hieß.

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Medienkrise: Beschäftigungsloser Journalist sucht anderweitig Arbeit. Angebote bitte an XXX@email.de*.

Das waren die Worte, die ein Journalist für eine Anzeige in den Lübecker Nachrichten in Auftrag gegeben hatte. Doch das Blatt machte wahr, was es am Telefon angekündigt hatte. Als der Journalist die Lokalzeitung samt Anzeige aufschlug, hat man seinen Text verändert. Der Begriff ‚Medienkrise‘ wurde gestrichen.

Anzeigen-Text

Der Kunde, der namentlich nicht genannt werden möchte, war verdutzt und schrieb der Verlagsleitung eine Mail. Die Antwort einer Mitarbeiterin: Die Zeitung sei ihrer „Sorgfaltspflicht“ nachgekommen. Wörtlich heißt es in einer Mail, die MEEDIA vorliegt:

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Grundsätzlich sind wir verpflichtet alle Anzeigen zu prüfen, da wir eine entsprechende Sorgfaltspflicht für Veröffentlichungen in unseren Medien haben.

In der von Ihnen aufgegebenen Anzeige gehört aus unserer Sicht das Wort „Medienkrise“ nicht zum eigentlichen Inhalt Ihrer Anzeige, obgleich es natürlich auch in der Medienbranche umfassende Veränderungen und Umbrüche gibt.

Mit den „umfassenden Veränderungen und Umbrüchen“ dürften sinkende Auflagen, sinkende Anzeigenerlöse und Stellenstreichungen gemeint sein. Ein Schicksal, das auch die zur Mediengruppe Madsack gehörende Lübecker Nachrichten ereilt. Im September wurde bekannt, dass die Regionalzeitung aus dem Norden ein Drittel aller Stellen in der Redaktion abbauen will.

Häufige Folgen des Stellenabbaus sind unter anderem, dass Redaktionen der „Sorgfaltspflicht“ nicht mehr gewissenhaft nachkommen können. Gleiches gilt ganz offensichtlich auch für die Anzeigenabteilung der LN. Denn erst am vergangenen Wochenende patzte diese auf der Titelseite, auf der über die Attentate in Paris berichtet wurde. Die Anzeige eines Versicherers direkt daneben sorgte wegen des Stichwortes „schadenfroh“ für Kritik. Das Pflichtgefühl setzt bei den Anzeigenverantwortlichen der Lübecker Nachrichten offenbar eher selektiv ein.

*Unkenntlichmachungen von der Redaktion

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